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Unis in Ägypten : Studieren und kämpfen

16.04.2012 00:00 Uhrvon
„Nieder mit der Militärherrschaft“. Studierende demonstrieren in Kairo. An säkularen wie an religiösen Unis gibt es Proteste.Bild vergrößern
„Nieder mit der Militärherrschaft“. Studierende demonstrieren in Kairo. An säkularen wie an religiösen Unis gibt es Proteste. - Foto: AFP

Tägliche Demos, Protestcamps an den Unis: Ein Jahr nach der Revolution versucht die Kairoer Studentenbewegung ihre Erfolge gegen die alten Kräfte zu verteidigen. Auch an der German University kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen.

„Wann kommt endlich der Wandel?!“ Groß haben das die Demonstranten auf die Transparente geschrieben, mit denen sie über den Campus der Universität Kairo ziehen. Hunderte Studierende protestieren an diesem Nachmittag an der größten Uni Ägyptens. Sie skandieren Parolen und trillern mit ihren Pfeifen, als sie durchs Haupttor auf die Straße marschieren. Sicherheitskräfte drängen jeden ab, der ein Foto schießen will.

Kairo im April, mehr als ein Jahr nach Beginn des arabischen Frühlings. Von liberalen Studierenden ging damals die Revolution aus. Vieles hat sie seitdem enttäuscht, die islamischen Parteien haben bei den Parlamentswahlen gesiegt, die säkularen Kräfte geraten immer mehr in die Defensive.

Doch die Studierenden geben nicht auf, kämpfen auf dem Campus und in der Stadt weiter für die Demokratie.

An allen Unis boykottieren Studierende immer wieder den Unterricht. Aktivisten campieren seit einigen Wochen auf dem Gelände der Uni Kairo, ihre Zelte haben sie auf der Wiese vor dem im Kolonialstil erbauten Hauptgebäude aufgeschlagen. An die Gebäude haben Studierende Graffiti gesprüht: Die rote Faust der Jugendbewegung 6. April etwa, die Gruppe initiierte die Demos auf dem Tahrir-Platz. Anderswo sind Köpfe von Kandidaten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen aufgemalt. „Ihr seid Präsidenten des alten Regimes“, klagen die Aufschriften an.

Der Ingenieurstudent Omar Marei, 21, demonstrierte vor einem Jahr auf dem Tahrir-Platz. Mit leuchtenden Augen erzählt er, wie sich die Menschen umarmten, jubelten und vor Freude weinten, als Mubaraks Rücktritt bekannt wurde: „Das war der schönste Tag in meinem Leben.“ An seiner Uni wurde er kurz danach zum ersten Präsidenten der Studierendenvertretung gewählt. In diesen Tagen ist er wieder auf der Straße. Am Morgen protestierte er mit Tausenden vor dem Bildungsministerium. Jetzt, am Abend, ist er mit anderen Studierendenvertretern in die Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu einer Diskussion über Parlamentarismus eingeladen. „Die wollen verhindern, dass wir als Bürger unser Land verändern“, ruft Omar erregt. Mit „die“ sind der Militärrat, die von ihm eingesetzte Regierung und die Muslimbruderschaft gemeint.

Anlass für die aktuellen Proteste sind Vorgänge rund um die Neuwahlen zu den Studierendenvertretungen. Die Regierung hat die Wahlen kurzfristig angesetzt, binnen einer Woche sollen sie stattfinden. „Ein Schock für uns“, sagt Omar. Die liberalen Studierenden sehen darin ein heimtückisches Manöver der Muslimbrüder. Diese seien an den Unis besser organisiert und spekulierten darauf, dass die Liberalen so schnell nicht genug Kandidaten aufstellen könnten, lautet der Vorwurf. Zudem hat die Regierung eine neue, demokratische Verfassung für die Studierendenschaften abgelehnt. Omar hat sie sieben Monate lang miterarbeitet. Alles schien auf einem guten Weg, bis plötzlich das Nein kam. Nun gilt wieder die Ordnung der Mubarak-Zeit. „Eine Polizeistaatsordnung“, schimpft Omar, denn sie erlaubt den Uniausschluss von Studenten, die sich auf dem Campus politisch äußern.

Hat sich wirklich nichts an den Unis geändert? Wurden nicht im vergangenen Jahr Dekane frei gewählt, die die vom alten Regime ernannten Funktionäre ablösten? Wurde die Allmacht einzelner Professoren nicht gebrochen? Die Sicherheitspolizei nicht vom Campus vertrieben?

Der Mittelalterhistoriker Mohamed Afifi gilt als einer, der schon früher dem Mubarak-Regime skeptisch gegenüberstand. In seinem Büro an der Uni Kairo stapeln sich auf massiven Bücherwänden Dissertationen aus Jahrzehnten. Schwarze Vorhänge lassen kaum einen Strahl der Nachmittagssonne hinein. Ähnlich düster wie Afifis Arbeitszimmer wirkt seine Stimmung. Als Historiker wisse er zwar, dass sich die Denkweise von Jahrzehnten nicht innerhalb von Monaten verändern lasse, sagt Afifi: „Als Privatperson bin ich aber überhaupt nicht optimistisch, was die aktuelle Lage angeht.“ Mubarak sei gestürzt, das System geblieben. Das gelte auch für die Hochschulen: „Die Lage an den Unis spiegelt die Gesamtsituation in Ägypten wider.“

Die Dekane seien zwar erstmals gewählt worden, sagt Afifi. Die Wahlen wurden aber bis in den Herbst verzögert, was die alten Eliten ausnutzten, „um Angst vor Veränderung zu schüren“. Durchgesetzt hätten sich so meistens die Vizes der alten Garde. Sogar der Unipräsident, ein Parteigänger Mubaraks und verstrickt in Korruptionsfälle, habe es geschafft, im Amt zu bleiben. Manche Professoren ließen Studenten weiterhin durchfallen, wenn diese sich weigerten, die teuren Bücher der Professoren zu kaufen. Man könne den Kollegen das fast nicht übel nehmen: Wegen der niedrigen Gehälter seien sie auf die Einnahmen aus den Bücherverkäufen angewiesen. Die Studenten seien zu recht frustriert, sagt Afifi – und hofft, dass sie weiterdemonstrieren: „Das ist die zweite Welle der Revolution.“

Warum die Proteste an der German University in Cairo (GUC) eskalieren, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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