Umwelt : 70 Prozent der Bäume in Deutschland sind geschädigt

Zuerst mahnten Förster, dann riefen Umweltgruppen und am Schluss schrien es fast alle: „Der Wald stirbt!“ - trotzdem wird dieser Fall nicht eintreten.

Walter Schmidt

 In den frühen achtziger Jahren erreichte das Schicksal der Bäume die breite Öffentlichkeit. Magazine druckten große Bilder von Baumskeletten, die den sauren Regen nicht überlebt hatten. Manche Experten prognostizierten weitreichende Säuresteppen, wo bis dato noch Wälder standen.

Daraufhin beschloss vor nunmehr 25 Jahren die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU), den Zustand des Waldes im Jahresrhythmus aufwendig erheben zu lassen. So stapften 1983 zum ersten Mal die Förster im Bundesauftrag durch die Reviere, um die Baumkronen nach Lücken im Laub- beziehungsweise Nadelkleid zu untersuchen. Im folgenden Jahr erschien der erste „Waldschadensbericht“ der Bundesregierung, aus dem mittlerweile der freundlicher klingende „Waldzustandsbericht“ geworden ist.

Und der verzeichnet noch immer beachtliche Schäden: Von den untersuchten Referenzbäumen hatte jeder vierte eine deutlich geschädigte Krone. Besonders betroffen sind die Eichen, jede zweite hatte ein löchriges Dach. Vom Sterben des Waldes ist aber längst keine Rede mehr. „Das würde dem Zustand unserer Wälder absolut nicht entsprechen“, sagt Eberhard Aldinger, Leiter der Abteilung Waldökologie bei der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg. Das Absterben einzelner Bäume sei bis zu einem gewissen Grad ein natürlicher Vorgang, der den Bestand des Ökosystems Wald nicht beeinträchtigt.

Auch künftig werde der Wald nicht sterben, stellt Aldinger klar: „Da ist keine Gefahr im Verzug.“ Selbst wenn einige Baumkronen verlichtet sind, wie es die Fachleute nennen. „In Bezug auf sein Laub- oder Nadelkleid kann ein Wald nie zu 100 Prozent gesund sein“, sagt der Freiburger Forscher. Dazu unterliegen die Bäume zu vielen äußeren Einflüssen, die zudem häufig wechseln – vom Wetter bis zum Schädlingsbefall. „Mit den jährlichen und periodischen Schwankungen müssen wir uns abfinden, aber wir machen uns deswegen keine Sorgen.“

Die Frage ist nur, warum in den achtziger Jahren die Wogen derart hochschlugen. „Die Bedeutung der Luftschadstoffe für den Zustand der Wälder wurde damals in der öffentlichen Diskussion stark überbewertet“, sagt Aldinger. „Aber es gibt eine ganze Reihe von Einflüssen – angefangen von Nähr- und Schadstoffeinträgen über die jeweilige Witterung und den Klimawandel bis hin zu Baumschäden, etwa durch Insekten oder Pilze.“

Außerdem ist die bis heute zu Rate gezogene Kronenverlichtung nach Ansicht des Forstfachmanns zwar ein „Indikator für den Waldzustand“. Doch sie sei sehr unscharf, sodass man daraus nicht auf die Ursache der Blatt- oder Nadelverluste schließen könne.

Immerhin: Der Holzbestand in den Wäldern hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Das von Umweltverbänden gelegentlich vorgetragene Argument, Waldbäume würden durch ein Zuviel an Nährstoffeinträgen ähnlich fehlernährt wie ein Kind, das nur Schokolade zu essen bekommt, ist Aldinger zufolge nicht korrekt. „Aber genauso falsch ist die Annahme, dass es Bäumen schon deshalb gut geht, weil sie stark wachsen“, sagt der Wissenschaftler.

Breite Jahresringe könnten die Folge davon sein, dass es mehr als früher regnet und die Winter milder und kürzer geworden sind. „Wenn das Frühjahr zeitiger beginnt, treiben die Bäume früher aus und produzieren deshalb länger Biomasse“, sagt der Forstwissenschaftler Jürgen Bauhus, Leiter des Instituts für Waldbau an der Universität Freiburg. Eine Rolle könne aber auch spielen, dass der Nährstoffgehalt der Waldböden sich im Vergleich zu früheren Jahrhunderten erholt habe. „Seit die Wälder nicht mehr durch weidende Nutztiere ausgelaugt werden, kann sich wieder organische Substanz ansammeln.“

Näher untersucht werden müsse noch, ob und wie sich die Einstrahlung der Sonne in den Wäldern verändert und somit zum Biomasse-Zuwachs geführt hat. „Kondensstreifen am Himmel oder Luftschadstoffe könnten den Anteil diffus gestreuten Lichts erhöht und den des direkt auf die Waldbäume treffenden Lichts verringert haben“, sagt Bauhus. „Während direktes Sonnenlicht auf die Baumkronen zu starkem Schattenwurf durch das Laub führt, trifft diffuses Licht aus vielen Richtungen auf – und ist damit in der Summe stärker.“

Sollte sich das Klima – wie prognostiziert – grundlegend ändern, werde sich das auch auf die Zusammensetzung der Baumarten in den heimischen Wäldern auswirken, prognostizieren Forstwissenschaftler. Die ohnehin meist standortfremden Fichten werden seltener, während Laubbäume wie Eiche, Esche, Ahorn, Kirsche und bei den Nadelgehölzen die Douglasie gewinnen könnten.

Obwohl Jürgen Bauhus gegenüber seinen Studenten nur noch vom öffentlichen „Phänomen Waldsterben“ spricht, hatte der Rummel in den vergangenen Jahrzehnten aus seiner Sicht auch sein Gutes. „Zum einen hat die damals angeschobene Forschung unseren Kenntnisstand erheblich erweitert“, sagt er. Positiv – auch wegen der volkswirtschaftlich sinnvollen Effekte – seien zweitens die Verordnung zur Rauchgasentschwefelung von Großkraftwerken und die Kalkung der Wälder gewesen.

„Außerdem haben die vielen Medienberichte das Bewusstsein für den nötigen Umbau der Wälder geschaffen“, fügt Bauhus hinzu. Riesige Monokulturen von Fichten oder Kiefern legt heute keiner mehr an. „Man kann sich sehr wohl die Frage stellen, ob all das passiert wäre, wenn man die Vorgänge in den Wäldern schon damals so nüchtern betrachtet hätte wie heute“, sagt der Forscher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben