Uniabschluss : Master, Meister, Manager

Berufe sollen europaweit vergleichbar werden. Entwertet das Uniabschlüsse?

Frank van Bebber
Qualifiziert. Bachelorabsolventen sollen laut einem neuen Regelwerk auf einer Stufe mit Industriearbeitern stehen, die Fachschulabschluss und Berufserfahrung haben. Foto: picture-alliance/ dpa
Qualifiziert. Bachelorabsolventen sollen laut einem neuen Regelwerk auf einer Stufe mit Industriearbeitern stehen, die...Foto: picture-alliance/ dpa

Noch wird an den Hochschulen in Deutschland heftig über Bachelor und Master gestritten. Längst aber ist das nächste Experiment auf dem Weg, das die Hochschulen verändern könnte: der Deutsche Qualifikationsrahmen. Lange hat sich an den Unis kaum jemand für das sperrige Regelwerk interessiert, an dem Beamte, Politiker und ein Zirkel von Experten und Lobbyisten seit Jahren werkeln.

Doch der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) ist ein Angriff auf den akademischen Standesdünkel im deutschen Bildungssystem. Er ordnet alle Qualifikationen, vom Hilfsarbeiter bis zum Universitätsprofessor, in ein achtstufiges Einheitsraster ein. Hermann Nehls, beim DGB-Bundesvorstand für Bildung zuständig, beschreibt die von den Gewerkschaften erhoffte Wirkung unumwunden so: „Es muss möglich sein, das höchste Niveau zu erreichen, ohne die Hochschule einen Tag von innen gesehen zu haben.“

Vertreter von Hochschulen und Professoren zeigen sich alarmiert: Die Hochschulrektorenkonferenz forderte unlängst einen neuen Ansatz. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, warnte: „Mit dem Qualifikationsrahmen wird über die Hintertür der Unterschied von beruflicher und akademischer Bildung eingeebnet und den Hochschulen eine neue Klientel zugeordnet.“ Kempen bemühte die Bologna-Parallele und sprach vom erneuten Versuch, kulturelle Vielfalt in ein europäisches Einheitsschema zu pressen.

Tatsächlich hat der DQR wie die Bologna-Reform seinen Ursprung in einer Initiative der Europäischen Union. Ende 2004 beschlossen 32 europäische Staaten in Maastricht, einen Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) zu schaffen. Das Ziel: Qualifikationen in der Arbeitswelt sollen europaweit vergleichbar werden, um die Mobilität von Arbeitnehmern zu erleichtern. Die EU spricht von einer „Übersetzungshilfe“. Vor zwei Jahren begannen Bund und Länder, als Gegenstück zum EQR den Deutschen Qualifikationsrahmen zu entwickeln. Ziel ist auch hier die bessere Vergleichbarkeit unterschiedlicher Bildungs- und Beschäftigungssysteme. Ergebnis: Master, Meister und Manager können sich am Ende auf einer Stufe wiederfinden.

Dazu wird ein Einheitsraster über die Bildung gelegt: Der DQR besteht aus acht Qualifikationsstufen, denen in einer Matrix Fertigkeiten und Kompetenzen zugeordnet sind. Entscheidend ist, dass die Qualifikationen vorhanden sind, nicht wo und wie sie erworben wurden. Die DQR-Stufen spiegeln sich in jenen des EQR. Das Übersetzungsprinzip: Ein deutscher Studienabschluss wird etwa auf der sechsten DQR-Stufe einsortiert. Von hier wird das Ergebnis in den EQR übertragen. In anderen Ländern kann die EQR-Stufe wieder in den eigenen nationalen Rahmen gespiegelt werden. So lassen sich Qualifikationen über Grenzen vergleichen. Ab 2012 sollen alle Zeugnisse einen Verweis auf ihr EQR-Niveau erhalten.

Die Arbeit am Deutschen Qualifikationsrahmen ist weit fortgeschritten. Anfang 2009 hatten Bundesbildungsministerium und Kultusministerkonferenz einen ersten Entwurf vorgestellt. Inzwischen haben Arbeitsgruppen aus den Bereichen Metall, Handel, Gesundheit und IT ihre Abschlüsse testweise zugeordnet. Ihre Berichte werden derzeit ausgewertet und diskutiert, bevor am Ende ein Handbuch fixe Vorgaben zur Einordnung machen soll.

Ein Blick in die Testberichte zeigt, dass Vertreter beruflicher und akademischer Bildung bis zuletzt miteinander rangen. Zwar sind sich alle einig, dass Akademiker in die höchsten Stufen gehören: Bachelor in sechs, Master in sieben, Promovierte in acht. Doch gegen den Widerspruch der Hochschulen sollen sich zum Beispiel auch beruflich zum IT-Systemmanager aufgestiegene Fachkräfte in Stufe sechs wiederfinden. Im Metall- und Elektrobereich wurden Absolventen von Fachschulen mit Berufserfahrung der Stufe sechs zugeordnet wie Fachwirte oder Meister. Beim Handel sollen Fachschul-Betriebswirte mit Führungsaufgaben und Fortbildung bis Stufe sieben aufrücken.

Der Leiter der Arbeitsgruppe Elektro/Metall, Georg Spöttl, gab bei einer Bundestags-Anhörung zu Protokoll: „Die Berufsbildung ist der Gewinner bei der Entwicklung des Deutschen Qualifikationsrahmens.“ Die Hochschulrektoren befürchten dagegen einen Irrweg. „In der Folge würden falsche Vorstellungen von den Ansprüchen eines Studiums und den nötigen Vorqualifikationen vermittelt“, warnt die HRK vor Qualitätseinbußen.

Doch Gewerkschaften und Arbeitgeber haben die Chance des DQR schon vor Jahren erkannt und ihre Lobby-Kontakte spielen lassen, als sich an den Hochschulen noch niemand dafür interessierte. DGB-Vertreter Nehls sagt: „Wir haben jedes Jahr 300 000 Hochschulabsolventen, aber auch 125 000 Teilnehmer beruflicher Aufstiegsfortbildung. Die wollen ihre Kompetenz auch abgebildet sehen.“ Und selbstbewusst fügt er hinzu: „Wir sagen, auch in den Stufen sechs, sieben und acht zählt berufliches Wissen.“

Wie wirkungslos der Protest der Akademiker-Lobby verpufft, zeigen die Aussagen des Vorsitzenden der EQR-Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz (KMK), Lothar Herstix. Auch aus Sicht der KMK müsse jedes Niveau auf verschiedenen Wegen erreichbar sein, versicherte er vor wenigen Wochen bei einer Anhörung im Bundestag. Die von den Hochschulen vorgeschlagene Unterscheidung der oberen Stufen in akademische und berufliche Qualifikationen hält Herstix schlicht „nicht für erforderlich“.

Die aufgeschreckten Professoren und Hochschulen fürchten angesichts solcher Aussagen, der DQR könnte schon bald mehr sein als nur eine Übersetzungshilfe. „Die Bindungswirkung und Rechtsfolgen, die den Zuweisungen in eine Kompetenzstufe zukommen sollen, sind vollends unklar“, sagt DHV-Präsident und Jura-Professor Kempen.

Unbegründet scheinen seine Befürchtungen nicht: Zwar stellt ein Gutachten des Bonner Rechtsprofessors Matthias Herdegen im Auftrag des Bundesbildungsministeriums fest, Qualifikationsrahmen seien nur Instrumente des Vergleichs. Die Zuordnung einer Qualifikation habe keine unmittelbare rechtliche Wirkung, etwa bei der Studienzulassung. Doch DGB-Vertreter Nehls sagt bereits, der Rahmen „wird auch die Frage der Anerkennung beruflicher Qualifikationen an den Hochschulen beeinflussen.“ Und KMK-Arbeitsgruppensprecher Herstix betont zwar weiter, aus dem DQR ließen sich keine Ansprüche ableiten. Er schränkte aber ein: „Ob dies allerdings auf Dauer so gültig bleiben kann“, hänge auch davon ab, ob andere Staaten Rechtsfolgen aus dem Rahmen herleiteten. Daraus, schloss Herstix nicht aus, könnten dann doch Ansprüche erwachsen.

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