Universität : Der Bachelor – mein Freund, mein Feind

Mehr Kontakt zu Studierenden, aber auch mehr Prüfungen: Wie Berliner Professoren mit dem neuen Studium klarkommen.

Uni
Das neue System fordert die Dozenten sehr - dafür haben die Studenten Freiräume. -Foto: dpa

Ist der Bachelor ein Übel? Oder ist er gut? Bis 2010 sollen die herkömmlichen Studienabschlüsse europaweit fast ganz wegfallen. Sie werden durch ein zweizyklisches System ersetzt: Das Bachelorstudium dauert zwischen sechs und acht Semestern und vermittelt neben der Fachwissenschaft auch berufsfeldbezogene Qualifikationen. Darauf baut ein zwei- bis viersemestriges Masterstudium auf. In Deutschland sollen die neuen Studiengänge die hohen Abbrecherquoten und die Zahl der Langzeitstudierenden senken. Deshalb ist das neue Studium stärker strukturiert. Lehrveranstaltungen müssen in Sinneinheiten zu Modulen zusammengefasst werden. Um Transparenz und Vergleichbarkeit herzustellen, werden für jede Studienleistung Leistungspunkte vergeben, für einen Arbeitsaufwand von 25 bis 30 Stunden gibt es einen Leistungspunkt. In sechs Bachelorsemestern sollen 180 Punkte erworben werden. Geprüft wird studienbegleitend, alle Zensuren fließen in die Endnote ein. Kann die akademische Freiheit in diesem Korsett überleben? Vor einigen Tagen hat der Tagesspiegel einige Berliner Bachelor-Absolventen dazu befragt (Ausgabe vom 26.August). Jetzt kommen Dozenten zu Wort.


Uwe Jens Nagel, Vizepräsident für Studium und Internationales und Professor an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität

Dem alten Studium weine ich keine Träne nach. Es war ein Dschungel, in dem sich Akademikerkinder am besten zurechtfanden. Das ist nicht mein Bild von Universität. Auch in meinem Fach war die Abbrecherquote vor der Studienreform dramatisch hoch. Im Bachelor kommen jetzt mehr als 70 Prozent durch – und zwar in 6,6 Semestern, also ohne großartig zu überziehen. Wer jobbt, braucht länger, das ist nicht neu. Der Bachelor macht nur ein Problem transparent, das früher einfach unter den Tisch gekehrt wurde. Teilzeitstudiengänge wären sinnvoll, aber dann muss auch das Bafög angepasst werden. Anwesenheitspflicht ist aus meiner Sicht Teil des neuen Systems. Die Zahl der Leistungspunkte, die jemand erwirbt, errechnet sich eben auch aus der Teilnahme am Seminar. Das kann man natürlich trotzdem liberal handhaben. Als wir den Bachelor vor acht Jahren eingeführt haben, haben wir zuerst zu viele Veranstaltungen angeboten. Für die Studierenden fehlte der Fokus. Die alten Studiengänge definieren sich eben traditionell über die Inhalte. In den neuen Studiengängen geht es aber um Kompetenzen. Die Studierenden sollen Denkformen und Methoden an Beispielen lernen. Meine Fakultät gibt den Studierenden die Möglichkeit, 40 Prozent der Studienzeit frei zu gestalten: Wer will, kann Chinesisch oder deutsche Literatur belegen und das Thema der Bachelor-Arbeit frei wählen. Es ist in der Hand der Fakultäten, eine Balance zwischen Strukturiertheit und Freiheit im Bachelor zu finden. Wenn sie es geschickt anstellen, bringen sie in den drei Jahren auch ein Auslandssemester unter.



Wolfgang Kaschuba, Professor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität

Der größte Nachteil an den neuen Studiengängen ist nicht so sehr die Verschulung, sondern der Organisations- und Verwaltungsaufwand, der jeder Beschreibung spottet. Jedes Seminar zählt für die Endnote des Studiums, daher muss jede Leistung dokumentiert werden. Wo früher ein Seminarschein reichte, sind nun zahllose Dokumente auszufüllen: detaillierte Protokolle zu mündlichen Prüfungen, schriftliche Gutachten, Abschlusszeugnisse für Module, Anwesenheitslisten. Das führt zu einer großen zusätzlichen Arbeitsbelastung für uns Wissenschaftler – ohne dass dadurch mehr Wissen generiert wird oder Studierende besser betreut werden. Vorteile kann ich bisher nicht erkennen. Für unsere Studierenden bedeutet das Bachelor-Studium eine enorme Verdichtung des Stoffes wie des Stundenplans. Sie können das schaffen, aber nur mit hängender Zunge – auch weil die Mehrzahl nebenher jobben muss. Wir hatten vor der Reform in unserem Fach einen projektorientierten Studiengang, bei dem die Studenten durch eigenes Forschen lernen sollen. Diese Grundidee wollten wir beim Bachelor erhalten, da so die Verschulung des Studiums aufgebrochen wird. Kern des Studiums ist daher ein großes Projektseminar, bei dem die Studierenden eigene Forschungen zu einem gemeinsamen Thema betreiben. Wir fragen unsere Studierenden regelmäßig, wie sie zurechtkommen. Dabei stellte sich heraus, dass für sie die zeitliche Belastung oft zu hoch ist. Wir vergeben seitdem für einzelne Module mehr Leistungspunkte und haben an anderer Stelle abgespeckt. Wenn für die Studierenden der Bachelor wirklich ein Vorteil werden soll, dann muss die Politik massiv mehr Geld in die Universitäten investieren. Nur dann können wir sie so intensiv betreuen, wie es nötig wäre.

Hans-Ulrich Heiß, Professor und Studiendekan der Fakultät Elektrotechnik und Informatik der TU Berlin

Die Ingenieurwissenschaften sind absolut nicht begeistert davon, ihr Diplom für Bachelor und Master aufgeben zu müssen. Trotzdem halte ich die neuen Studiengänge für sinnvoll. Wir werden kompatibler mit dem angelsächsischen System. Außerdem sind unsere Studierenden durchaus schon nach drei Jahren attraktiv für Unternehmen. Mit der Reform haben wir die Studiengänge komplett überarbeitet. Wir achten stärker auf Berufsqualifikationen im Studium und haben neue didaktische Konzepte eingeführt, insbesondere mehr Projektarbeit. Wir haben auch eine Fortschrittskontrolle eingebaut. Schon nach einem Jahr erfahren wir jetzt, wenn Studierende zu wenig Leistungspunkte machen, also Probleme haben. Mehr Bürokratie kann ich wegen des Bachelors nicht erkennen. Dank der elektronischen Prüfungsverwaltung gibt es keine Papierschlachten mehr, und die Studierenden müssen nicht mehr Schlange vor dem Prüfungsbüro stehen. Geprüft wird jetzt studienbegleitend. Dadurch verlieren die Studierenden Angst. Übergreifende Zusammenhänge können wir aber weiterhin in größeren Prüfungen abfragen. Anwesenheitspflicht verlangen wir nur in wenigen Kursen. Die Studierenden sollten selbst wissen, wie sie am besten lernen.



Bernd Kruse, Professor am Fachbereich Ingenieurwissenschaften der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW)

Das größte Problem am Bachelor ist der bürokratische Aufwand bei seiner Einführung. Wir haben zig dicke Berichte für die Akkreditierungsagenturen verfasst – ein Irrsinn. Ich kenne keinen einzigen Kollegen, der nicht noch an dem alten und bewährten Diplom hängt. Den Vorteil beim Bachelor sehe ich darin, dass die Lehrenden sich neu zusammenfinden mussten. Gut ist auch, dass jetzt auch Soft Skills im Studium vermittelt werden, etwa Präsentations- und Kommunikationstechniken. Außerdem macht es Sinn, dass die Absolventen schon mit 22 oder 23 Jahren in den Beruf gehen. Bei uns wirbt die Wirtschaft um Bachelorstudierende, die erst im vierten Semester sind. Inhaltlich hat sich durch den Bachelor nicht viel verändert. Wir haben das Programm gegenüber dem Diplom auf sechs Semester abgespeckt, aber wir bilden immer noch berufsfähige Generalisten aus. Allerdings verbessern wir die Studiengänge weiter. Darum ändern sich die Studienordnungen ständig, die Studierenden blicken gar nicht mehr durch. Die Module lassen jedenfalls viel Freiraum, solange ein Fachbereich nicht den Fehler macht, die Inhalte zu detailliert zu beschreiben. Mit Anwesenheitspflichten haben wir uns zurückgehalten. Die Freiheit von Forschung und Lehre gilt weiter. Allerdings ballen sich die Prüfungen nach wie vor zum Ende des Semesters, da müssen wir dringend noch was tun. Immer mehr unserer Studierenden gehen für ein Semester ins Ausland, besonders beliebt ist Australien. Bei der gegenseitigen Anerkennung von Modulen und Units sind wir großzügig. Schwierig ist es hingegen innerhalb der Region. Die Hochschulen haben sich über ihre Module überhaupt nicht abgesprochen. Dass müssen wir jetzt nachholen.

Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität

Die Vorteile am Bachelor überwiegen ganz klar. Geschichte ist ein Massenfach. Da war das alte, unstrukturierte Studium ein großes Problem. Die Dozenten kannten die Studierenden kaum. Die Abbrecherquote war sehr hoch, es gab viele verlorene Karrieren. Noch immer haben wir an unserem Institut mehrere hundert Magisterstudierende mit zweistelliger Semesterzahl. Im Bachelor ist der Kontakt zu den Studierenden viel intensiver geworden, ich kenne jetzt viel mehr persönlich als früher. Das hängt damit zusammen, dass häufiger geprüft wird. Die vielen kleinen Prüfungen im Bachelor sind für beide Seiten zwar auch anstrengend. Aber die Hürde einer großen Prüfung am Ende des Studiums, vor der viele Angst hatten, entfällt. Es ist offensichtlich, dass die Regelstudienzeit im Bachelor nicht mehr so weit überdehnt wird wie in den alten Studiengängen. Zwar werden nur wenige in sechs Semestern fertig. Aber nach acht Semestern schaffen es die meisten – viele sogar mit Auslandsaufenthalt. Wer sehr viel jobbt, braucht natürlich länger, aber das war im alten Studium nicht anders. Ehrlicher wäre es allerdings, die Hochschulen würden für solche Studierende mehr Teilzeitstudiengänge anbieten. Inhaltlich hat sich am Studium nicht viel geändert. Auch gibt es noch immer Wahlfreiheiten. Für ein Studium Generale ist im Bachelor allerdings kein Platz, jedenfalls nicht, wenn man zwei Fächer hat oder sogar auf Lehramt studiert. Bei der Anwesenheitspflicht bin ich ambivalent. Wenn ich sehe, dass die meisten Studierenden zum Seminar kommen, verzichte ich darauf. Gerade meine jüngeren Kollegen legen aber Wert auf Anwesenheit. Der größte Nachteil am Bachelor ist, dass die Bürokratisierung stark zugenommen hat, ohne dass die Dozenten dafür von der Lehre entlastet werden. Die Politik müsste die Studienreform endlich finanziell unterstützen.

Umfrage: akü/tiw

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben