Universität der Künste : Dem Ruf gefolgt

Sie sind neu an der UdK Berlin und sie wollen etwas bewegen: Wir stellen einige der kürzlich berufenen Professoren vor

Maike Schultz

Valérie Favre, Malerin: Feministin aus Überzeugung



Valérie Favre ist bekennende Feministin. Ein Motiv taucht in ihren Gemälden immer wieder auf: Die Kunstfigur „Lapine Univers“. Übersetzt bedeutet das „Universal-Häsin“, aber laut Favre spielt nicht nur die Figur eine Rolle. „Es geht auch um das Wortspiel. ‚La pine’ bedeutet ‚der Penis’“, sagt sie mit ihrem französischem Akzent. Ironisch kritisiert sie in ihrer Werkserie „Lapines Universes“ die Benachteiligung von Frauen auf dem Kunstmarkt: „Ich zeige, dass ich auch einen Penis habe – meinen Pinsel!“

Dass sie „auch etwas kann“, muss die gebürtige Schweizerin inzwischen niemandem mehr beweisen. Ihre Arbeiten sind gefragt, obwohl sie keine leichte Kost bieten: „Sie sind böse und nichts, was man sich über das Sofa hängt“, meint Favre über ihre oft düsteren Farben. „Aber genau deswegen vergisst man sie auch nicht so leicht.“

Aktuell bereitet sie Ausstellungen für Los Angeles, Paris und Berlin vor, wo sie seit 1998 lebt. Seit dem vergangenen Wintersemester ist sie Professorin für Malerei an der UdK. Wenn sie nicht gerade ihre Meisterschüler unterrichtet, verbringt die 47-Jährige jede freie Minute in ihrem Prenzlberger Atelier. „Eine Lehrende sollte in der Kunstszene erfolgreich sein, um ihre Studenten zu inspirieren“, meint Favre. Sie selbst ist Autodidaktin. Als Jugendliche brannte sie nach Paris durch und arbeitete als Schauspielerin, unter anderem mit Hanna Schygulla. Trotzdem war es die Gemälde-Leinwand, an der sie hängen blieb: „Ich wollte selbst Geschichten erzählen“, sagt die Künstlerin. Maike Schultz


Karoline Gruber, Opernregisseurin: Tochter des Pop

„Ich bin ein Kind der Pop-Kultur“, sagt Karoline Gruber, freie Opernregisseurin und seit Wintersemester 2005 Professorin für szenischen Unterricht an der UdK. Gruber spielte lange E-Gitarre in einer Band und war schon über 20 Jahre alt, als sie das erste Mal mit der Oper in Berührung kam. Sie sah und hörte an der Wiener Staatsoper Mozarts „Figaro“ und Richard Strauss’ „Rosenkavalier“. Es war Liebe auf den ersten Blick. Gruber, die Tochter des Pop, war berauscht von der Emotionalität dieser für sie völlig fremden Musik.

Ihre Begeisterung für das Musiktheater war so groß, dass sie beschloss, Opernregisseurin zu werden. Als Karoline Gruber bald darauf an der Wiener Staatsoper hospitierte, begriff sie: „Ich hatte auf einmal eine Heimat gefunden.“

Gruber inszeniert heute in Wien, in Hamburg, in Dresden, an der Staatsoper Unter den Linden, in Tokio und in Paris. An der UdK arbeitet Karoline Gruber an einem langfristigen Projekt. Sie will eine neue Generation von Opernsängern heranbilden, die Sänger und Schauspieler sind. „Die Schminke muss laufen. Du musst so fertig sein, dass du fünf Minuten liegen bleibst“, beschwört sie die Gesangsstudentin, die nach der Probe erschöpft im Stuhl hängt.

Anfangs haben die Studenten Angst davor, stimmlich und körperlich alles zu geben, erzählt Gruber, aber dann „geht bei ihnen der Knopf auf und sie merken, was alles möglich ist“. Karoline Gruber lächelt und die Probe geht weiter.Katja Kollmann


Hartmut Bitomsky, Regisseur: Schwergewicht des Films

Hartmut Bitomsky arbeitet heute in genau dem Büro, das er als Student besetzt hat. Er leitet die Institution, die ihn 1968 wegen permanenter politischer Störungen hinausgeworfen hat: die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DffB). Als Direktor der DffB ist er gleichzeitig Professor für Filmregie an der Fakultät für Gestaltung der Universität der Künste Berlin. Denn beide Institutionen sind traditionell eng miteinander verknüpft. Filme, Fotoprojekte und Schauspielseminare führen die jungen Künstler beider Ausbildungsstätten regelmäßig zusammen.

Die besten Filmabsolventen der UdK können sich außerdem jährlich für einen Meisterkurs bei Hartmut Bitomsky bewerben. Darin entsteht ein Film, der nicht selten viel Aufmerksamkeit erregt und eine hervorragende Referenz für den professionellen Einstieg in die Filmbranche ist. Denn Bitomsky zählt zu den Schwergewichten des deutschen Kinos. Er ist nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch sein eigener Produzent. Für die politischen Dokumentationen „Reichsautobahn“ (1986) und „Der VW Komplex“ (1989) erhielt er zweimal den renommierten Grimme-Preis.

Auch heute produziert Bitomsky neben seiner umfangreichen Lehrtätigkeit noch Filme. Auf dem diesjährigen Festival in Venedig wird er seine neueste Dokumentation „Staub“ (2007) präsentieren. Nur die Arbeit als Rundfunkjournalist und Filmkritiker mit eigener Zeitschrift hat er inzwischen aus Zeitmangel aufgegeben. Karin Erichsen


Dörte Schmidt, Musikwissenschaftlerin: Theoretikerin der Klänge

„Neugier ist das, was mich treibt“, sagt Dörte Schmidt, die seit dem Wintersemester 2006 an der Fakultät Musik als Professorin Musikwissenschaft lehrt. Die Musik ist ihre Leidenschaft. „Sie ist für mich eine Form, sich mit der Welt auseinanderzusetzen.“ Professionell nähert sie sich ihr von der theoretischen Seite. „Die Bühne und das Spielen waren nicht mein Weg, in der Wissenschaft fühle ich mich am wohlsten.“ Ihr beruflicher Werdegang führte die gebürtige Baden-Württembergerin nach dem Studium in die Lehre nach Bochum, Freiburg und Stuttgart, Forschungsstipendien nach Basel, Paris und Wien. Mit der Berufung an die UdK Berlin ging nun ein großer Wunsch von ihr in Erfüllung. „Eine Kunstwissenschaft darf sich ebenso wenig ausschließlich in der Nähe ‚ihrer' Kunst aufhalten, wie sie sich mit den anderen Wissenschaften in den Elfenbeinturm der reinen Reflexion zurückziehen sollte. Künste und Wissenschaften müssen einander begegnen können, sonst schmoren sie in ihrem eigenen Saft.“ Die UdK ist einer der wenigen Orte, an denen das möglich ist.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Musiktheater, in der Musik seit 1945 und in der Kulturgeschichte der Musik. Die Kunstvielfalt der UdK versucht sie zu nutzen: Vorträge von Regiestudenten und Projekte mit der Fakultät Darstellende Kunst zeigen ihren Studierenden, wie sich Kunst und Wissenschaft gegenseitig bereichern. Statt ein großes Ziel anzustreben, setzt Dörte Schmidt auf die Wachheit, die einem die aktuellen Chancen lässt.Sabrina Schulze


Siegfried Zielinski, Medienforscher: Kuriositätensammler

Sein Haar schlohweiß und schulterlang, einen Schlips trägt er so gut wie nie. Siegfried Zielinski mutet wie das Stereotyp eines Kunsthochschul-Professors an. Seit Januar 2007 lehrt und forscht der Medientheoretiker an der Universität der Künste. Sein Schwerpunkt liegt auf der Theorie und Geschichte der Archäologie und Variantologie der Medien. „Medien haben eine wesentlich längere Tradition als das 20 . Jahrhundert. Man muss tief in die Geschichte hineingehen, um Varianten für die Zukunft entwickeln zu können“, erklärt Zielinski und schwärmt wie ein Kuriositätensammler: „Gegenwärtig begeistern mich die Automatenbauer der arabischen Hochkultur. Oder China: Schon im Jahr 200 vor Christus gab es Schachfiguren, die sich wie Automaten auf magnetisierten Feldern bewegten!“

Zielinski mag sich keiner Disziplin zuordnen und sieht sich eher auf Wanderschaft. Nach diversen Studien in Marburg und Berlin, dem Aufbau eines Studiengangs für Medienwissenschaft an der TU und einer Professur in Salzburg wurde er Gründungsrektor der Kunsthochschule für Medien Köln. An der UdK reizt Zielinski, dass sie als „Titanic der Heterogenität“ gilt. Standardisierung und Modularisierung sind dem 56-Jährigen ein Graus, nicht nur in den Medien. Beim Kampf dagegen wird ihm die Hartnäckigkeit helfen, die er beim mehrfachen Gewinn der deutschen Basketball-Jugendmeisterschaft mit dem MTV Gießen erworben hat. Dort hat er gelernt: „Ein Spiel ist erst zu Ende, wenn es abgepfiffen wurde.“Fabian Soethof


Fons M. Hickmann, Designer: Kreativer Zündler

Fons M. Hickmann hat nicht nur einen außergewöhnlichen Namen, sondern auch einen außergewöhnlichen Lebenslauf. Er ist Mitinhaber einer international erfolgreichen Design-Agentur, Autor mehrerer Design-Bücher, Preisträger jeder Menge prestigeträchtiger Design-Awards, Vorstandsmitglied verschiedener Design-Verbände, seit über zehn Jahren Design-Professor im In- und Ausland – und das alles mit knapp 40 Jahren.

Seit diesem Sommersemester nun lehrt Fons M. Hickmann an der UdK. Er sieht jünger aus als 40: Jeans, Sneakers, weißes T-Shirt, Hornbrille – auf den ersten Blick ist er kaum von seinen Studenten zu unterscheiden. Genauso entspannt plaudert er auch über seine Arbeit und seine Pläne an der UdK. „Feuer legen“ will er hier, so wie in Wien, wo er die letzten sechs Jahre als Professor tätig war. „Ich will, dass sich was bewegt. Dass die UdK in Deutschland und Europa wahrgenommen wird.“ In Wien ist ihm das gelungen: Seine Klasse für Grafikdesign gelangte zu internationalem Renommee, viele Projekte und Abschlussarbeiten wurden ausgezeichnet.

Momentan pendelt Fons M. Hickmann noch zwischen Wien und Berlin, früher hatte er teilweise Lehr- und Arbeitsaufträge an vier verschiedenen Orten. Diese turbulente Zeit ist nun erst mal vorbei. Ruhig wird es um Fons M. Hickmann aber auch hier nicht werden. Dafür haben frühzeitig auch seine Eltern gesorgt – mit seinem außergewöhnlichen Namen: Fons kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Quelle“. Eva-Maria Träger

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