Universität der Künste : Der Klang von Schuhen und Lokhallen

Weiterbildung für Künstler: Der Komponist Daniel Ott hat die „KlangKunstBühne“ ins Leben gerufen

Maike Schultz

Seine stärkste Erinnerung sind die Glocken. Das helle Läuten aus dem Kirchturm, der Schule und von den Kuhweiden fallen dem Komponisten Daniel Ott zuerst ein, wenn er an seine Kindheit im Schweizer Dorf Grub zurückdenkt. Kein Wunder, dass seine erste Komposition „Zampugn“ von 1987 ein Stück für 29 Glocken war.

Als er es schrieb, hatte er schon ein Klavierdiplom in der Tasche und kam gerade von Schauspielstudien aus Paris zurück. Dabei wusste Ott eigentlich schon als Sechsjähriger, was er wirklich wollte: „Ich schrieb schon Noten, bevor ich Buchstaben konnte“, erzählt er. Sein charmanter Akzent verrät sofort seine Herkunft. „Aber meine Großmutter meinte, ich soll einen ordentlichen Beruf lernen.“ Stattdessen tourte der Enkel mit einer Straßentheatergruppe durchs Land.

Inzwischen sind die wilden Zeiten vorbei. Seit 2005 ist Daniel Ott Professor für Komposition und Experimentelles Musiktheater an der UdK Berlin. Nun will er zeigen, dass man komponieren durchaus richtig lernen kann – „und zwar jeder“, sagt der 47-Jährige. Trotzdem hat er nicht das Gefühl, angekommen zu sein. „Berlin ist ein Ort des Experimentierens, deshalb fühle ich mich hier so wohl“, sagt Ott. „In meinen vielen Studien habe ich immer irgendetwas gesucht. Erst spät habe ich erkannt, dass ich selbst etwas ändern muss, um es zu finden.“

Was dem Musiker fehlte, war der Knoten, um seine unterschiedlichen Interessen zu verknüpfen. Das gelang erst in den Neunzigern: Ott studierte sein Wunschfach Komposition an der Essener Folkwang-Hochschule und lernte dort das Tanztheater von Pina Bausch kennen. Ihn faszinierte, dass ihre Tänzer zugleich auch Mitautoren waren und mit ihren Biografien zur Entwicklung der Stücke beitrugen. „Dieses soziale Zusammenwirken hat mir klargemacht, dass der Schlüssel in der Interdisziplinarität liegt.“

Seitdem verwebt Ott sein Können als Komponist, Pianist, Lehrbeauftragter und Darsteller erfolgreich zu einem großen Ganzen: Seine künstlerischen Schwerpunkte sind neues Musiktheater und raumbezogene Kompositionen, in denen er Klänge für ausgesuchte Orte kreiert. Bei der Expo Hannover schrieb er die Musik für den Schweizer Pavillon, er vertonte die Göttinger Lokhalle, den Rügener Hafen und komponierte mit „Ojota IV“ ein Werk über Schuhe und Schrittgeräusche. „Die Arbeit mit Landschaften oder Alltagsgegenständen nimmt der Kunst das Elitäre und gibt mir ein Gefühl von Bodenhaftung“, sagt Ott.

Sein Steckenpferd ist aber die Klangkunstbühne, die er 2003 an der UdK ins Leben rief. Ursprünglich als Weiterbildungsstudiengang geplant, entwickelte sich das Projekt bald zu einem exklusiven Kursangebot von sechs kostenpflichtigen Workshops im Jahr. Sie richten sich an fertige Künstler, die neue kreative Impulse suchen. Hier kann Daniel Ott das weitergeben, was er selbst so lange vermisst hat: „Der Begriff meint nicht, der Klangkunst eine Bühne zu geben, sondern Musik, bildende Kunst und Theater in interdisziplinären Aufführungen zusammenzubringen“, erklärt er. Anstatt selbst zu unterrichten, sucht Ott die Dozenten aus. Größen wie der Clown Philippe Gaulier und Klangforscher Murray Schafer waren dank ihm schon Gastlehrer in Berlin.

In diesem Herbst gibt sich unter anderem der spanische Regisseur Calixto Bieito die Ehre, und die Regisseurin Christiane Pohle besichtigt in ihrem Kurs stillgelegte Orte, um daraus ein Theaterstück zu erarbeiten. Die einwöchigen Workshops laufen fast alle als unberechenbare Experimente ab. Ihr Ausgang hängt davon ab, welches Wissen die je 15 Teilnehmer mitbringen.

„Das Schönste an der Klangkunstbühne ist, wenn sich dadurch Leute finden, die auch danach weiter zusammen arbeiten“, meint Ott. Gemeinsam mit ehemaligen Kursteilnehmern hat der Komponist das Projekt „Südliche Autobahn“ entwickelt. Ausgehend von Texten des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar plant die Gruppe eine musiktheatralische Busreise durch Autobahnraststätten. Die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität verwischen sie, indem sie unklar lassen, wer Künstler und wer Zuschauer ist. Und wer weiß: Vielleicht wird das monotone Rauschen unterwegs ja ab und zu von leisem Läuten durchbrochen. Denn im grünen Süden Berlins gibt es bestimmt auch die eine oder andere Kuhweide neben der Tankstelle.

Aufführungen von „Südliche Autobahn“ im Rahmen der KlangKunstBühne: 2.–6. Oktober. Anmeldung und Informationen unter www.udk-berlin.de/klangkunstbuehne. Mehr über Daniel Ott: www.danielott.com

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