Unijubiläum : Aufbruch in Leipzig

Einer ihrer Studenten schuf die Basis für den Computer. Zum 600. Geburtstag will die Universität der sächsischen Messestadt an große Zeiten anknüpfen

Paul Janositz
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In Bewegung. Ein neuer Campus ist in der Leipziger Innenstadt entstanden (hier ein saniertes Unigebäude). Um die Gestaltung gab es...dpa-Zentralbild

Küssen für die Wissenschaft, diese elektrisierende Erfahrung kann derzeit in Leipzigs Altem Rathaus gemacht werden. Wer an einer Elektrisiermaschine kurbelt, wird aufgeladen und kann den leichten elektrischen Schlag per Kuss weitergeben. Was im 18. Jahrhundert ein Vergnügen in Salons und auf Jahrmärkten war, demonstriert jetzt die revolutionären Veränderungen in Naturwissenschaften und Technik: Der Versuch ist einer von 13 Experimentierstationen, die in der Ausstellung „Sachsen – Erleuchtung der Welt und der Beginn der modernen Wissenschaften“ zum Mitmachen einladen.

Auch die Geisteswissenschaften wurden im Zeitalter der Aufklärung umgekrempelt. Die Philosophie emanzipierte sich von der Theologie. Neue Disziplinen wie Geschichtswissenschaften, Kunstgeschichte, Archäologie und Orientalistik entstanden. „Viele Gelehrte, die zwischen dem 17. und beginnenden 19. Jahrhundert die Geistes- und Naturwissenschaften revolutioniert haben, kamen von der Leipziger Universität", sagt Cecilie Hollberg, Kustodin der Ausstellung. 600 Jahre wird die Universität dieses Jahr – sie ist eine der ältesten deutschen Universitäten. Mit der Ausstellung verweisen die Sachsen auf ihren Anspruch, die Entwicklung der modernen Wissenschaft über die Jahrhunderte nachhaltig beeinflusst zu haben.

Einer jener Gelehrter der Aufklärung war Jakob Leupold, der zehn Jahre lang Theologie studiert hatte, bevor er sich der Herstellung wissenschaftlicher Gerätschaften verschrieb. Er erfand die Vakuumpumpe, mit der er 1709 August den Starken zum Staunen brachte. In der Leipziger Ausstellung ist ein Nachbau des wuchtigen Geräts zu sehen. Die Besucher können beim Auseinanderziehen zweier evakuierter metallener Halbkugeln die Muskeln spielen lassen. Die vier Grundrechenarten und das Wurzelziehen beherrscht ein weiteres bemerkenswertes Ausstellungsstück. Mit seiner 1673 erfundenen Rechenmaschine schuf Gottfried Wilhelm Leibniz – einer der berühmtesten Studenten Leipzigs – als Vordenker des Binärcodes die Grundlagen heutiger Computertechnik.

Als am 2. Dezember 1409 die „Alma Mater Lipsiensis“ im Speisesaal des Thomanerklosters gegründet wurde, war ihr ein Exodus von Gelehrten und Studenten aus Prag vorausgegangen. König Wenzel IV. hatte dort per Dekret seinen böhmischen Landsleuten die Stimmenmehrheit in den akademischen Gremien verschafft. Die nichtböhmischen Nationen, die Bayern, Sachsen und Polen, verließen daraufhin scharenweise die 1348 gegründete, somit älteste Universität im deutschsprachigen Raum und fanden Zuflucht in der aufblühenden Messe- und Handelsstadt am Fluss Pleiße.

Heute ist wieder Aufbruchstimmung in Leipzig. Die Universität soll aufgepäppelt werden. Am deutlichsten wird dies im Zentrum der Stadt, im Areal zwischen Augustusplatz und Universitätsstraße. Dort erhält der Campus ein modernes Gesicht. Plattenbauten aus DDR-Zeiten, darunter Seminar- oder Hauptgebäude, wurden teils saniert, teils mussten sie weichen. Nun gruppieren sich sechs von Grund auf restaurierte oder neu errichtete Gebäude um den attraktiven Innenhof, das Leibnizforum, wo auch eine sechs Meter hohe Statue von Gottfried Wilhelm Leibniz steht. Auf einer großen Baustelle wächst das neue Paulinum samt anschließendem Hauptgebäude empor.

Das Paulinum soll Aula, Veranstaltungsort und Kirche zugleich sein. Dem Bau war ein Streit vorausgegangen, der die Leipziger wie kaum ein anderer zerriss. Die ehemaligen Universitätskirche St. Pauli war wie das einstige Augusteum auf Befehl des damaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht am 30. Mai 1968 gesprengt wurde. Tiefe Wunden hatte die Sprengung in die Leipziger Seele gerissen. Ein Förderverein propagierte nach der Wende – teilweise unterstützt von der Landesregierung, aber gegen den vehementen Widerstand der Universität – einen originalgetreuen Wiederaufbau, ähnlich der Dresdner Frauenkirche. Im Streit um die Pläne für den neuen Campus in der Innenstadt trat die Unileitung 2003 sogar zurück. Doch schließlich konnte die Uni das Konzept eines funktionalen Neubaus durchsetzen, in dem sakrale Elemente an die Kirche erinnern sollen.

Der Bau sollte bis zum Jubiläum fertig sein, doch das klappt nicht. Auch deswegen, weil der Architekt – der Niederländer Erick van Egeraat – insolvent wurde. Doch der große Festakt zum 600. Universitätsgeburtstag soll im Dezember in jedem Fall im Paulinum gefeiert werden. „Notfalls kommen wir in Gummistiefeln“, sagen Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Rektor Franz Häuser unisono. Auf Schirme kann die Festgesellschaft wohl verzichten. Zumindest die Fassade stehe und das Dach werde dicht sein, versichert Uni-Sprecher Tobias Höhn.

In der Forschung wollen die Leipziger künftig Erfolge feiern. Zwar schnitt die Universität in der ersten Runde des Elitewettbewerbs schwach ab: Sie erhielt nur den Zuschlag für eine Graduiertenschule in der Nanoforschung. Doch für Rektor Franz Häuser war die Chancengleichheit verletzt: „Der Westen hat 40 Jahre Vorsprung.“ Vor allem süddeutsche Universitäten hätten stets aus dem Vollen schöpfen können.

Gleichwohl sieht Häuser, seit 1994 Professor in der Messe-Stadt, seine Institution eher bei den Starken: „Wir sind bundesweit im ersten Drittel.“ Er ist überzeugt, dass bei der nächsten Runde eine ostdeutsche Hochschule den Exzellenzstatus bekommen werde. Dies könnte seine Uni sein. Zumindest beim Shanghai-Ranking 2008 rangierte sie zusammen mit der Uni Halle als beste ostdeutsche Hochschule in der Ranggruppe 200 bis 300. Zum Vergleich: Dort landete auch die Technische Universität Berlin.

Der Zoologe Martin Schlegel, Prorektor für Forschung, sagt, Leipzig habe schon lange konsequent Schwerpunkte in der Forschung gebildet. Leipzig sehe sich zwar als Volluniversität mit dem kompletten Fächerspektrum. Mit sechs „Profilbildenden Forschungsbereichen“ gelinge es jedoch, starke Bereiche noch besser zu machen. So wurden interdisziplinäre Arbeitsgruppen gebildet zu Themen wie Nanoforschung, Bioinformatik, „Gehirn, Kognition und Sprache“ oder „Mathematik und ihre Anwendung in den Naturwissenschaften“.

In Feierstimmung sind aber nicht alle Universitätsangehörigen. Statt Millionen von Euro in ein aufwendiges Jubiläumsprogramm mit 300 Veranstaltungen zu stecken, solle das Geld für bessere Studienbedingungen verwendet werden, sagt Dorothee Riese, Sprecherin des StudentInnenrats. Vor allem bei der Umstellung auf das Bachelor-Master-System hake es. In den Kultur- und Politikwissenschaften etwa seien die Lehrveranstaltungen überlaufen, andere Fächer, wie die Sprachwissenschaften, müssten dagegen ums Überleben kämpfen. Gerade der für Leipzig spezifische, interdisziplinäre Wahlbereich ist nach Rieses Worten schlecht organisiert. So hätten die Studierenden auf dem Papier zwar attraktive Wahlmöglichkeiten, doch könnten sie bei der Anmeldung nicht sicher sein, überhaupt einen Platz in den Lehrveranstaltungen zu bekommen.

Freiheit bei der Fächerwahl, das forderten auch die aufsässigen Studenten zur Zeit der Wende. „Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, hatte sich der Studierendenrat konstituiert“, sagt Peer Pasternack. Der Politikwissenschaftler und spätere Berliner Staatssekretär studierte in Leipzig, als sich die Montagsdemonstrationen von der Nikolaikirche aus in Gang setzten. „Forderungen, etwa die Pflichtfächer Marxismus-Leninismus oder Russisch abzuschaffen, wurden von der Unileitung schnell akzeptiert.“ Eine neue Verfassung wurde entworfen, studentische Mitbestimmung fixiert. Doch auch während des Umbruchs funktionierte der Lehrbetrieb. „Kein Studienjahr ging verloren“, sagt Pasternack.

Einiges vom Elan der Wendezeit hat sich in Leipzig erhalten. Unzufriedene Studierende besetzten im Frühjahr für acht Wochen Räume im Neuen Seminargebäude. Sie forderten zur Diskussion auf, über das Bildungssystem, die Leipziger Universität und die Gesellschaft. Speziell wurden das hohe Arbeitspensum, die vorgegebenen Stundenpläne und Anwesenheitslisten kritisiert. „Mit dem Wissen wächst der Zweifel“, stand auf einem ihrer Transparente – ein Spruch des ehemaligen Leipziger Studenten Johann Wolfgang von Goethe.

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