Universität : TU Berlin: Falken gegen Tauben

Vor der Präsidentenwahl: Die TU streitet über ihre Kandidaten. Martin Grötschels Unterstützer fordern einen klareren Elite-Kurs, Jörg Steinbachs Anhänger wünschen Kontinuität.

Anja Kühne
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Kritische Masse. Auch im TU-Kuratorium gehen die Meinungen auseinander.Foto: Dahl/TU

Als sich im Sommer herumzusprechen begann, dass Martin Grötschel als neuer Präsident der TU Berlin gehandelt wird, schien die Wahl schon gelaufen: Was sollte gegen den angesehenen Mathematiker sprechen, der renommierte Einrichtungen geleitet hat, dachten viele. Bis sich das Blatt am Tag vor dem Bewerbungsschluss überraschend zu wenden begann: Kurzfristig erklärte der Prozesswissenschaftler Jörg Steinbach, seit fast acht Jahren Vizepräsident für Lehre, Studium und Berufungen an der TU, seine Kandidatur. Seitdem ist offen, wie die Wahl am 6. Januar ausgeht – und die TU ist über die Kandidaten zerstritten.

Das liegt nicht daran, dass Grötschel und Steinbach offiziell völlig unterschiedliche Konzepte für die Uni vertreten. Beide wollen mit der TU an die deutsche Spitze vorrücken und die Situation in der Lehre verbessern. Vielmehr geht es um das, was Uni-Angehörige den beiden Kandidaten zutrauen. Und es geht um Konflikte in der jetzigen Uni-Leitung, in die Steinbach verwickelt ist.

Im Frühjahr 2008 hatte der Landesrechnungshof kritisiert, dass die TU-Kanzlerin Ulrike Gutheil einen deutlichen Gehaltssprung unter rechtlich unklaren Umständen gemacht hatte und günstig in einer TU-Wohnung lebte, die sie auf Kosten der Uni hatte sanieren lassen. Die Wissenschaftsverwaltung strengte ein Disziplinarverfahren an, mit dem sie den Ersten Vizepräsidenten Steinbach betraute. Steinbach stellte Strafanzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Untreue gegen TU- Präsident Kurt Kutzler und die Kanzlerin. Seitdem sehen manche Professoren in Steinbach einen Nestbeschmutzer. Er habe am Stuhl des Präsidenten gesägt – in der Hoffnung, selbst Kutzlers Platz einnehmen zu können. So wirft der Chemiker Helmut Schwarz Steinbach noch jetzt vor, „ein Mann ohne Rückgrat“ zu sein, weil er die Aufgabe nicht abgelehnt hat: „Herrn Dr. Steinbach nähme man als Verhandlungspartner nicht mehr ernst, da vor ihm niemand mehr Respekt haben wird“, erklärt Schwarz. Das kann man allerdings auch ganz anders sehen. Steinbach hat Rückgrat bewiesen, indem er versucht hat zu verhindern, dass die TU zum Selbstbedienungsladen ihres Leitungspersonals wird, meinen nicht nur seine Anhänger.

Juristisch ist die Frage, ob etwas mit dem Mietverhältnis der Kanzlerin nicht stimmte, noch immer nicht geklärt. An der TU spekuliert man, das Verfahren werde verschleppt. Einen Vergleich vor Gericht hat es allerdings hinsichtlich Gutheils Gehalt gegeben. Und wie zu hören ist, zieht Gutheil jetzt aus der TU-Wohnung aus. Das könnte manchen aber nicht reichen. Die Wahl wäre eine Chance, den größten Widersacher der Kanzlerin, nämlich Steinbach, zu deren Vorgesetzten zu machen. Die manchen ohnehin zu forsche Gutheil müsste die Uni verlassen.

Aber auch, wenn man die Querelen in der Leitung ausblendet, scheiden sich die Geister der TU an den Präsidentschaftskandidaten. Im Kern geht es um die Frage: Tür oder Fenster? An der Türseite des Sitzungsraums des Akademischen Senats sitzen die Mitglieder der „Reformgruppe“ – von den Plätzen des Präsidiums aus gesehen links. Die Reformgruppe ist ein Zusammenschluss von sieben kleinen Wahllisten. Sie pflegt enge Beziehungen zu Verdi und bekämpft Tendenzen einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ an der TU. Die Sympathien der Reformgruppe liegen bei Jörg Steinbach. Von ihm erwartet man, dass er die TU mit schwierigen „Strukturentscheidungen“ vorerst verschont (dass er also Ressourcen nicht zulasten einiger verschiebt), und dass er die Belange der Studierenden, des Mittelbaus und der Verwaltung berücksichtigt.

Für seine Anhänger ist Steinbach der einfühlsamere Kandidat. Grötschel sei am Anfang undiplomatisch aufgetreten, räumen sogar dessen Unterstützer ein. Womöglich hätte Grötschel gut daran getan, die politischen Befindlichkeiten an der TU zu berücksichtigen und in sein Team von möglichen Vizepräsidenten auch Vertreter der Reformfraktion einzubinden. Steinbach hat das getan und mit der bereits amtierenden Gabriele Wendorf auch noch eine Frau aus dem Mittelbau aufgestellt. „Es ist rundum ein Vorteil für Steinbach, dass er die Uni kennt“, sagt Susanne Teichmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Reformfraktion.

Während Steinbach für Kontinuität steht, sieht Grötschel Veränderungsbedarf. Anders als manche sei er „nicht ganz der Meinung, dass wir überall exzellent sind“, sagte er unlängst im Akademischen Senat. Die TU müsse sich „schleunigst“ „besser aufstellen“, um zu zeigen, „was wir draufhaben“. Das hören manche gern – anderen macht es Angst. Grötschel könnte den bisherigen Strukturplan der TU schon bald ändern, so die Sorge. Nicht nur, weil die TU ein Haushaltsdefizit von acht Millionen Euro hat, sondern auch, weil alle Unis angesichts knapper Kassen ihre Stärken profilieren müssen.

Letzteres ist auch der Grund, warum das Kuratorium der TU Ende Oktober eine Wahlempfehlung für Grötschel abgegeben hat, wenn auch nach langen Debatten und mit Gegenstimmen. Reputation und Leistungsfähigkeit der TU müssten deutlich gesteigert werden, hieß es – eine harsche Kritik auch am langjährigen Präsidenten Kurt Kutzler. Ob der Aufruf Grötschel hilft, ist unsicher. Manche wollten sich „von oben“ nichts vorschreiben lassen und würden jetzt erst recht Steinbach wählen, ist zu hören.

Grötschels Wähler sind im Akademischen Senat eher rechts vom Präsidium zu finden, am Fenster. Dort sitzen Angehörige von Listen, die als „konservativ-liberal“ gelten. Sie selbst definieren sich aber vor allem über den Leistungsgedanken. Die „Fakultätsliste“, aktiv für starke Fakultäten, soll Grötschel auf den Schild gehoben haben. Unterstützer für Grötschel dürften sich auch in der Liste von Präsident Kutzler finden, der „Initiative Unabhängige Politik“, sowie in der sich besonders elitär gebenden „Liberalen Mitte“.

Grötschels Anhänger sehen in ihm schon deshalb den richtigen Präsidenten, weil er weit höhere wissenschaftliche Anerkennung als Steinbach genieße. Grötschel repräsentiere den Aufbruch, den die TU noch nicht in allen Bereichen vollzogen habe. Er werde die Weichen auf Exzellenz stellen und die TU würdig repräsentieren. Grötschel hätte man sogar zugetraut, den machtbewussten FU-Präsidenten Lenzen in seine Schranken zu weisen – eine Aufgabe, die dem nächsten TU-Präsidenten allerdings erspart bleibt, da Lenzen zur Universität Hamburg wechselt.

Die am Fenster sitzenden TU-Falken berufen sich auch darauf, dass Steinbach in den vergangenen Monaten vergeblich versucht hat, in Siegen und in Bielefeld Präsident zu werden – und somit auch nicht als präsidiabel für die TU gelten könne. Weitere Munition gab Steinbach seinen Kritikern, als er sich vor dem Kuratorium präsentierte: „Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht, als ich meine Söhne an dieser Universität studieren ließ“, erklärte er. Wegen ihrer Probleme mit den Studienbedingungen habe er sich oft „gefragt, ob ich in den letzten Jahren etwas bewegt habe“. Hatte Steinbach Grötschel vorgeworfen, er wolle die TU schlechtreden, erschien er mit dieser Äußerung selbst als allzu kritisch – und näherte Zweifel an seiner Wirksamkeit als langjähriger Vizepräsident für Lehre. Steinbach hat die Ungeschicklichkeit so sehr bereut, dass er später öffentlich bestritt, sie überhaupt begangen zu haben.

Würden alle „liberal-konservativen“Professoren für Grötschel stimmen, würden ihm noch fünf Stimmen zum Sieg fehlen. Aber für Grötschel wird es schwieriger. Denn Steinbach wird zwar von der Türfraktion unterstützt. Doch er selbst gehört zur „Liberalen Mitte“, hat also auch Anhänger am Fenster.

Mit „Weihnachtsgeschenken“ hätten beide Kandidaten in den vergangenen Wochen versucht, die Wähler zu gewinnen, ist aus der TU zu hören. Sie hätten Versprechungen gemacht, deren Realisierung die TU nur schwer werde finanzieren können. Grötschel weist diese Darstellung für seine Person zurück. – Wie es auch ausgeht: Professoren haben angekündigt, nicht mehr an großen TU-Projekten mitzuwirken, sollte ihr Favorit verlieren, berichtet ein Professor: Wer auch gewinne, werde alle Mühe haben, die Gräben zu überwinden.

MARTIN GRÖTSCHEL, geb. 1948, ist seit 1991 Mathematikprofessor der TU und Vizepräsident des Zuse-Zentrums. Bis 2008 leitete er das Matheon. JÖRG STEINBACH,

Jahrgang 1956, ist seit 1996 Professor für Anlagen- und Sicherheitstechnik an der TU. Seit 2002 ist er Erster Vizepräsident.

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