TURNERS Thesen : Wir brauchen viele gut Gebildete

Zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen stehen sich gegenüber: Die einen wollen, dass mehr als 50 Prozent der entsprechenden Altersgruppe eine Hochschule besuchen, die anderen warnen vor einem akademischen Proletariat. Der Standpunkt der einen: in einer sich ständig verändernden Arbeitswelt benötige man gut ausgebildete Menschen, die den gestiegenen Anforderungen genügten. Deshalb müsse man noch mehr Studierende an die Hochschulen bringen. Dagegen wird angeführt: viele Hochschulabsolventen würden keine ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung finden. So würden Fehlinvestitionen vorgenommen. Im Übrigen führe dies zu einer Unzufriedenheit bei den Betroffenen und bedeute politischen Sprengstoff. Man schaffe mit der Forderung nach mehr Studierenden eine Akademikerschwemme.

Sicher kann man in einem Punkt sein: Prognosen über den Bedarf an Akademikern waren bisher alle falsch. Das schlechteste Beispiel sind die Vorhersagen über den Lehrerbedarf. Dabei sollte man angesichts bekannter Geburtenzahlen und feststehender Vorgaben für Klassengrößen und Stundendeputat eigentlich berechnen können, wie viele Lehrkräfte gebraucht werden. Um wie viel schwieriger ist es da, den Bedarf für andere Berufe zu prognostizieren. Man sollte bei solchen Fragen also vorsichtig sein.

Es ist richtig, allen, die es können und wollen, eine möglichst gute Ausbildung zu ermöglichen. Im Zweifel werden sie die auch beruflich verwerten können. Und selbst wenn jemand „unterwertig“ beschäftigt wird, ist das kein „verpfuschtes“ Leben. Auch dann, vielleicht besonders dann, kann das Gelernte zu einer persönlichen Bereicherung und zu einem erfüllten Leben führen. Die Vertreter der sich gegenüberstehenden Positionen sollten also ein wenig „abrüsten“. Wer mehr recht hat, stellt sich erst später heraus.

Am wenigsten Schaden wird angerichtet, wenn jeder seinen Fähigkeiten entsprechend Chancen erhält. Das heißt, dass junge Menschen nicht auf falsche Fährten gelockt werden dürfen. Das geschieht, wenn suggeriert wird, das Heil sei allein über eine Hochschulausbildung zu erreichen. Umgekehrt darf nicht abgeschreckt werden. Hochschulen sollten sich hüten, ihre Programme zu speziell auszurichten. Das, was unter Profilbildung angepriesen wird, kann leicht in Sackgassen führen. Wenn es richtig ist, dass der Arbeitsmarkt von morgen konkret nicht beschrieben werden kann, ist es falsch, die Ausbildung zu spezialisiert zu gestalten.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm einen E-Mail schicken: george.turner@t-online.de

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