Unis im Osten : Das Auffangbecken wird voller

Auch an den Universitäten in Ostdeutschland gibt es schon in vielen Fächern einen Numerus clausus, vor allem Potsdam ist wegen der Nähe zu Berlin überlaufen. Doch insgesamt ist die Lage noch entspannt.

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Camp-In. Studierende in Jena demonstrieren im Stadtrat auf Schlafsäcken, um auf den Mangel an Wohnraum aufmerksam zu machen: Ein Zeichen, dass auch in den Osten immer mehr Studenten kommen. Das Land hat jetzt trotzdem den Unis die Etats gekürzt. Foto: dapd
Camp-In. Studierende in Jena demonstrieren im Stadtrat auf Schlafsäcken, um auf den Mangel an Wohnraum aufmerksam zu machen: Ein...Foto: dapd

Das schwierigste Jahr bei der Versorgung der Schulabgänger mit Studienplätzen wird das Jahr 2012. Die doppelten Abiturientenjahrgänge schlagen voll durch, in Baden-Württemberg, NRW und Berlin. Mit über 400 000 Studienanfängern pro Jahr ist zu rechnen. Kommt es zur Aussetzung der Wehrpflicht, sind weitere 50 000 Schulabgänger zu versorgen. „Dramatisch“, nennt Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, die Lage.

An den drei großen Universitäten Berlins gibt es seit der letzten großen Sparrunde im Jahr 2004 einen flächendeckenden Numerus clausus (NC) für Bachelorstudiengänge. Auch für die inzwischen in die Masterphase aufrückenden Studenten wird der NC zum Problem, weil bei der Aufnahmekapazität gespart wird: Nur die Hälfte der Plätze im Bachelor steht für Masterstudiengänge zur Verfügung.

Mithilfe des Hochschulpakts von Bund und Ländern sind im Westen zwar bereits 92 000 zusätzliche Studienplätze geschaffen worden. Und weitere 275 000 neue Studienplätze sollen bis zum Jahr 2015 in den alten Ländern entstehen. Dennoch reicht das nicht für die Versorgung der doppelten Abiturientenjahrgänge, die zugleich die letzten starken Geburtenjahrgänge in der alten Bundesrepublik sind.

„Go East!“, heißt denn auch die Parole. Die Politiker raten Schulabgängern, der Überfüllung im Westen auszuweichen und im Osten zu studieren. Deswegen bekommen auch die Hochschulen in den neuen Ländern im Rahmen des Hochschulpakts Geld, allein zu dem Zweck, ihre vorhandenen Studienplätze bis zum Jahr 2020 zu bewahren. Denn wegen des Geburtenrückgangs reichen die Landeskinder dort nicht aus, um die Universitäten zu füllen. Außerdem gibt es im Osten keinen Ansturm durch doppelte Abiturjahrgänge. Das Abitur war schon in der DDR nach 12 Jahren erreicht, überwiegend blieb es nach der Wende dabei.

Wie viel Platz bietet das Überlaufbecken im Osten noch? Die Lage verändert sich auch dort. In vielen Studiengängen im Osten gibt es schon einen Numerus clausus. Er liegt allerdings nicht so hoch wie in Berlin (siehe Tabelle). Manche Fächer sind im Osten auch noch so leer, dass die Abiturnote keine Rolle spielt. Vor allem den Bewerbern um die Masterstudiengänge stehen die Türen noch weitgehend offen. So sind beliebte Fächer wie Jura, Germanistik, Deutsch als Fremdsprache, Politikwissenschaft oder Chemie in Jena zulassungsfrei. Geschichte hat in Leipzig keinen NC, Romanistik oder Philosophie sind in Rostock ohne NC. Oft geben die Universitäten auf ihren Internetseiten auch absichtlich den NC vor dem Abschluss des gesamten Verfahrens an. Vermutlich, um den Bewerbern hohe Hürden vorzumachen und so elitär zu wirken und entsprechende Bewerber anzuziehen. Zusätzliche Intransparenz entsteht, wenn die Hochschulen den NC für die Masse der Bewerber hinter einem kaum verständlichen eigenen Punktesystem verstecken, wie es in Halle-Wittenberg, aber auch an der FU geschieht. Dabei werden die bei der Bewerbung neben der Abiturnote berücksichtigten zusätzlichen Kriterien wie eine gute Note in Englisch verrechnet. Verschleiert wird dabei, wo der NC dabei wirklich liegt.

Allerdings ist ungewiss, wie lange die Lage noch entspannter als im Westen ist. Der Studentenstrom schwillt weiter an. Und die Hörsäle zum Beispiel in Jena werden nach Kürzungen der Landesregierung immer voller werden. Schon jetzt sitzen dort in BWL-Vorlesungen 500 Hörer.

Gleichwohl ist der Anteil von Studenten aus den alten Bundesländern trotz aller Marketingmaßnahmen immer noch nicht so hoch, wie es die Hochschulpolitiker gehofft haben. Die TU Dresden zählt 36 000 Studierende, darunter nur 19 Prozent aus Westdeutschland. An der Universität Leipzig kommen von 28 200 Studierenden 23 Prozent aus den alten Bundesländern. An allen Hochschulen des Landes Sachsen-Anhalt zählt man unter den 9080 Studienanfängern knapp 29 Prozent aus dem Westen. Halle-Wittenberg ragt bei der Nachfrage heraus: 31 Prozent haben sich aus den westlichen Bundesländern in diesem Wintersemester eingeschrieben. Das sind zehn Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Auch Mecklenburg-Vorpommern verzeichnet in diesem Wintersemester eine erstaunliche Steigerung bei den Studienanfängern aus dem Westen: Von 26 Prozent auf 35 Prozent.

Potsdam ist wegen der Nähe zu Berlin ebenfalls ein Magnet für Studierende aus dem Westen: Von den 20 332 Studierenden kommen 32 Prozent aus Berlin, 20 Prozent aus den alten Bundesländern, zehn Prozent aus dem Ausland und 38 Prozent aus dem eigentlichen Stammland Brandenburg sowie aus den neuen Bundesländern. Im letzten Jahr zählte die Universität Potsdam 29 000 Bewerber auf nur 3000 freie Studienplätze. Das hat nach Auskunft des Vizepräsidenten für Studium und Lehre, Thomas Grünewald, zu einem umfassenden Numerus clausus bereits bei den Bachelorstudiengängen geführt. Von rund 100 Studiengängen in Potsdam seien 90 mit Zulassungsbeschränkungen versehen worden. Noch gibt es ein Zeitfenster von vielleicht einem Jahr bei den Masterstudiengängen. Zurzeit sind 29 Masterstudiengänge für das Lehramt an der Universität Potsdam zulassungsfrei. Berliner Studenten mit dem Bachelorabschluss in der Tasche können sich also für das Masterstudium in Potsdam bewerben.

Aber ein Automatismus besteht nicht. Denn bei allen Angleichungen in der Schulpolitik zwischen Berlin und Brandenburg gibt es bei der Lehrerbildung noch erhebliche Unterschiede. Trotz aller Bemühungen der Universitätsleitung um eine Angleichung seien diese Versuche bei den Politikern bisher ohne Erfolg geblieben, kritisiert Grünewald.

Ob die Berliner Bewerber um ein Masterstudium für das Lehramt an anderen Universitäten im Osten aufgenommen werden, hängt in jedem Fall von der Einzelprüfung ab. Aus der Universität Jena verlautete, Berliner Bachelorabsolventen könnten in Jena nicht in ein Masterstudium einsteigen, weil die Landesregelungen in Verbindung mit dem Staatsexamen das ausschlössen. In Leipzig und Dresden sieht es günstiger aus.

Abgesehen vom Lehrermaster dürfte die Situation im Osten im Master noch länger gut sein. Denn nicht alle Hochschulen haben sofort auf den Bachelor umgestellt, sodass zunächst noch Plätze im Master frei bleiben. In Dresden bemüht sich die Universität, allen Bachelorabsolventen auch den Master zu ermöglichen – wobei jedoch bestimmte Leistungen vorausgesetzt werden. Die Universität Leipzig baut ihre Masterstudiengänge erst auf und richtet entsprechende Zulassungsverfahren ein. Bisher gibt es 83 Masterstudiengänge in Leipzig, von denen elf einen NC haben.

Im Kultusministerium von Sachsen-Anhalt wird die Werbung um Studenten aus dem Westen koordiniert. Matthias Stübig von der Koordinierungsstelle sagt: „Wir wollen, dass junge Menschen aus dem Westen kommen und vielleicht später im Land bleiben.“ Allerdings gebe es noch zu viele Vorurteile über die Studienorte im Osten. Es muss sich noch herumsprechen, dass man in Leipzig und Dresden, Rostock und Halle-Wittenberg preiswerte Mietwohnungen finden kann und gute Studienangebote erhält. Jena macht die Ausnahme: Dort sind Mietmöglichkeiten sehr begrenzt. Das Umland ist mit der Bahn jedoch gut erreichbar.

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