Umstrittene Ausstellung : Persönlichkeitsrecht für Mumien

Ein Mannheimer Museum zeigt konservierte Leichen aus 2000 Jahren. Ein Berliner Ägyptologe nennt es "Mumienpornografie". Werden Tabus gebrochen?

Barbara Kerneck
Mumie
Frühes Leid: Die Mumie des 1801 verstorbenen einjährigen Johannes Orlovits wurde 1994 in einer ungarischen Dominikanerkirche...Foto: Nationalmuseum für Naturkunde Budapest

Nebeneinander liegen sie im Sonntagsstaat, der kleine Johannes, sein Vater, der Müller Michael Orlovits und dessen zierliche Ehefrau Veronica. Sie starben in der gleichen Reihenfolge, in den Jahren 1801 bis 1808 im Alter von einem Jahr, 41 und 38 Jahren. Die abgeschlossene Luft in einer vergessenen Kirchenkrypta der ungarischen Kleinstadt Vac hat sie konserviert. Zu sehen sind sie in der Ausstellung „Mumien – der Traum vom ewigen Leben“ im Zeughaus des Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museums, der bisher größten ihrer Art. Die Ausstellung läuft seit Monaten mit großem Erfolg; gerade wurde sie bis Mai verlängert.

Das Spektrum von 70 Mumien reicht vom getrockneten Skarabäus bis zum Mammutbaby aus dem sibirischen Eis. Doch im Zentrum stehen im Laufe zweier Jahrtausende teils absichtlich, teils durch natürliche Bedingungen mumifizierte Menschen aller Kontinente. In gedämpftem Licht, umringt von Grabbeigaben, werden sie hier im Rahmen ihrer jeweiligen Kulturen präsentiert.

Die Familie Orlovits gehört zu 265 Einwohnern von Vac aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die man 1994 bei Restaurierungsarbeiten entdeckte. „Natürlich haben wir Statistiken über die geringe Lebenserwartung in jenen Jahrhunderten. Aber erst wenn wir die Körper dieser Personen sehen, fühlen wir ihr Schicksal hautnah“, sagte kürzlich Ildiko Pap, Anthropologin am Ungarischen Museum für Naturgeschichte, auf einem jetzt parallel zur Ausstellung veranstalteten Symposium.

Aber wie nah dürfen Wissenschaftler das Publikum an menschliche Überreste heranlassen, ohne die Totenruhe zu verletzen? Das Mitgefühl für die Verstorbenen verbiete deren öffentliche Zurschaustellung, hatte der Direktor des Berliner Ägyptischen Museums, Dietrich Wildung, bei der Eröffnung der Ausstellung Ende September kritisiert. Er bezeichnete sie damals als „Mumienpornografie“. Dieser Ausdruck kam auf Platz 2 unter den Kandidaten für das „Unwort 2007“. In Deutschland entbrannte eine heftige Diskussion um ethische Gesichtspunkte beim Ausstellen Verstorbener.

Der Ägyptologe empfindet sich so weit als Sachwalter der Kultur der alten Ägypter, dass er Tod und Sterben, wie auch die Sphäre der Sexualität in Museen gern ganz zum Tabu machen würde. Genau wie jene es taten – jedenfalls in ihren Schriften. Wildung berief sich bei dem Symposium auf Thomas Mann, der über seinen Besuch am Sarkophag Amenophis IV schrieb: „Das Gefühl beschämender Indiskretion verlässt einen bei keinem Schritt. Diese Menschen haben ihr Leben lang darauf gesonnen und keine Vorkehrung unterlassen, um genau das zu verhindern, was jetzt geschieht“.

Die Rechtslage eröffnet den Museen indes einigen Spielraum. Ein Leichnam ist dem deutschen Gesetz zufolge keine Person, verfügt aber über ein sogenanntes „postmortales Persönlichkeitsrecht“. Ob dieses von seiner Ausstellung beeinträchtigt wird, hängt von den vorherrschenden sozialen Anschauungen ab. Die Organisatoren mehrerer Mumienausstellungen der vergangenen Jahre in Deutschland berichteten über Besucherbefragungen: Über 90 Prozent hegten keine Abscheu gegen das Gezeigte. Die deutsche Sektion des International Council of Museums (ICOM) hat im Jahre 2002 ethische Richtlinien zum Umgang mit menschlichen Überresten verabschiedet. Darin heißt es unter anderem, solche Objekte seien behutsam und mit Respekt zu behandeln. Eine Anweisung, die penibel beachtet zu haben, der Kurator der Mumienausstellung, Wilfried Rosendahl, versicherte.

Spätestens seit der Entdeckung des tiefgefrorenen Ötzi sind ohnehin die Zeiten vorbei, in denen Wissenschaftler Mumien zerlegten wie Schrottautos. Sie arbeiten heute vornehmlich mit der Computertomographie, die das Gewebe nicht zerstört. Dank der DNS-Analyse von mumienbegleitenden Bakterien sind antike Krankheiten mittlerweile wohlbekannt. Haare wiederum verraten durch metallische Spurenelemente, was ihr Träger zu Lebzeiten aß und trank und ob er sein Bewusstsein mit Nikotin oder Kokain manipulierte.

Inzwischen gelten Mumien als wertvollste Archive der Menschheitsgeschichte. Ohne den über 5000 Jahre alten Ötzi wüsste man heute nicht, dass in der Kupferzeit Einkorn gegessen wurde und die Männer Leggings an Strapsen trugen. Der Biologe Albert Zink ist seit Juni 2007 Direktor des neugegründeten „Instituts für Mumien und den Iceman“ an der Europäischen Akademie in Bozen. Er präsentierte auf dem Symposium eine der jüngsten Methoden. Mit einem eigentlich für die Materialprüfung erfundenen Rasterkraftmikroskop maß er die Elastizität von Blutkörperchen um eine Wunde an der Hand des Eismannes und konnte nachweisen, dass diese bereits mehrere Tage alt gewesen sein muss, als Ötzi den Tod durch einen Pfeilschuss fand. Die Methode wird künftig auch Gerichtsmedizinern helfen.

Bei aller Objektivität ihrer Untersuchungen fühlen sich manche Mumiologen stellvertretend für „ihre“ Mumien gekränkt, als handele es sich um ein Mitglied der eigenen Familie. So empörte sich die kanadische Moorleichenspezialistin Heather Gill-Robinson im Namen eines ihrer „Objekte“ über ein Souvenir aus einem US-Museumsshop: „Meine Liebe zu Moorleichen verbietet mir, meinen Frühstückskaffee aus einem Becher mit dem Schädel des Roten Franz drauf zu trinken.“

Die Ausstellung „Mumien – der Traum vom ewigen Leben“ in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim ist noch bis zum 18. Mai zu sehen; vom 22. Juni bis 14. September wird sie im Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig, gezeigt. Der Katalog ist 2007 im Verlag Philipp von Zabern, Mainz, erschienen; Preis bis 31.03.08: 29,90 Euro, danach 34,90 Euro.

www.rem-mannheim.de/museen/museum-zeughaus/ausstellungen-in-c5/mumien.html

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