Universität der Künste : Pinsel und Pädagogik

An der UdK studieren auch Künstler, die Lehrer werden möchten – wie Marie Jeschke

Nadine Beihofer

Ein Jogurtbecher, schwarze Farbe und ein wenig Farbverdünnungsmittel – Marie Jeschkes flinke linke Hand vermengt mit einem Pinsel die Flüssigkeiten miteinander und fertig ist ihre Farbe für den Siebdruck.

Marie studiert Kunst- und Sonderschulpädagogik an der Universität der Künste (UdK) Berlin und der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Siebdruck ist einer ihrer Werkstattkurse. Sie und drei andere Studenten arbeiten in einem Atelier, so wie man es sich vorstellt: Hohe Decken, überall stehen Farben herum, an den grauen Steinwänden hängen Entwürfe und fertige Bilder. Die großen langen Fenster lassen das Tageslicht bis in die hintersten Ecken dringen. Hier lernen sie, wie sie Farben richtig anmischen, Schablonen anfertigen und wie sie mit den Materialien für den Siebdruck umgehen müssen.

An der UdK Berlin haben die Lehramtsstudenten dieselbe künstlerische Freiheit, die den freien Kunststudenten zugestanden wird; Lehramtsstudenten arbeiten zusammen mit denen, die später von ihren Kunstwerken leben möchten. In diesem Atelier begegnen sich alle auf der gleichen Ebene.

Das Aufnahmeverfahren für freie Kunst und für Kunst auf Lehramt ist für alle das Gleiche. Zunächst muss jeder eine Mappe mit bis zu 20 Arbeiten einreichen. Die Konkurrenz ist groß. Bis zu 1000 Kandidaten bewerben sich und hoffen auf einen Studienplatz an der UdK. Davon werden nur 100 eingeladen. Die Bewerber müssen dann ein viertägiges Prüfungsverfahren durchlaufen. Zunächst wird eine Klausur geschrieben, an den nächsten beiden Tagen folgt eine praktische Aufgabe und am dritten Tag wird ein persönliches Gespräch mit jedem Einzelnen geführt. Im letzten Jahr wurden neun Lehramtsstudenten, darunter Marie, elf Studienratsstudenten und 28 freie Künstler aufgenommen.

Marie hat sich schon lange mit Gegenwartskunst auseinandergesetzt und arbeitet gut mit den angehenden Künstlern zusammen. Ihre Drucke behandeln momentan das Thema Frau, genauer: das Frau- Werden. Eine von Maries ersten Arbeiten zeigt ein Mädchen, das gerade ihre Periode bekommt. Unter ihrem Rock fließt knallrotes Blut hervor. Das ist Maries Interpretation von der Verletzbarkeit der Frau: In dem Moment, in dem ein Mädchen ihre Regel bekommt, wird sie biologisch zur Frau, begehrenswert für Männer und die Erwartung, dem gesellschaftlichen Idealbild gerecht zu werden, wächst. „Ich visualisiere diesen Moment. Zugleich möchte ich das absurde Schönheitsbild plakativ darstellen, dem sich junge Frauen schon unterwerfen, obwohl sie sich ihrer Identität noch gar nicht bewusst sind."

So zeigt einer ihrer anderen Drucke unrasierte Mädchenbeine mit schwarzen Stoppeln, die durchs Wasser waten. Die Farben von Maries Drucken sind einerseits lieblich mädchenhaft – türkis, orange, hellblau. Aber durch das Blut oder die Beinhaare wird die Kritik am herrschenden Schönheitsideal deutlich.

Marie bewegt sich zwischen künstlerischem und theoretischem Unterricht und muss immer zwischen freiem und organisiertem Lernen wechseln. „Das wissenschaftliche Arbeiten tut mir gut. Sonst könnte ich mit all den Kunstmenschen, die um mich herum sind, leicht das Hier und Jetzt verlieren“, sagt Marie. Sie möchte an einer Schule unterrichten, in der große, kleine, schmale, breite, fremdsprachige, deutschsprachige, beeinträchtigte und unbeeinträchtigte Kinder in einer Klasse zusammen lernen. „Dafür ist Kunst genau die richtige Basis, da es ein Fach ohne Leistungsdruck ist. Kunst kann alles sein und jeder kann sie für sich entdecken.“

Der Stundenplan eines Lehramtsstudierenden verlangt einen guten Überblick und Organisationstalent. Während die Künstler sich ihre Zeit frei einteilen können, müssen die Lehramtsstudierenden ständig zwischen Universitäten und deren Standorten pendeln. Zum Beispiel findet „Allgemeine Rehabilitation“ an der HU statt, „Didaktik der Kunst“ wird an der UdK unterrichtet, „Körperbehindertenpädagogik“ muss an der HU besucht werden und das Aktzeichnen wird an der UdK gelehrt. Häufig beginnen die Tage morgens um acht und enden spät abends.

Da Marie Pädagogik für geistig und körperlich Behinderte gewählt hat, muss sie sich medizinische Grundkenntnisse aneignen. Deshalb besucht sie die Veranstaltung „Orthopädie“ an der Charité. Eine Medizinerin erzählt von: „Adoleszentenskoliose“ und fragt die Studenten: „Wer möchte nächste Woche bei einer Wirbelsäulenoperation dabei sein?“ Marie schüttelt den Kopf. „Ich finde diese Vorlesung spannend. Aber sie redet mit uns, als wären wir Medizinstudenten. Ich werde niemals eine kaputte Wirbelsäule von einem Menschen operieren. Ich würde hier lieber lernen, wie ich einem Kind mit Beeinträchtigung in den Rollstuhl helfe." Sie muss hier mit einer mündlichen Prüfung erfolgreich abschließen. Und im nächsten Jahr muss sie Neurologie belegen.

Die schwarze Farbe fließt aus dem Jogurtbecher, tropft in den Rahmen wird mit einer Art Holzschieber gleichmäßig verteilt. Der Druck ist perfekt. Marie legt das Papier vorsichtig zu den vier anderen, um es trocknen zu lassen. Sie räumt alle Utensilien auf, nimmt ihre graue große Tasche und geht Richtung Mensa: „Jetzt esse ich erst mal etwas, bevor es gleich zur HU geht.“

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