Universität der Künste : „Es lebe die Exerzitie!“

Gegen Casting-Shows, für Ernsthaftigkeit: Ein Gespräch mit der Schauspielerin und UdK-Absolventin Wiebke Puls über junge Künstler, Studium und Theater

Frau Puls, Sie haben Mitte der Neunziger an der damaligen HdK Schauspiel studiert. War das immer Ihr Traum?

Nein, ich wollte eigentlich so eine Art Performerin werden, interessierte mich für visuelle Performance und Musik. Deswegen war das Studium für mich ein vierjähriger Workshop und ich hatte eine ungeheure innere Freiheit. Künstlerisch herumprobieren, das wollte ich. Die HdK hatte den Ruf, unter den Schauspielschulen die experimentierfreudigste zu sein. Hier studieren Musiker und bildende Künstler im selben Gebäude. Da ich etwas Interdisziplinäres anstrebte, hätte mich ein kleiner Kessel nur mit Schauspielern oder Regiestudenten nicht besonders interessiert.

Können Sie sich noch an Ihre Aufnahmeprüfung erinnern?

Die Prüfung war sehr umfassend, die dauerte Tage. Die Prüfer haben ganz genau hingeschaut und sich Zeit für Gespräche genommen. Ich habe so eine Freude gehabt bei der Aufnahmeprüfung, dass ich dachte, dass es das richtige Studium für mich sei. Das Glück der UdK ist ja auch, dass sie tolle Räumlichkeiten hat. Die Prüfungen fanden im Theaterprobensaal statt. Ein Traum: eine Schauspielschule mit einer Drehbühne!

Welches Erlebnis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Bei uns gab es Eigenarbeiten, als Teil der Diplomprüfung im vierten Jahr. Ich hatte aber schon früher Lust, einen gesamten künstlerischen Entwurf zu machen. Das wurde mir gestattet, das war ganz irre! Ich habe einen Raum zur Aufführung bekommen und diesen Vertrauensbonus, dass ich schon etwas Gutes machen werde. Bühnenbild gestalten, Texte selber schreiben und das Ganze zur Aufführung bringen – das war für mich das totale Erlebnis von künstlerischer Freiheit.

Gab es auch negative Erlebnisse?

Mich hat damals manchmal genervt, dass einige Lehrer sich für so wahnsinnig wichtig hielten. Wir dachten damals insgeheim: Du bist doch nur Lehrer geworden, weil das als Künstler nicht geklappt hat! Denn gleichzeitig gab es so eine kumpelige Duzerei. Dann duzt Du so rum und bist denen doch nicht respektvoll genug.

Hat sich Ihr Bild von Dozenten seitdem geändert?

Ja, heute sehe ich das anders. Die Universitäten brauchen dennoch neben festen Dozenten noch mehr aktive Künstler, die unterrichten, und Kooperationen mit laufenden Betrieben.

Wo lernt ein Schauspieler mehr – an der Uni oder am Theater?

Am Theater! Vom Berufsleben bekommt man als Schauspieler in der Uni keinen Eindruck. Da wird man durch all diese Techniken durchgetrieben. Man macht sich vier Stunden lang warm, ist fit wie eine kleine Turnmaus – im Alltag eines Schauspielers muss man vor allem wahnsinnig viel arbeiten. Da werden die Basics zum Luxus. Am Theater ist die Beurteilung auch viel härter: Wenn man Glück hat, kritisiert einen der Regisseur oder der Dramaturg. Wenn man Pech hat, kommt das erst bei den Kritiken raus. Da ist die Uni trotz ständiger Prüfungen und Feedbacks doch eher ein Selbsterfahrungskurs gewesen.

Ahnten Sie während Ihres Studiums, dass Sie später gute Engagements bekommen könnten?

Im Gegenteil! Ich war auch nach der Abschlussprüfung und dem Intendantenvorsprechen überzeugt, niemals einen Job zu bekommen. Ich habe nach dem Studium am Schauspielhaus Hamburg bei Baumbauer vorgesprochen, der wollte mich damals nicht haben. Umso überraschter war ich, dass es seitdem so gut klappt. Erst heute, zehn Jahre später, habe ich durch Erfolge und Niederlagen zu einer Disziplin und Liebe zu meinem Beruf gefunden, durch die ich erkenne: Ich bin meiner Begabung etwas schuldig.

Was würden Sie jungen Leuten empfehlen, die heute Schauspieler werden wollen?

Ich würde ihnen unbedingt die Uni als einen geschützten Erfahrungsraum empfehlen. In unserer Gesellschaft passiert gerade etwas total Entsetzliches: Der Begriff Kunst – originäres, reflektives Schaffen – geht für die jüngere Generation verloren. Ich finde es furchtbar, dass sich bei diesen Castingshows im Fernsehen Millionen vorm Fernseher selbst zum Jurymitglied machen. Es ist eine Katastrophe, dass dort Leute denken, sie seien Künstler! Die komponieren nichts, die arrangieren nichts, die inszenieren nichts, die interpretieren nicht einmal – die singen ein Lied nach. Flächendeckend wird der Eindruck vermittelt, dass es zum Künstlerwerden reiche, sich emotional zu entblößen und ungeheuer zu blamieren. Da genügt sich eine verflachte Popkultur beim Blick in den Zerrspiegel.

Was bedeutet das für die Schauspielkunst?

Zum Schaffen gehört auch Vitalität und Beständigkeit. Selbst wenn im TV-Casting suggeriert wird, dass die Leute durchs Feuer gingen: Das ist kein Feuer, sondern ein Spießrutenlauf. Wir müssen in Bezug auf unsere Schaffenskraft wieder konservativ werden. Es lebe die Exerzitie, die Pflege, die Vertiefung, das Studium. Sich heutzutage zu äußern wird immer schwieriger.Das Gespräch führte Fabian Soethof.

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