UdK Berlin : Das Archiv des Medien-Propheten

Einblicke in die „telematische Gesellschaft“: Der Nachlass des Kommunikationstheoretikers Vilém Flusser ist an der Universität der Künste Berlin zugänglich.

Ute Bongartz

Vilém Flusser gehörte zu den Propheten unter den Philosophen. Als Theoretiker der Neuen Medien sagte er vor mehr als 20 Jahren, als der Personal Computer noch kein weit verbreiteter Haushaltsgegenstand war und Handycams noch längst nicht in jeder Hosentasche steckten, den Eintritt in eine neue Gesellschaftsform voraus. Er nannte sie die „telematische Gesellschaft“, in der die Menschen durch die Digitalisierung der Bilder selbst digitalisiert werden und die Informationsvergabe durch Schrift von technischen Bildern weitgehend abgelöst wird.

Die Kommunikation durch Bilder findet heute im World Wide Web statt – interaktiv, basisdemokratisch, und bei Weitem nicht immer zur Zufriedenheit aller. Im Angesicht von Youtube, Flickr und Facebook bewahrheitet sich Flussers Verständnis von der Welt als „Universum der Bilder“ und bestätigt die Bedeutung seines Denkens. Flusser wurde 1920 in Prag geboren, musste 1939 vor den Nazis fliehen und emigrierte schließlich nach Brasilien, wo er als Professor für Kommunikationstheorie in São Paulo international bekannt wurde. Flusser starb 1991 bei einem Besuch in Prag.

Die Bewahrer seines Nachlasses sitzen in Berlin, im Vilém-Flusser-Archiv in der Grunewaldstraße (Schöneberg). Das an der Universität der Künste beheimatete Archiv wird geleitet von Siegfried Zielinski, Professor für Medientheorie am Institut für zeitbasierte Medien, und wissenschaftlich betreut durch den Mitarbeiter Marcel René Marburger. „Hier findet sich so ziemlich alles, was Flusser wissenschaftlich hinterlassen hat“, sagt Marburger. Zur Fülle des Materials gehören seine 2400 Essays, teils in mehreren Sprachen verfasst, seine gesamte Korrespondenz, das sind etwa 20 000 Briefe, ein Teil seiner Bibliothek, seine Zeitschriftensammlung, Fotos, Vorträge und Mitschriften seiner Vorlesungen. Eine seiner zahlreichen Gastvorlesungen führte Flusser 1985 auch an die damalige Hochschule der Künste Berlin. Erhalten ist auch das Manuskript von Flussers nicht publiziertem erstem Buch aus dem Jahr 1957.

Das Archiv ist weit über Deutschland hinaus bekannt: Es bildet den kommunikativen Knotenpunkt der Flusser-Forschung. 40 Prozent sind internationale Anfragen 60 Prozent kommen aus Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland, davon 20 Prozent aus Berlin – der überwiegende Teil von den Dozenten und Studierenden der UdK Berlin selbst.

Mit dem Ruf Zielinskis an die UdK vor zwei Jahren zog auch das Flusser-Archiv von Köln nach Berlin. Seither sind neue Projekte entstanden wie der „Vilém Flusser Theory Award“ in Kooperation mit der Transmediale, dem jährlich in Berlin stattfindenden Festival für Medienkunst und digitale Kultur. Andere Projekte wie die „International Flusser Lectures“, die in diesem Jahr am 22. Oktober ihr 10-jähriges Jubiläum feiern, und bei der Kommunikationsexperten wie der Filmregisseur Harun Farocki, der Kunstwissenschaftler Boris Groys oder der Spieltheoretiker Alexander R. Galloway zu Gast waren, haben Zielinski und sein Team nach Berlin mitgenommen und erweitert. So war bei der letzten Flusser-Lecture im Juli eine brasilianische Theatergruppe zu Gast, die sich Leben und Werk Flussers auf humorvolle Weise annäherte.

Die lebendige, transdisziplinäre Gedankenwelt Vilém Flussers fortzuschreiben, sei ihm eine Herzensangelegenheit, sagt Zielinski. Er bereitet derzeit gemeinsam mit der Akademie der Künste in Budapest ein großes DVD-Projekt vor, bei dem die letzten Interviews, die Flusser gegeben hat, in mehreren Sprachen veröffentlicht werden sollen. Ziel sei es, „diesen wichtigen Philosophen der Gegenwart mit all seinen charismatischen Dimensionen medial verfügbar und international bekannter zu machen“, sagt Medientheoretiker Zielinski. Sein Traum: den gesamten Nachlass elektronisch auf der Archivwebsite verfügbar zu machen. So würde Flusser in das Medium zurückkehren, dessen Existenz er vor 20 Jahren voraussagte. Ute Bongartz

Das Archiv im Internet:

www.flusser-archive.org

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