Unis in der Nazi-Zeit : TU Berlin streitet über Aufarbeitung

Der Historiker Wolfgang Benz die TU Berlin gemahnt hat, ihre Vorgeschichte im Nationalsozialismus und die Folgen weiter zu erforschen. Jetzt kündigt TU-Präsident Steinbach weitere Projekte an.

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Studierende auf dem Campus der TU Berlin. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Dunkle Kapitel. Ein Seminar soll Studierende über die NS-Geschichte informieren. Geplant ist auch ein Gedenken an die Opfer auf...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wie geht die Technische Universität Berlin künftig mit ihrer NS-Vergangenheit um? Ist die Aufarbeitung mit dem jetzt vorgelegten Forschungsbericht der Historikerin Carina Baganz (Tagesspiegel vom 11. Juli) womöglich abgeschlossen? Diese Fragen hat Wolfgang Benz, langjähriger Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU und Leiter des Aufarbeitungsprojekts, in dieser Zeitung gestellt (Ausgabe vom 15. Juli). Angemahnt hat Benz insbesondere, die TU und auch andere Universitäten müssten sich intensiver als bisher mit der im Nationalsozialismus „praktizierten willigen Staatsnähe“, aber auch mit der anschließenden „Restauration, die die Entnazifizierung allzu schnell ablöste“, auseinandersetzen.

Für die 1946 gegründete TU geht es um die Verstrickung ihrer Vorgängerin, der Technischen Hochschule Berlin (TH), aus der in der Nazi-Zeit über 100 Wissenschaftler vertrieben wurden, die ihre Forschung in den Dienst des mörderischen Regimes stellte und ein eigenes Lager für Zwangsarbeiter unterhielt. Und es stellt sich die Frage, wie belastet der Neuanfang der TU seit 1946 war, weil regimetreue Professoren weiterbeschäftigt wurden.

Kritiker: Ein Seminar über die NS-Zeit reicht nicht

Der Präsident der TU, Jörg Steinbach, hatte bei der Buchvorstellung in der vergangenen Woche lediglich eine Lehrveranstaltung am Zentrum für Antisemitismusforschung angekündigt, in der sich interessierte Studierende mit den dunklen Kapiteln der Hochschulgeschichte beschäftigen könnten. Dies bezeichnete der frühere TU-Präsident Kurt Kutzler jetzt in einem Brief an den Tagesspiegel als „billige Lösung“, mit der sich Steinbach „aus seiner Verantwortung der nötigen Aufarbeitung davonschleicht“. Kutzler, der die TU bis 2010 leitete, hatte 2008 die Forschung zur NS-Geschichte der TH Berlin initiiert. TU-Präsident Steinbach erklärte jetzt auf Nachfrage, neben dem angekündigten Seminar seien durchaus weitere Projekte geplant. So solle noch in diesem Jahr geklärt werden, wie man auf dem Campusgelände an die TH-Angehörigen erinnern könne, die von der Hochschule vertrieben und Opfer des Nationalsozialismus wurden. Darüber hinaus stehe als Fortsetzung der NS-Geschichte der TH die Aufarbeitung der Jahre 1945 bis 1950 an. Das Zentrum für Antisemitismusforschung solle in einem neuen Projekt erforschen, wie die TU Berlin mit den nationalsozialistisch belasteten Mitarbeitern der TH umgegangen sei. Dieses Projekt solle bis 2016, zum 70. Gründungsjubiläum der Universität, abgeschlossen sein.

Wolfgang Benz hatte die TU auch aufgefordert, unverzüglich auf die Spurensuche nach überlebenden Zeitzeugen unter den ehemaligen Zwangsarbeitern der TH zu gehen. Für Steinbach ist dies nicht vorrangig: „Für mich haben die Geschichte der Neugründung und die damalige Personalpolitik Priorität.“

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