Universitätsmedizin in Berlin : Neue Angst um das Franklin-Klinikum

Finanzsenator Thilo Sarrazin hat erklärt, für das Charité-Klinikum Benjamin Franklin in Steglitz sei kein Geld mehr da. Damit provoziert er massiven Widerspruch.

Anja Kühne,Tilmann Warnecke

Muss das Uni-Klinikum Benjamin Franklin (UKBF) in Berlin-Steglitz nun doch geschlossen werden? In regelmäßigen Abständen erregen entsprechende Gedankenspiele die Öffentlichkeit. Am Donnerstag wurde eine Äußerung von Finanzsenator Thilo Sarrazin bekannt. Sarrazin hatte in der nicht öffentlichen Sitzung des Finanzausschusses der Charité am 20. Februar gesagt, dass angesichts des Defizits der Berliner Universitätsmedizin „keine finanziellen Spielräume für ein Festhalten am Campus Benjamin Franklin mehr vorhanden sein werden“. Das geht aus dem noch nicht bestätigten Protokoll der Sitzung hervor. Gestern wollte sich Sarrazin nicht dazu äußern. Die Bemerkung sei in dem Protokoll aber „richtig“ wiedergegeben, teilte ein Sprecher Sarrazins mit.

Sarrazins Äußerung schürte sogleich alte Schließungsängste. FU-Präsident Dieter Lenzen teilte am Donnerstag mit: „Jeder muss mit erbittertem Widerstand der Freien Universität rechnen, der sich hinter den Vorschlag einer Schließung des UKBF zu stellen wagen würde.“ Aus Sicht der FU ist für ihre Naturwissenschaften die örtliche Nähe zur Unimedizin zwingend. Darum gingen im Jahr 2002 auch FU-Professoren wochenlang auf die Straße, um die Schließung des UKBF zu verhindern. Der Senat hatte der Unimedizin damals Einsparungen von 98 Millionen Euro bis zum Jahr 2010 abgefordert. Nach langen Kämpfen blieb das UKBF jedoch erhalten, allerdings nur als ein Campus einer nunmehr fusionierten Berliner Unimedizin.

Welchen Stellenwert haben die Äußerungen Sarrazins? Die Sitzung des Ausschusses sei „konfliktreich und rumpelig“ verlaufen, berichtet ein Teilnehmer. Wegen Sarrazins „autoritärem Auftreten“ hätten sogar dem Gremium angehörige Wissenschaftler mit Rücktritt gedroht. Sarrazin habe „provoziert“, indem er erklärt habe, die Charité habe die Spielregeln jeder anderen Behörde einzuhalten. Danach könne sie unmöglich ein Defizit haben, weil sie die Höhe ihres Landeszuschusses kenne und ihr Wirtschaften daran auszurichten habe. Sarrazin habe gesagt, er sei schon 2002 der Auffassung gewesen, ohne die Schließung des UKBF könne die Charité die Sparauflagen nicht erfüllen.

Die Charité hatte im vergangenen Jahr ein Defizit von fast 57 Millionen Euro. Der Wirtschaftsplan sieht für dieses Jahr ein Minus von 19,5 Millionen Euro vor. Die Politik erwartet, dass das Klinikum im Jahr 2011 eine schwarze Null schreibt. Sarrazin vertrete unter den Mitgliedern des Finanzausschusses „keine Mehrheitsmeinung“, berichtete der Teilnehmer. Auch Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner hält nichts davon, das UKBF zu schließen. Er gehe bei der Weiterentwicklung der Charité „selbstverständlich von allen drei Standorten“ der Charité in Steglitz, Mitte und Wedding aus, sagte Zöllner auf Anfrage.

Das hat nicht nur sentimentale Gründe. Konsens unter den meisten Mitgliedern des Aufsichtsrats der Charité ist offenbar, dass die Probleme des UKBF mit seiner Schließung nicht verschwinden würden: nämlich die Sanierungsbedürftigkeit. Für „klemmende Fahrstühle“ und „Regen im OP“ müsse das Land Berlin auch aufkommen, wenn das UKBF dem landeseigenen Klinikkonzern Vivantes zugeschlagen oder privatisiert würde, sagt ein Kenner. In der Forschung stehe das UKBF nicht schlechter da als die Charité-Standorte in Mitte und Wedding. Zwei Sonderforschungsbereiche der DFG sind hier angesiedelt. In der Krankenversorgung ist das UKBF wegen der vielen im Südwesten der Stadt lebenden Privatpatienten sogar besonders erfolgreich. So würde die Schließung des Standorts nicht nur nichts sparen, sondern sogar zu neuen Verlusten führen. Denn die Bürde für Verwaltungskosten wäre dann allein von Mitte und Wedding zu tragen.

Die Strategie der Charité und des Senats ist deshalb, Einsparungen zu erzielen, indem die einzelnen Standorte stark profiliert werden. Im UKBF könnten dann Fächer mit „geringerem Investitionsbedarf“ wie Psychiatrie oder Psychosomatik angesiedelt werden, für die nicht riesige neue Apparate angeschafft werden müssen. Auch Karl Max Einhäupl, der neue Vorstandschef der Charité, hat sich bisher immer gegen die Schließung eines Standorts der Charité ausgesprochen. Erst am Mittwoch wiederholte er, mehrere Standorte seien für die Charité vielmehr ein Vorteil. Sie ermöglichten eine „große Flexibilität“ in der Wissenschaft. Im internationalen Wettbewerb könne eine Unimedizin zudem nur bestehen, wenn sie über die nötige „kritische Masse“ verfüge. Tradition allein helfe nicht weiter. Anja Kühne/Tilmann Warnecke

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