Universität Konstanz : Spenden aus Schmuggelgeschäften der DDR?

Unternehmer Kurt Lion war ein wichtiger und einflussreicher Mäzen der Universität Konstanz. Das Geld könnte aus dubiosen Geschäften mit der DDR stammen.

Ricardo Tarli
Ehrensenator in Konstanz. Der Unternehmer Kurt Lion könnte mit der DDR „Umgehungsgeschäfte“ gemacht haben. Dabei hinterzogen die beteiligten Unternehmen Zölle und die Einfuhrumsatzsteuer und erhielten eine Umsatzsteuerrückvergütung.
Ehrensenator in Konstanz. Der Unternehmer Kurt Lion könnte mit der DDR „Umgehungsgeschäfte“ gemacht haben. Dabei hinterzogen die...Foto: Patrick Seeger/p-a/dpa

Sind Gelder aus Schmuggelgeschäften der DDR der Universität Konstanz zugeflossen? Akten aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) legen diese Vermutung nahe. Im Zentrum der fragwürdigen Geschäfte steht der Schweizer Textilunternehmer Kurt Lion. Lion, der 2001 verstarb, war einer der wichtigsten und einflussreichsten Mäzene der vor fünfzig Jahren in Konstanz am Bodensee gegründeten Reformuniversität. 1989 ernannte die Universität den hoch angesehenen Wohltäter zum Ehrensenator. Jetzt kommt ans Licht, dass Kurt Lions Unternehmen mutmaßlich in illegale Umgehungsgeschäfte der DDR verstrickt gewesen waren.

Kurt Lion, 1921 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Konstanz geboren, war Teilhaber der traditionsreichen Textilhandelsfirma Lion in der Schweizer Nachbarstadt Kreuzlingen. Handelsgeschäfte mit den ostdeutschen Kommunisten haben Lion zu einem der vermögendsten Unternehmer im Schweizer Kanton Thurgau gemacht. Zusammen mit seinem Bruder hatte Lion in den Fünfzigerjahren das Konstanzer Textilhandelsunternehmen Klawitter gegründet, das er zu einer erfolgreichen DDR-Vertreterfirma aufbaute. Über Klawitter verkaufte Lion Bekleidungsstücke aus ostdeutscher Produktion an die westdeutschen Versand- und Kaufhäuser, wie Quelle, Otto oder C&A. Das Geschäft mit Herrenoberbekleidung und Strumpfwaren aus dem Arbeiter- und Bauernstaat florierte: Klawitter erreichte einen Jahresumsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Lion war auch Teilhaber der kleineren Schweizer Firma Solfix mit Sitz in Kreuzlingen, über die er ebenfalls Textilgeschäfte mit der DDR abwickelte, wenn auch in weit geringerem Umfang.

Stasi-Dokumenten zufolge sollen Lions Unternehmen an "Umgehungsgeschäften" beteiligt gewesen sein

Die Stasi-Dokumente, aus denen hervorgeht, dass die von Lion kontrollierten Unternehmen an geheimen Umgehungsgeschäften beteiligt waren, stammen von der sogenannten Arbeitsgruppe Bereich Kommerzielle Koordinierung, abgekürzt AG BKK. Die AG BKK war eine Diensteinheit des MfS und zuständig für die politisch-operative Sicherung des Bereiches Kommerzielle Koordinierung (KoKo). Die KoKo stand unter der Leitung von Stasi-Oberst und Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski, der nach der Wende als „Devisenbeschaffer der DDR“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Über die KoKo wurden geheime Handels- und Finanzgeschäfte mit dem westlichen Ausland abgewickelt, um dringend benötigte Devisen zu beschaffen.

In den ausgewerteten Akten, die in der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin aufbewahrt werden, finden sich konkrete Hinweise, die darauf hindeuten, dass die von Kurt Lion kontrollierten Firmen Solfix und Klawitter in sogenannte „Sondergeschäfte“ mit dem ostdeutschen Staatsbetrieb Textilcommerz verwickelt waren. Unter Sondergeschäften verstand die KoKo Umgehungsgeschäfte mit Textilien. Der Kleiderschmuggel funktionierte im Grundsatz nach dem folgenden Muster: Die Textilien, die in osteuropäischen oder asiatischen Ländern hergestellt worden waren, wurden von West-Firmen an die DDR geliefert, dort umdeklariert und als gefälschte DDR-Ware weiter in die Bundesrepublik oder in ein anderes westeuropäisches Land verkauft. Die beteiligten Unternehmen hinterzogen so Zölle und die Einfuhrumsatzsteuer und nahmen zusätzlich eine Umsatzsteuerrückvergütung in Anspruch, die ihnen nicht zustand. Die DDR diente Textilhändlern auf diese Weise als Schlupfloch, um das international vereinbarte Einfuhrkontingent zu umgehen und überschüssige Bekleidungsstücke aus asiatischen Billiglohnländern unverzollt in den Markt der Europäischen Gemeinschaft zu schleusen. Für die DDR fiel dabei eine zweistellige Provision in harter Währung ab.

"Risikovolle Transaktionen"

Kurt Lions Unternehmen Solfix und Klawitter werden in einem Bericht der Stasi vom September 1970 als „Hauptpartner bei Sondergeschäften“ mit dem Außenhandelsbetrieb (AHB) Textilkommerz bezeichnet. Die Solfix eigne sich für „risikovolle Transaktionen“, notierte die Stasi im November 1984: „In letzter Zeit wurden mit der Firma Geschäftstransaktionen durchgeführt, deren Publikwerden sich sehr nachteilig für die Firma auswirken würde.“

In den Akten finden sich auch Hinweise auf Schmiergeldzahlungen und Steuerhinterziehung: Die Firmen Solfix und Klawitter sollen „im starken Maße mit dem Mittel der Korruption“ arbeiten, heißt es in einem Stasi-Bericht vom September 1970. Im Februar 1989 ist von „Geschäften am Rande der Schweizer Legalität“ die Rede. Bei Solfix sei Steuerhinterziehung, so die Stasi, „an der Tagesordnung“.

Karl Lion, Kurt Lions Sohn und Präsident der in Kreuzlingen domizilierten Lion Foundation, stellt eine Verstrickung seines Vaters in illegale DDR-Umgehungsgeschäfte in Abrede. „Das sind reine Gerüchte. Die Geschäfte mit der DDR waren jederzeit nachvollziehbar.“ Eine Überprüfung durch die Zollfahndung in den Siebzigerjahren hätte zu keinerlei Beanstandungen geführt. „Die Behörden konnten meinem Vater und den von ihm kontrollierten Firmen keine illegalen Geschäfte nachweisen.“

Lions Stiftung finanziert den Austausch mit Tel Aviv

Im Jahr 1987 gründete Kurt Lion eine finanziell großzügig ausgestattete Stiftung, die seither die wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Konstanz und Tel Aviv maßgeblich mitfinanziert. Dies geschieht vor allem durch die Vergabe von Auslandsstipendien für den Austausch von Studierenden zwischen den beiden Hochschulen. Zu Ehren des Stiftungsgründers verleiht die Universität Konstanz seit 2005 die Kurt-Lion-Medaille. Damit zeichnet die Hochschule Persönlichkeiten aus, die die Universität mit eigenen Mitteln unterstützen oder finanzielle Mittel für die Universität eingeworben haben. Die Geehrten dürfen sich rühmen, einem exklusiven Kreis anzugehören, denn nur fünf Personen sind bislang mit der Medaille ausgezeichnet worden. Zu den Ausgezeichneten gehört Franz Josef Dazert, langjähriger Vorstandsvorsitzender von Salamander, einst der größte Schuhhersteller Europas. Wie viel Geld die Universität insgesamt von Lion bekommen hat, will sie nicht bekannt geben.

Laut Pressesprecherin Julia Wandt sind der Universität die geheimen DDR-Geschäfte ihres größten Mäzens bislang nicht bekannt gewesen. Weiter möchte sie die Stasi-Vorwürfe nicht kommentieren. „Weil die Ermittlungen gegen die Familie Lion und ihre Unternehmen die genannten Vorwürfe nicht bestätigen konnten, sehen wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Anlass, von uns aus Nachforschungen anzustellen“, sagt Wandt. Nebst der von Karl Lion erwähnten Überprüfung durch die Zollfahndung in den Siebzigerjahren sind keine weiteren Ermittlungen gegen seinen Vater Kurt Lion oder gegen die von ihm kontrollierten Unternehmen bekannt geworden.

Der Autor hat das Buch verfasst „Operationsgebiet Schweiz. Die dunklen Geschäfte der Stasi“ (2015), Verlag Orell Füssli.

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