Universität der Künste : It’s Showtime

Musical studieren heißt: Viel Spaß, viel Schweiß

Eva H,emer,Fabian Soethof

„Fünf, sechs, sieben, acht!“ „Körperspannung ... uuund ... locker lassen!“ Schritte, Stimmen, Stöhnen. Aus den Boxen pumpt der Drifters-Klassiker „On Broadway“. Schweiß tropft auf den schwarzen Boden. „Hände öffnen, Gesicht anspannen!“ Im zweiten Stock einer ehemaligen Kaffeerösterei in Berlin-Wilmersdorf geht es am Dienstagmorgen heiß zur Sache. Das Gebäude gehört zur Universität der Künste, genauer zum Studiengang Musical und Show. Schon um zehn Uhr morgens üben die Studenten des jüngsten Jahrgangs von 2006 „Jazz-Tanz“ bei Tanzlehrer Götz Hellriegel.

Magdalena Ganter lächelt für einen Moment, sie sieht sich selbst im Spiegel, ihr Fuß war optimal gestreckt. Doch plötzlich ist auf ihren Lippen wieder ein Schimpfwort abzulesen, ihr Mund zieht sich zu einem schmalen Strich zusammen: Der Arm war nicht weit genug nach oben gestreckt.

Sie und Christopher Brose sind zwei der insgesamt zwölf Studierenden dieses Jahrgangs. Immer wieder trocknen sie ihre Gesichter mit Handtüchern und immer wieder werden dieselben Schritte geprobt. Der Halsmuskel muss gestreckt sein, der Ellbogen angezogen und der Fuß „flex“, wie Hellriegel auch den Letzten ermahnt. Und wieder von vorne: „Fünf, sechs, sieben acht ...“ Große Laufmaschen ziehen sich durch die Strumpfhosen einiger Mädchen. Viele Schuhe sind schon leicht abgewetzt.

Der Tag beginnt anstrengend für die Studenten. Nach dem Tanzen werden die Bauchmuskeln trainiert. Verbissen machen sie noch zehn Liegestütz, dann ist die Stunde vorbei und alle strömen unter die Duschen. Zeit bleibt nicht viel. Gleich beginnt das Sprechtraining, danach der Einzelunterricht im Gesang und bis 22 Uhr steht Schauspielunterricht auf dem Plan. Ein ganz normaler Tag.

„Morgens ist es manchmal schon eine kleine Überwindung aufzustehen“, sagt der 20-jährige Christopher Brose. „Aber nur für einen kurzen Moment. Dann weiß ich, wofür ich aufstehe. Ich mache genau das, was ich will.“

Mit fünf Jahren begann der gebürtige Cottbusser zu tanzen, nach dem Abitur reiste er und hielt sich mit Animateur-Jobs über Wasser. Seit Christopher mit 13 Jahren das Musical „Grease“ sah, träumt er davon, einmal in diesem roten Cabrio vor Publikum auf einer großen Bühne das Liebeslied „Sandy“ zu singen: „Das war immer mein großes Ziel. Ich bin eine Rampensau!“

200 junge Menschen unterschiedlichster Herkunft bewerben sich jedes Jahr für den Studiengang Musical/Show an der UdK Berlin. Davon sind rund 170 Mädchen. Eingeladen werden fast alle und präsentieren an neun Tagen vor einer Kommission ihr Talent: ein Schauspielmonolog, drei Lieder, davon mindestens eins in deutscher Sprache, und zwei Tanzstücke unterschiedlicher Stilrichtungen müssen vorbereitet werden. Danach werden Reaktionen der Bewerber getestet und ein persönliches Gespräch wird geführt. Am Finaltag treten alle auf einer großen Bühne auf. „Wir suchen singende und tanzende Schauspieler“, erklärt der künstlerische Mitarbeiter Rüdiger Bering. Bei der Auswahl seien es die Begabung, Fähigkeiten und Persönlichkeiten der Einzelnen, die interessieren, ein Ideal gebe es nicht.

Christopher und Magdalena haben es geschafft. Sie konnten sich durchsetzen und arbeiten mit ihren zehn Kommilitonen hart an ihrem Traum. Musical sei mehr als nur ein Ausbildungsweg, „es ist eine Lebensentscheidung“. Da sind sich beide einig. Der Druck bricht dabei nicht ab: Das erste Jahr ist gleichzeitig ein Probejahr. Nach einer Prüfung wird entschieden, wer weitermachen darf und kann.

Ein wenig sei das Auswahlverfahren schon so wie bei „Deutschland sucht den Superstar“, aber natürlich noch intensiver, erzählt Magdalena und bindet ihre blonden, noch feuchten Haare zu einem Zopf. Bei der Fernsehsendung würde sie sich nicht bewerben, das sei nur ein „kurzer Ruhm“. „Hier an der UdK lerne ich wirkliches Handwerk. Ich lerne fürs Leben.“

Seit Oktober 1990 existiert der Studiengang Musical und Show an der UdK Berlin. Nach ein paar Jahren der Etablierung und drei Probejahren spricht der Erfolg für sich. Lucy Scherer und Anne Hoth beispielsweise, beides Absolventinnen des letzten Jahres, spielen eine Hauptrolle bei „Tanz der Vampire“ im Theater des Westens. Eine regelmäßige Beschäftigung als Darsteller finden nahezu 90 Prozent der Absolventen. „Heute haben wir einen der erfolgreichsten Studiengänge an der UdK und überhaupt im Bereich Musical“, freut sich Peter Kock, Studiengangsleiter und Professor für Spiel und Darstellung.

Knapp 40 Stunden Unterricht haben die Studenten in der Woche, abends und nachts müssen sie ihre Texte lernen. Persönliche Beziehungen bleiben oft auf der Strecke. Christopher ist sich trotz aller Anstrengungen und dem Verzicht aufs Privatleben sicher: „Es gibt für mich nichts anderes!“

Man dürfe gar nicht erst darüber nachdenken, dass man mit dem Alter weniger Engagements bekommen könnte. Aufgeben will er nicht, sondern seinem großen Traum näher kommen und irgendwann mit „Grease“ auf der Bühne stehen. Christopher und Magdalena schauen auf die Uhr und packen zusammen. Bevor die großen Rollen rufen, ruft jetzt erst mal der Gesangsunterricht.

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