Umwelt braucht Brücken : Baumlos schöner

Slowakische Naturschützer kämpfen gegen die Verwaldung von Wiesen So bewahren sie Gebiete, in denen sich seltene Pflanzen und Tiere ansiedeln.

Im Sommer besuchten 23 Elftklässler des Dathe-Gymnasiums in Berlin-Friedrichshain 23 Gymnasiasten im slowakischen Poprad. Im Rahmen des Projekts „Umwelt baut Brücken – Jugendliche im europäischen Dialog“ recherchierten sie gemeinsam, wie in slowakischen Naturschutzgebieten Lebensräume restauriert werden. Unterstützt wird der Austausch, an dem 34 deutsche und osteuropäische Schulen teilnehmen, von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und dem Aachener Izop-Institut. Die Jugendlichen haben den folgenden Text geschrieben, das Interview geführt und die Fotos gemacht.

Wälder, so dachten wir bevor wir in die Slowakei fuhren, sind grundsätzlich wichtig für die Umwelt. Doch manchmal können Wälder auch eine Biosphäre stören, weil sie die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt hemmen. So wie im slowakischen Naturschutzgebiet Belianske lúky. Vor dem beeindruckenden Panorama der nahe gelegenen Hohen Tatra zeigen und erklären uns der Botaniker Dobromil Galvánek vom ökologischen Institut „Daphne“ und der Nationalparkexperte Tomáš Dražil die Moorwiesen, deren Artenreichtum sie erhalten wollen.

Das Gebiet ist sehr reich an Grundwasser und war deshalb ursprünglich mit Erlen bewaldet. Im Zuge der landwirtschaftlichen Erschließung rodeten Siedler die Wälder und nutzten die Flächen als Weiden. „Weil die Wiesen oft gemäht wurden, entwickelten sich so genannte Moorwiesen, feuchte Wiesen, in denen sich nach und nach Torfboden bildete“, erläutert Dražil. In den so entstandenen Lebensraum seien viele neue Tier- und Pflanzenarten eingewandert. Doch nach 1975 habe man die traditionelle Bewirtschaftung eingestellt und die Wiesen verwildern lassen. „Also breitete sich der Erlenwald wieder aus.“ Daphne versucht nun, die artenreichen Moorwiesen in einigen Biotopen zu erhalten. Deshalb wurden bereits 30 Hektar der verwilderten Fläche gerodet.

Nur vereinzelt lassen die Naturschützer Bäume stehen, mehr würden dem Boden und somit den kleineren Gewächsen das Wasser entziehen. Tomáš Dražil zeigt uns eine seltene Fleisch fressende Pflanze, die gerade eine Fliege gefangen hat. Nicht weit entfernt schwankt eine Gruppe von Orchideen im Wind. „Seht Ihr diese Pflanze, das Schmalblättrige Wollgras? Wo die wächst, ist das Moor nicht weit“, sagt Dražil. Wir schlüpfen in unsere Gummistiefel und nähern uns einem kleinen Tümpel. Dobromil Galvánek springt ein paar Mal, der Boden in der Umgebung vibriert. Der ständig mit Wasser voll gesogene Torfboden ist wie eine Matte. Auf eine der seltenen Pflanzenarten sind die beiden Forscher besonders stolz: „Unser Naturschutzgebiet hat das größte Vorkommen an Karlszeptern in ganz Mitteleuropa.“

Ermöglicht hat die Wiederherstellung der Artenvielfalt die finanzielle Unterstützung des Global Environmental Facility (GEF), eine von der Weltbank und der Uno getragene Umweltschutzinstitution. Mit dem Geld werden zum Beispiel Landwirte motiviert, sich um die Wiesen und Felder zu kümmern, die keinen Ertrag abwerfen, aber deren Pflege dennoch aufwändig ist. Allein schon das regelmäßige Mähen nimmt Zeit in Anspruch. Wenn die ursprüngliche Artenvielfalt wieder hergestellt ist, soll außerdem ein Lehrpfad angelegt werden, auf dem jeder dieses einzigartige Biotop erkunden kann.

Anschließend führt uns eine Busfahrt ganz in den Norden der Slowakei, bis in die Nähe der polnischen Grenze. Am Straßenrand mähen Bauern das Gras, Männer in Volkstrachten steuern Flöße mit Touristen den Grenzfluss Dunajec hinunter. Schließlich erreichen wir den Nationalpark Pieniny. Ebenso wie im Naturschutzgebiet Belianske lúky verwaldeten die Flächen, nachdem sie nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wurden. Auch hier versucht man, durch die Erhaltung von Wiesen die Artenvielfalt zu schützen. Deshalb wurden 250 Hektar Mischwald und Büsche abgeholzt, um Wiesenlandschaften Raum zu geben. „Nur wenn wir den Lebensraum Wiese bewahren, können Tierarten wie zum Beispiel der gefährdete Apollofalter bei uns überleben“, sagt der Botaniker Galvánek. Sumpfigen Charakter haben die Wiesen hier allerdings nicht.

Auch dieses Projekt wird von „Daphne“ organisiert, die finanzielle Unterstützung kommt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Wie im Naturschutzgebiet Belianske lúky übernehmen ansässige Landwirte das Roden und Mähen der neuen Wiesen. Damit sich das rentiert, haben sie sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und EU-Fördermittel beantragt. Ohne solche Gelder würde es für die Landwirte keinen Anreiz geben, die Wiesen zu mähen. Kühe fressen das anfallende Heu kaum, es kann nur an die wenigen Pferde verfüttert werden. Der Bürgermeister des nahe gelegenen Dorfes Lesnica überlegt nun, ob man das überschüssige Heu in einem Biomassekraftwerk verwerten könnte, doch konkrete Pläne gibt es nicht.

Ist das Abholzen der Wälder überhaupt sinnvoll? „Wir wollen dadurch auch unser touristisches Potenzial vergrößern“, sagt der Bürgermeister. Touristen würden eine abwechslungsreiche Landschaft mit Wiesen und Wäldern einem reinen Waldgebiet vorziehen. Aber werden durch die Rodung der Wälder nicht auch Lebensräume zerstört? „Sicherlich ist das der Fall“, sagt Dobromil Galvánek von Daphne. Doch vergrößere sich durch die Wiesen der Artenreichtum enorm. Man müsse daran festhalten. Außerdem werde viel Wald erhalten. Beim Abschied schauen wir von einer Anhöhe noch einmal hinab in das weite Tal. Inmitten von Wäldern und blühenden Wiesen liegen idyllische Dörfer. Auf dem Rückweg fliegt uns ein Apollofalter über den Weg. Zugegebenermaßen ist eine so abwechslungsreiche Landschaft reizvoll, reizvoller als der Blick auf eine reine Waldlandschaft. Tourismus und Umweltschutz scheinen sich hier gut zu vertragen.

Den Text haben verfasst: Lisa Bunk, Anne Kathrin Schmidt und Tom Goldmann.

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