TURNERS Thesen : Weniger Doktoren sind kein Unglück

Was haben Banker und der Doktortitel gemeinsam und worin unterscheiden sie sich? Beide haben an Ansehen verloren. Bei den Finanzleuten ist das Vertrauen verloren gegangen, weil sich manche als windige Verkäufer von Luftschlössern erwiesen haben. Beim Doktortitel haben der Vorwurf von Plagiaten und Nachlässigkeiten der Doktoreltern Zweifel am Wert des Titels aufkommen lassen. Die Banker versuchen, den Schaden zu beheben; beim Dr. ist er dauerhaft.

Das Volk ist gespalten: Die einen sind es, die anderen werden es nie. Wer nicht selbst „den Doktor macht“, kann ihn dennoch bekommen, mit einem Vorzug: Bei der Ehrenpromotion droht nicht die Bloßstellung als Plagiator.

Ist man einmal promoviert, kommt dies einem „lebenslänglich“ gleich. Dritte begrüßen Herrn und Frau Dr. XY, der Eintrag im Personalausweis verschafft ein wenig Distanz bei Verkehrskontrollen, selbst bei Todesanzeigen entfaltet es über das irdische Ende hinausreichende Wirkung.

Begründet sind ein solcher Respekt und eine innere Habt-Acht-Stellung nicht immer. Haben Doktoranden/innen über Jahre an einem Thema ernsthaft gearbeitet, hat die vorgelegte Arbeit nicht nur eine seriöse Prüfung durch den Erst- und Zweitgutachter mit einer überdurchschnittlichen Bewertung erfahren und schließlich die Hürde zur Publikation in einem renommierten Verlag genommen, spricht die Vermutung für eine honorable Leistung und dafür, dass die Wissenschaft vorangebracht worden ist.

Das Gros der Promotionen dürfte solchen Ansprüchen nicht genügen. Sie werden erstrebt um des Titels willen. Da es so viele Professoren gibt (rund 20 000), die berechtigt sind, Doktorarbeiten zu vergeben und das Anspruchsniveau nicht nur in den Fächern und Hochschulorten, sondern auch innerhalb einzelner Fakultäten unterschiedlich ist, gibt es „so ’ne und solche“ Dissertationen. Manche Träger verdienen nicht den Respekt, den der Titel zu vermitteln scheint. In der Wirtschaft spricht man davon, dass der Wert eines Produkts durch Masse vernichtet wird. Diese Erkenntnis ist übertragbar.

Wenn der gesellschaftliche Konsens dahin ginge, dass der Doktor bei Medizinern eine Art Berufsbezeichnung ist, bei Wissenschaftlern ein Zeichen der Qualifikation und ansonsten aus dem Sprachgebrauch verschwindet, wird der Anreiz, den Titel zu erwerben, nachlassen. Weniger Dissertationen sind kein Unglück für den Wissenschaftsstandort Deutschland, weniger Bücklinge vor „Herrn oder Frau Dr.“ und damit Einbußen an „Respekt“ noch weniger. Statt womöglich das Promotionsrecht auch den Fachhochschulen zu verleihen, sollte man den Doktortitel von seinem Mythos befreien.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar