Universitätsgeschichte : Der Mythos Humboldt

Monumentale Geschichte: Eine neues sechsbändiges Werk ergründet den Mythos der Humboldtschen Universitätsgründung. Die herausragende Rolle der Berliner Universität im 19. Jahrhundert bestand nicht zuletzt darin, dass sie für viele Disziplinen programmatische Grundlagen geschaffen hat, die bis heute gelten.

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Anfänge. Das Laboratorium der Schloss- und Hofapotheke, das später zur Berliner Universität gehörte, um 1750.
Anfänge. Das Laboratorium der Schloss- und Hofapotheke, das später zur Berliner Universität gehörte, um 1750.Foto: SPSG

Wenn der Idealzustand der Universität die Krise ist, nämlich die ursprünglich mit dem Wort gemeinte Zuspitzung, dann war 1910, das 100. Gründungsjahr der „Berliner Universität Unter den Linden“, ein hervorragendes Jahr. Gemeint ist die ursprünglich Berliner Universität, ab 1828 Friedrich-Wilhelms-Universität, die heute als Humboldt-Universität ihr 200. Jubiläum begeht und aus diesem Anlass eine umfassende Geschichtsdarstellung in Auftrag gegeben hat, verteilt auf zwei Abteilungen in sechs Bänden, deren erster gestern vorgestellt wurde.

Noch im Laufe des Jahres werden drei Bände „Biographie einer Institution“ erscheinen, während aus der dreibändigen „Praxis der Disziplinen“ der erste zur „Genese der Disziplinen“ und der „Konstitution der Universität“ vorliegt. Es geht dabei um den Gründungsmythos der Berliner Universität: den „Mythos Humboldt“. Wilhelm von Humboldts Programmschrift aus dem Jahr 1809 bildet bis heute die Quelle des universitären Selbstverständnisses, nicht nur der Berliner Einrichtung, die im Oktober 1810 ihren Vorlesungsbetrieb aufnahm, sondern „der“ deutschen Universität insgesamt. Grundelemente sind zum einen die Einheit von Forschung und Lehre, zum anderen der Charakter als Bildungsinstitution – in durchaus emphatischen Sinne –, und drittens die „Selbstverpflichtung auf die deutsche Nation“ nach 1871.

So spitzte es gestern der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche im Disput mit Buchherausgeber Heinz-Elmar Tenorth zu, eingebettet in die Beobachtung, dass das deutsche Modell im Wettbewerb der Universitäten entstanden sei, mithin weder allein in Berlin noch aufgrund eines vorgegebenen Musters. Den „kanonischen Bezug auf Humboldt“ bezeichnete Tenorth als Merkmal des 20. Jahrhunderts. Und da kommt das erwähnte Krisenjahr 1910 ins Spiel: Damals wurde die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet, die heutige Max-Planck-Gesellschaft. Die Verlagerung von Forschung in eine extrauniversitäre Einrichtung zerbricht gerade die viel beschworene Einheit von Forschung und Lehre. Adolf Harnack, ihr erster Präsident, begründet die Wissenschaft als autonomes Sozialsystem, getrennt von Politik oder gar Militär. Die Transformation der Humboldt’schen Universität um 1910 vollendet die Autonomie der Wissenschaft als System eigener Logik – eine deutliche Zäsur nach einem Jahrhundert der Entwicklung der Universität durch die Praxis ihrer Disziplinen.

Es ist diese Entfaltung durch die Praxis, die der vorgelegte Band der Berliner Universitätsgeschichte auffächert. Alle Disziplinen kommen zu Wort; nicht die herkömmlichen Fakultäten, sondern „Disziplinen“ als „kommunikative Gemeinschaft von Personen, die als Wissenschaftler gelten“; ein Hinweis auf den wissenschaftssoziologischen Ansatz des Buches.

Die herausragende Rolle der Berliner Universität im 19. Jahrhundert besteht nicht zuletzt darin, dass sie in vielen Disziplinen programmatische Begründungen hervorgebracht hat, angefangen von der systematischen Theologie über die Rechtswissenschaft bis zu den historischen Wissenschaften und der sich ausdifferenzierenden Philologie. Und dann die Naturwissenschaften: Mit ihnen rückt der Bezug auf Praxis in den Blick, im Falle der Chemie auch voruniversitärer Praxis durch Apotheker. Die Physik konzentriert sich weniger auf die Entdeckung neuer Gesetze als auf die Präzisierung und Systematisierung des vorhandenen Wissenskorpus. Die Bedeutung der Berliner Medizin ist ohnehin bekannt und erfährt mit dem 300-jährigen Bestehen der Charité ihre eigene Würdigung.

Bleiben die Sozialwissenschaften – da verlor Berlin, wie der emeritierte HU-Philosoph Herbert Schnädelbach einwarf, den Anschluss, wie der Aufstieg Frankfurts oder auch Hamburgs belegt. Diese Beobachtung indes weist chronologisch bereits auf den kommenden zweiten Band der Disziplinengeschichte, der die „Transformation der Wissensordnung“ behandeln wird.

Geschichte der Universität Unter den Linden 1810–2010. Bd. 4: Genese der Disziplinen. Die Konstitution der Universität, hrsg. von Heinz-Elmar Tenorth. Akademie Verlag, Berlin 2010, 580 S., 69,80 €.

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