Uraffe : "Ida" nicht unser Vorfahr?

Forscher: Bedeutung des Uraffen wird überschätzt. "Ida" wurde als das "Missing Link" bezeichnet, doch inzwischen mehren sich die skeptischen Stimmen.

Hartmut Wewetzer

Am 20. Mai feierte „Ida“ ihre Auferstehung. „Ida“ lebte vor 47 Millionen Jahren, war ein katzengroßer Uraffe und ähnelte in seinem Aussehen vielleicht einem heutigen Lemuren, ehe sie auf den Grund eines tiefen Sees im heutigen Hessen sank und versteinerte. Im Museum für Naturgeschichte seiner Stadt enthüllte der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg das hervorragend erhaltene Fossil aus der Grube Messel bei Darmstadt. Jörn Hurum von der Universität Oslo hatte es für eine unbekannte Summe – vermutlich weniger als eine Million Dollar – 2007 von Fossilsammlern erstanden. Hurum ist „der Mann hinter dem Fossil“, so das Magazin „Science“. „Ida“, benannt nach Hurums Tochter, bekam den wissenschaftlichen Namen Darwinius masillae.

Hurums Mediencoup glückte. Selbst die Suchmaschine „Google“ schmückte ihre Webseite mit dem drolligen Relikt. Ein Dokumentarfilm wurde gedreht, eine eigene Webseite eingerichtet und ein Buch in Auftrag gegeben, das in Deutschland im August unter dem programmatischen Titel „Das Missing Link“ („Das fehlende Bindeglied“) erscheinen soll. Kein Zweifel: „Ida“ wird ihren Preis einspielen. Aber inzwischen mehren sich die skeptischen Stimmen aus der Wissenschaft.

Die Kritik entzündet sich vor allem an dem Ausdruck „Missing Link“. Gemeint ist damit nicht etwa ein angeblich fehlendes Bindeglied zwischen Affe und Mensch – diese Trennung erfolgte wesentlich später. Nein, Ida soll der älteste gemeinsame Vorfahr der Trockennasenaffen (Haplorhini, „echte“ Affen oder Anthropoiden) sein, zu denen Mensch und Schimpanse gehören. Und damit eine Brücke zu den Feuchtnasenaffen (Strepsirhini, „Halbaffen“), von denen sich Ida alias Darwinius schon ein Stück weg in Richtung Trockennasenaffen entwickelt haben soll.

Vom „heiligen Gral“ der Paläontologen spricht Hurum. „Es ist das erste Bindeglied zu allen Menschen“, sagt er. „Diese kleine Kreatur wird uns unsere Verbindung zu den anderen Säugetieren zeigen“, meint der Naturfilmer David Attenborough in dem Ida-Film.

Viele führende Experten für Primatenevolution sind jedoch anderer Meinung, berichtet „Science“. Elwyn Simons von der Duke-Universität in Durham bestreitet, dass Ida ein Bindeglied ist. „Es gibt keine überzeugenden Verbindungen zu heutigen Affen und Menschen.“ „Ich könnte mich schwarz ärgern“, sagt der Paläontologe Christopher Beard vom Carnegie-Museum für Naturgeschichte in Pittsburgh. „Diese Leute haben 15 Jahre Forschung ignoriert.“

Seit langem debattieren Forscher darüber, aus welchen frühen Primaten sich die heutigen „echten“ Affen oder Anthropoiden entwickelten. Drei Tiergruppen sind im Gespräch: die ausgestorbenen lemurähnlichen Adapiden, zu denen auch Ida/Darwinius zählt, die ebenfalls ausgestorbenen Omomyiden, die Koboldmakis ähnelten, und die Gruppe der Koboldmakis (Tarsier) selbst. Wissenschaftler haben die Merkmale und Eigenschaften dieser Gruppen in einer Art Katalog gesammelt. Sie kommen zu dem Schluss, dass Koboldmakis und Omoyiden am nächsten mit den Anthropoiden verbunden sind. Vielleicht war unser Vorfahr unter ihnen, oder sie waren mit diesem verschwistert. Die Adapiden inklusive Ida gelten den Primatenforschern dagegen als eher entfernter Zweig, stärker mit Lemuren und Loris versippt.

Ist die PR-Kampagne um Darwinius also auf Sand gebaut? Nicht ganz. Auch die Kritiker bestreiten nicht, dass das Fossil einzigartig gut erhalten und der „Traum eines Paläontologen“ ist, wie der Wissenschaftsjournalist Brian Switek meint. Eigentlich genug, auf das Ida stolz sein kann.

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