Universität der Künste : Rund um die Uhr kreativ

Was an den Tagen der offenen Tür nicht zu sehen ist: Ein Streifzug durch den bunten Alltag der Universität der Künste Berlin.

Eva-Maria Träger

Knallige Kunstwerke an den Wänden, skurrile Skulpturen auf dem Boden, das tanzende Licht von Videoinstallationen in der Luft – beim alljährlichen Rundgang durch die Universität der Künste (UdK) Berlin regiert die geballte Kreativität. Der Alltag an der UdK ist nicht weniger kreativ, aber er sieht ganz anders aus.

In der weiß gestrichenen Eingangshalle des Hauptgebäudes in der Hardenbergstraße beispielsweise ist während des Rundgangs der Teufel los. Die Kunstinteressierten drängen sich dann wie die Ameisen um die Vielfalt ausgestellter Arbeiten. Ein paar Wochen vorher erinnert eher wenig daran, dass hier die Fakultät Bildende Kunst untergebracht ist. Ein paar Podeste und Stellwände stehen herum, kahl und nackt, kein Kunstwerk weit und breit. Der feine Geruch nach Farbe und Lösungsmitteln intensiviert sich beim Weitergehen in Richtung der Ateliers, die einen Rahmen um den Ruinengarten in der Mitte des Gebäudekomplexes bilden. Von ausgeflippten Künstlern in krassen Klamotten und mit noch extremerem Auftreten ist auch hier nichts zu sehen. Die vollgeklecksten Schuhe und Hosen der entgegenkommenden Studenten sind das einzige Indiz für ihr kreatives Schaffen. Überraschend normal und ruhig geht es hier zu.

Im ersten Stock dann doch Aufruhr. Lautstarke Diskussionen im kleinen Hörsaal: „Wie viel Meter Wand bekommt jeder noch mal?“ „Ich brauche noch Platz für meinen Beamer!“ „Meine Skulptur wirkt nicht neben einer Drei-Meter-Fotografie – wo ist denn noch was frei?“ Die Meisterschüler planen ihre Ausstellung. Sie zeigen, wie jedes Jahr während des Rundgangs, ausgewählte Arbeiten des letzten Jahres im Foyer.

Die geometrische Kreidezeichnung auf der schwarzen Tafel an der Wand könnte fast selbst als Kunstwerk durchgehen – dabei handelt es sich nur um den Raumplan, den Kilian Seyfried zur besseren Übersicht angezeichnet hat. Der 47-Jährige kümmert sich seit zehn Jahren um alle Ausstellungen der Fakultät. Ruhig und routiniert geht er die einzelnen Ausstellungsplätze durch und schlichtet die Streitigkeiten um besonders begehrte Positionen.

Die Wünsche der Studenten sind so unterschiedlich wie die Kunstwerke: Es gibt Holzarbeiten, Papierskulpturen, Video-Installationen, Fotografien, klassische Malereien, manche Studenten wollen sich eine Box bauen, die Fenster abdunkeln, andere einfach nur ihr Bild an die Wand bringen – mit entsprechender „Sichtachse“ natürlich. Nach anderthalb Stunden sind endlich alle zufrieden und die Ruhe im Haus wieder hergestellt.

Ein Gebäude weiter, um die Ecke in der Fasanenstraße, käme diese Ruhe einem Todesurteil gleich: „Fakultät Musik“ steht auf dem Schild vor der breiten Holztür. Und Musik dringt auch bis weit auf die Straße aus dem Gebäude heraus: eine trällernde Frauenstimme, eine singende Geige, ein hämmerndes Klavier – so, wie es sein soll. Die Studenten, die hier ein und aus gehen, sind an die Geräuschkulisse genauso gewöhnt wie an ihre unhandlichen Instrumentenkoffer, die sie tapfer auf dem Rücken tragen.

Auf der schimmernden Holzbank im Foyer sitzen drei junge Männer und scherzen auf Englisch miteinander. Piotr kommt aus Polen, studiert Klavier und ist für zwei Semester in Berlin. Er erinnert sich noch an seine erste Begegnung mit den benachbarten Studenten der Bildenden Kunst im letzten Jahr: „Ich schaute aus dem Fenster und sah zwei Studenten nackt auf dem Rasen liegen. Zuerst dachte ich, die beiden hätten Sex! Aber dann habe ich gesehen, dass da noch ein anderer war, der sie zeichnete.“

Mittlerweile hat der 23-Jährige sich längst an die Aussicht gewöhnt. Er genieße die inspirierende Atmosphäre, sagt er. Seine zwei japanischen Kollegen nicken zustimmend. Die drei wollen auf jeden Fall zum Rundgang. Zu den Konzerten der eigenen Fakultät, aber vor allem auch zu den Ausstellungen der bildenden Künstler. Für neue kreative Impulse – was sonst.

Der Weg in die Räume der Fakultät Darstellende Kunst führt an den universitätstypischen Info-Brettern vorbei. „Super Übewohnung! Üben bis 23 Uhr, Übeklavier vorhanden, 2 Zimmer, 420 Euro warm“ steht da auf einem kleinen Zettel, „Verkaufe Bechstein-Flügel, schwarz poliert, Baujahr 1963“ auf einem anderen. Es gibt Stellenangebote, „Sänger für Hochzeit gesucht“, und -gesuche wie „Spiele für Kaffee“. Dass auch die Schauspieler hier lernen, verraten vereinzelte Hinweise auf „Körper-Theater-Workshops“, „Setcard-Fotos“ und Aufrufe, ohne Gage an Abschlussfilmen anderer Studenten mitzuwirken. Es gibt viel zu tun.

Ein paar Treppen, Ecken und Verwinkelungen später dann endlich der Durchgang in den anliegenden Neubau: „Fakultät Darstellende Kunst“ steht in großen schwarzen Lettern auf der schweren Eisentür. Hier ist auch das universitätseigene Theater UNI.T untergebracht, das den Schauspiel-, Bühnenbild- und Kostümbild-Studenten die Möglichkeit gibt, sich vor Publikum auszuprobieren. Im ersten Stock befindet sich ein Teil der Räume der Schauspieler. Abgewetzte 60er-Jahre-Sofas säumen den mit grauem Teppich ausgelegten Flur. Hier ist es ruhig, denn hier bekommen die Studenten vor allem Einzelunterricht: Sprechen, Gesang, Ausdruck. Das Gebäude scheint sehr gut isoliert zu sein: Von den Proben der Musiker auf der Bühne des UNI.T jedenfalls dringt wenig nach außen. Zuschauer und Zuhörer sind nicht gewünscht. Während des Rundgangs aber werden hier die Türen weit aufstehen. Dann bieten die Kostümbild-Studenten durch offene Proben Einblick in ihre Semester-Arbeiten. Das Thema der gezeigten Entwürfe: „Der Körper und seine Hülle“.

Vom UNI.T gelangt man mittels Bus oder U-Bahn in das Medienhaus der UdK in der Grunewaldstraße. Dort ist genau wie in der Straße des 17. Juni und in der Hardenbergstraße ein Teil der Fakultät Gestaltung untergebracht. Das Bild ist überall das gleiche: weiße Flure, clean, leer, kühl. Zum Rundgang wird es aber auch hier ganz anders aussehen. Das Medienhaus beispielsweise wird dann nur so überquellen vor moderner Technik und beeindruckender Videokunst, versichert Vera Garben, die für die Organisation im Haus verantwortlich ist. Der Hörsaal im Erdgeschoss beispielsweise dient dann als Kino für die aktuellen Produktionen der Filmklassen, es werden Fotos und Plakate ausgestellt, Installationen und Modelle.

Wenn kein Rundgang ist, geht es im Medienhaus eher ruhig zu: keine Roboter, kein Stroboskoplicht, keine Neonprojektionen, keine aufwendigen Kurzfilme – nirgendwo. Dafür tummeln sich auf den breiten Holzbänken der kleinen Cafeteria jede Menge modisch gekleideter junger Menschen, die gebannt auf die flimmernden Bildschirme ihrer stylischen Macbooks starren. WLAN gibt's im ganzen Gebäude – ein offensichtlich stark genutztes Angebot. Ab und zu sieht man eine Fotogruppe Aufnahmen machen, manchmal dreht ein Kamerateam der Filmklasse auf einem der breiten Flure. Der Großteil der Arbeit jedoch passiert auch hier hinter verschlossenen Türen, an den Schnittplätzen, am Computer oder am Zeichentisch.

Diesen Alltag in der UdK kann der Rundgang leider nicht zeigen. Dafür aber die nicht minder spannenden Resultate – geballte Kreativität.

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