Urbibel : Codex Nr. 1

Die Urbibel – Konstantin Tischendorf will sie finden, 1844 entdeckt er das älteste bekannte Exemplar in der Wüste Sinai. Die Seiten werden in alle Welt verteilt. Nun sind sie vereint im Internet zu bewundern.

Jürgen Gottschlich
Urbibel
Die älteste erhaltene Bibel-Handschrift der Welt ist auch online zu lesen. -Foto: dpa

Es wehte ein heißer Wind. Obwohl noch weit vor Mittag, war das Thermometer bereits auf gut über 30 Grad geklettert. Erschöpft, aber dennoch euphorisch starrte Konstantin Tischendorf auf massive braune Festungsmauern, die wie eine Fata Morgana vor ihm auftauchten.

Das Katharinenkloster der griechisch-orthodoxen Mönche in der Wüste Sinai sieht noch heute eher wie eine kleine Festung aus. Tatsächlich ließ der byzantinische Kaiser Justinian das Kloster vor fast 1500 Jahren nicht nur zum Schutz der Mönche in die Wüste setzen. Es war gleichzeitig eine Garnison, ein Eckpfeiler an der südöstlichsten Ecke des christlichen Imperiums.

Als der deutsche Forscher, Theologe und Abenteurer Konstantin Tischendorf am 24. Mai 1844 auf seinem Kamel gemeinsam mit den ihn begleitenden Beduinen das Kloster erreichte, war der abweisende Charakter noch viel ausgeprägter. Nirgendwo gab es ein Tor, das einen Weg durch die mächtigen Mauern ins Innere gewiesen hätte. „Wir machten uns durch Geschrei und Abfeuern unserer Gewehre bemerkbar“, notierte Tischendorf über seine Ankunft vor den Mauern des Sinai-Klosters. Die Mönche ließen einen Korb zehn Meter an der Fassade hinab, in den Tischendorf zunächst seine Empfehlungsschreiben aus Kairo deponierte. Erst dann wurde auch er selbst hochgezogen, konnte er das Kloster dort oben durch eine winzige Pforte im Wehrgang betreten.

Insgesamt 18 Mönche erwarteten ihn im Innern der Festung, zunächst überaus misstrauisch, was der Fremde wohl von ihnen wolle. Tatsächlich hatte der Leipziger Protestant nicht nur einen freundlichen Gruß an die Brüder in Christo im Sinne. Er war ganz gezielt durch die Wüste gezogen, hoffte hier im Katharinenkloster einen besonderen Schatz zu heben. Tischendorf war besessen davon, den Urtext der Bibel zu finden oder doch zumindest so viele Fragmente alter Handschriften, um daraus, wie er es formulierte, einen Urtext „schöpfen zu können“.

Der damals 29-jährige Leipziger hatte sich bereits als Experte für uralte griechische Handschriften ausgezeichnet, in Paris in zweijähriger, äußerst mühsamer Arbeit Fragmente einer der ältesten griechischen Bibelhandschriften, die in Europas Bibliotheken existierte, entziffert. Eine Arbeit, an der bis dahin alle berühmteren Experten gescheitert waren. Mit diesem Erfolg im Rücken war es ihm gelungen, genügend private Sponsoren, aber auch die Unterstützung mehrerer europäischer Fürstenhöfe zu erlangen, allen voran die des sächsischen Königshauses, um eine längere Expedition in den Orient auszurüsten. Denn Tischendorf ging davon aus, wenn sich überhaupt so etwas wie ein Urtext der Bibel finden lassen würde, dann am Ort des Entstehens, in den Klöstern des orientalischen Christentums.

Sein enormer Ehrgeiz führte ihn im März 1844 von Livorno aus mit dem Schiff über Malta und Griechenland nach Ägypten. Aber da war noch etwas, das ihn trieb: Der Wunsch, es den Professoren zu Hause zu zeigen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts angefangen hatten, die historische Wahrheit der Bibel in Zweifel zu ziehen. Ihnen wollte er mit einem biblischen Urtext, der die historische Authentizität der Jesus-Worte beweisen sollte, gewissermaßen das Maul stopfen. Systematisch hatte er zunächst die alten Bibliotheken in Alexandrien und Kairo durchforscht und war dann zu den koptischen Klöstern in der libyschen Wüste aufgebrochen. Doch so interessant die Manuskripte, die er fand, auch waren, seinem eigentlichen Ziel war er dort noch nicht näher gekommen.

Das Katharinenkloster im Sinai zählt zu den ältesten, ununterbrochen bewohnten christlichen Klöstern überhaupt und Tischendorf versprach sich viel von einem Besuch dort. Zwölf Tage hatte er sich mit ein paar Beduinen durch die Wüste geschlagen, weder Sandstürme noch wildes Getier noch andere Beduinenclans hatten ihn aufhalten können. Doch als er endlich in der vielgerühmten Bibliothek der Sinaiten saß, dem Kloster am Fuße des Berges, auf dessen Gipfel Moses angeblich die Zehn Gebote von Gott überreicht bekam, wuchs seine Enttäuschung täglich. Er fand ungeordnete Haufen alter Handschriften, die schon lange nicht mehr genutzt wurden. Er verfluchte das mangelnde wissenschaftliche Interesse der Mönche. Und dann, als er schon fast abreisen wollte, fand er doch noch die heiße Spur.

Angeblich unter ausgemustertem Altpapier, das für den Ofen bestimmt gewesen sein soll, fand er 129 Pergamentblätter, die er auf Anhieb als uralte Fragmente aus dem Alten Testament identifizierte: Ein Text auf feinster Tierhaut in griechischer Unzialschrift geschrieben, auf jeder Seite vier Kolonnen. Tischendorf war wie elektrisiert. Einen so alten Text hatte er in keiner europäischen Bibliothek je gesehen. Egal ob der Text wirklich verbrannt werden sollte – was die Mönche bis heute heftig bestreiten – oder nicht, offensichtlich konnte von den damaligen Bewohnern des Klosters die altgriechische Schrift niemand mehr lesen. Den Mönchen war deshalb nicht klar, welchen Schatz sie da horteten. Tischendorf schaffte es, ihnen 43 der 129 Pergamentblätter abzuschwatzen. Im Triumph brachte er sie nach Leipzig.

Damit begann die neuere Geschichte des Codex Sinaiticus, der vermutlich im Jahr 340 in Caesarea im heutigen Israel verfasst wurde und als einzige erhaltene Bibelhandschrift aus dieser Zeit das vollständige Neue Testament enthält. Paläografen sprechen schlicht von „Nummer 1“. Seit diesem Jahr ist der Codex, der seit Jahrhunderten von niemandem mehr in einem Stück gelesen werden konnte, erstmals wieder vollständig und für jedermann einsehbar. In fünfjähriger Arbeit haben Experten der British Library, der Universität Leipzig, der russischen Nationalbibliothek in Petersburg und amerikanische Forscher im Sinai alle vorhandenen etwa 400 Pergamentblätter und Textfragmente nach neuestem Stand der Technik konserviert, fotografiert und digitalisiert und im Internet wieder zusammengefügt, wo der Codex Sinaiticus nun für jeden Interessierten frei zugänglich ist (www.codex-sinaiticus.net/de).

Dazu kommt eine Transkription mit wissenschaftlicher Kommentierung und Übersetzung ins Englische und Deutsche. Das Interesse an einer der ältesten handschriftlichen Fassungen der Bibel war enorm: Mehr als 20 Millionen Klicks zählten die Leipziger Techniker am ersten Tag der Veröffentlichung.

Dass der Codex an weltweit vier Orten verteilt vorlag, hatte auch mit dem Wirken Konstantin Tischendorfs zu tun, der später vom russischen Zaren erblich geadelt wurde und seitdem „von Tischendorf“ heißt. Nur noch ein Bruchteil des Codex befindet sich heute im Kloster auf der Sinaihalbinsel. Denn einmal auf die Spur gesetzt, wurde der Codex für Tischendorf zu einer Obsession, die sein gesamtes Leben bestimmte.

Nach der Rückkehr nach Leipzig publizierte er die mitgebrachten 43 Seiten und erwarb sich damit einen enormen Ruf. Allerdings hielt er den Fundort der Handschrift geheim, denn die im Kloster verbliebenen 86 Blätter ließen ihm keine Ruhe. Aufmerksam beobachtete er, ob irgendwo anders die zurückgelassenen Seiten auftauchten, doch nichts geschah. Neun Jahre später, im Februar 1853, machte er sich deshalb erneut auf den Weg zum Sinai, fest entschlossen, dieses Mal die fehlenden Seiten zu erwerben. Doch seine zweite Expedition wurde zu einer einzigen Enttäuschung. Obwohl der alte Bibliothekar noch dort lebte, konnte oder wollte sich niemand an die uralten Pergamentseiten erinnern. Wo Tischendorf im Kloster auch suchte, es fand sich lediglich ein winziges Fragment des Codex, das als Lesezeichen in einem anderen Buch lag. Frustriert reiste er wieder ab, überzeugt davon, dass die Mönche die Handschrift inzwischen an jemand anderen verkauft hatten.

Die Konkurrenz war schließlich groß. Den Anfang hatte Napoleon gemacht, dessen Heer auf seinem Zug durch Ägypten 1798 bis 1801 von einer Gruppe Wissenschaftlern begleitet wurde. Seitdem war die Begeisterung des europäischen Bürgertums für die Schätze des Orients ungebrochen. Ein Strom von Abenteurern und Forschern, oft eine Mischung aus beidem, machte sich auf, um die Schätze Ägyptens, Mesopotamiens und Kleinasiens zu heben. Während einige die Gräber der Pharaonen suchten, andere mit Homer in der Hand nach Troja gruben, spürten Tischendorf und seine Konkurrenten den Spuren von Jesus nach. Was sie dabei fanden, sei es der Schatz des Priamos, der Pergamonaltar oder die Büste der Nofretete, wurde nach Berlin, London, Paris oder Petersburg geschafft. In diesen Zusammenhang gehörte eben auch der Fund des Codex Sinaiticus. Als Tischendorf wieder in Leipzig war, gab er bekannt, wo er die 43 Seiten des Codex 1844 aufgestöbert hatte, um damit den vermeintlichen neuen Besitzer der verschwundenen Pergamente aus der Reserve zu locken. Doch nichts geschah.

Weil Tischendorf wusste, dass die orthodoxen Mönche seit dem Fall von Byzanz den Zaren für den wichtigsten Beschützer der orthodoxen Kirche hielten, bemühte er sich vor einem neuerlichen Anlauf um Unterstützung aus Petersburg, die er auch erhielt. Mit reichlich Gold und der Autorität des Zaren im Rücken startete er 1859 seine dritte und letzte Expedition zum Sinai. Doch es drohte wieder ein Fehlschlag. Erst am Abend vor seiner Abreise drückte ihm ein junger argloser Mönch einen ganzen Stapel in ein rotes Tuch eingewickelte Pergamentblätter mit den Worten in die Hand, er habe auch eine alte griechische Bibel in seiner Zelle. Als Tischendorf das Tuch zurückschlug, wusste er, dass er am Ziel angelangt war. Nicht nur die vermissten 86 Blätter, fast dreihundert weitere Pergamentseiten umfasste der Stapel. Darin enthalten das komplette Neue Testament – zusätzlich zu dem heute verwendeten noch erweitert mit dem „Brief des Barnabas“, verfasst von einem der vielen Apostelschüler, und dem „Hirten des Hermes“, einer Apokalypse aus dem zweiten Jahrhundert. Beides sind Texte, die als apokryph, also als angeblich nicht authentische oder häretische Texte aus dem Kanon der Bibel aussortiert worden waren.

Tischendorf wollte den Mönchen den Stapel sofort abkaufen, doch die lehnten ab. Mehr als zehn Jahre dauerte dann das Tauziehen um die Bibelhandschrift, bis schließlich aufgrund von erheblichem diplomatischen Druck aus Russland auf die Vorsteher der orthodoxen Kirche des Sinai schließlich um 1870 eine Schenkung des Codex Sinaiticus an den Zarenhof vollzogen wurde.

Die Geschichte dieser Schenkung ist höchst verwickelt – ihre Aufklärung ist Teil des Projektes der British Library. Bis heute sind die Mönche davon überzeugt, es sei dabei nicht rechtmäßig zugegangen, sie fordern den Codex deshalb zurück. Doch die British Library hat ihn schließlich für viel Geld gekauft: Als die Sowjetunion 1933 dringend finanzielle Mittel für die Industrialisierung des Landes brauchte, begann Stalin in großem Umfang Kunst und Kulturgüter zu verkaufen. Ein britischer Buchhändler fädelte daraufhin den Deal mit dem Codex ein. Für die damals ungeheure Summe von 100 000 Pfund, die die englische Regierung durch eine Sammlung im Volk zusammenbrachte, ging der Codex nach London. Die Briten waren begeistert, dass sie die älteste Bibel vermeintlich vor der Vernichtung durch ein atheistisches Regime gerettet hatten. Als der Codex im Britischen Museum ausgestellt wurde, bildeten sich tagelang lange Besucherschlangen, die alle einen Blick auf diese „Ur-Bibel“ werfen wollten.

Neben diesen 347 Blättern der British Library existieren heute noch die 43 Blätter in Leipzig, die Tischendorf als erste mitgebracht hatte und die die Unibibliothek als einen ihrer größten Schätze im Tresor lagert. Darüber hinaus sind einige Fragmente in Petersburg verblieben und im Kloster selbst wurden bei Bauarbeiten in einem Raum, der über Jahrhunderte vermauert war und von dessen Existenz die Mönche nichts wussten, 1975 noch einmal 11 Blätter und einige Fragmente gefunden. Aufgrund der fehlenden Passagen des Alten Testamentes gehen die Experten davon aus, dass zu dem Codex ursprünglich ungefähr 330 weitere Seiten gehört haben müssen.

Tischendorf persönlich hatte die Entdeckung und die Überführung des Codex in den Westen berühmt und wohlhabend gemacht. Er starb 1874 auf der Höhe seines Ruhms. Sein eigentliches theologisches, aber auch politisches Anliegen, die kritische Auseinandersetzung mit der Bibel abzublocken, indem er den historischen Urtext über das Leben und Wirken Jesu entdeckt, ist ihm nicht gelungen. Im Gegenteil, der Codex Sinaiticus beweist viel eher, dass es diese Ur-Bibel gar nicht gibt, sondern dass das Neue Testament über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten sozusagen als „work in progress“ entstanden ist. Über die Einflüsse, die darüber entschieden, welche Texte am Ende aufgenommen wurden und welche nicht, besteht bis heute keine letzte Klarheit.

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