US-Bildungsministerin Betsy DeVos : Auf Mission für private Schulen

Die neue US-Bildungsministerin Betsy DeVos ist eine milliardenschwere Unternehmerin und will die private Bildung stärken. Staatliche Schulen sorgen sich.

Andrea Barthélémy
US-Bildungsministerin Betsy DeVos.
US-Bildungsministerin Betsy DeVos.Foto: Carolyn Kaster/dpa

Musikangebote von der „Marching Band“ bis zum Chor, Kunstkurse, Literaturclubs, vor allem aber der vielgeliebte Sport – all das spielt sich für US-Teenager normalerweise komplett in der Schule ab. Kostenlos und öffentlich finanziert. Gerade in abgelegenen, mehr oder weniger wohlhabenden Kleinstädten ist die Schule mit ein paar hundert Schülern oft das Zentrum des sozialen Lebens. Doch die neue Bildungsministerin der USA, Betsy DeVos, will mehr Wahlfreiheit für freie, private und kirchliche Schulen. Für abgelegene Regionen verheißt das nichts Gutes.

Öffentliche Grund- und Oberschulen in den USA sind Gesamtschulen, je nach Leistung wählt man verschiedene Kurslevel. Allerdings ist die Qualität der Schulen je nach Region sehr unterschiedlich. Schon seit Jahren entstehen immer mehr, mit Steuergeldern unterstützte freie Schulen (Charter Schools), um vor allen in Ballungsräumen Alternativen zu leistungsschwächeren staatlichen Schulen zu bieten.

Ein Grund: Öffentliche Schulen finanzieren sich aus nationalen, bundesstaatlichen und auch lokalen Steuern. Sind die Einnahmen aus Letzteren gering, weil die Kommune arm ist, Einwohner wenig verdienen, drohen anspruchsvollere Kurse, aber auch Kunst-, Musik- und Sportangebote wegzufallen. Unterstützung durch nationale Zuschüsse ist deshalb besonders wichtig.

DeVos ist eine Verfechterin der freien Schulwahl

DeVos, eine milliardenschwere Unternehmerin aus Michigan, ist seit Langem eine Verfechterin der freien Schulwahl. Weder die gläubige Christin selbst noch ihre erwachsenen Kinder haben je öffentliche Schulen besucht. Für DeVos sind sie nur eine, in ihrer Sicht oft schlecht funktionierende Option unter mehreren. Sie möchte, dass die Bundesgelder in ein Gutschein-System fließen sollen, um den Eltern mehr Wahlfreiheit zu geben – auch wenn ein Gutschein-Pilotprojekt in DeVos’ Heimatstaat Michigan ziemlich schiefging.

Unterm Strich bedeutet das: Öffentliche Schulen verlieren Geld mit jedem Schüler, der an eine private oder freie Schule wechselt. Lehrer und viele Eltern, die teils auch um die – derzeit staatlich zugesicherte – Integration von Kindern mit besonderem Förderbedarf fürchten, protestieren.

Zudem sind in Flächenstaaten und wenig besiedelten Gegenden staatliche Schulen oft die einzigen Alternativen. Zwei republikanische Senatorinnen schlossen sich deshalb den Demokraten an und stimmten gegen DeVos’ Berufung. DeVos habe keine Vorstellung von den Problemen ländlicher Regionen, kritisierten Lisa Murkowski und Susan Collins aus Alaska und Maine, zwei der besonders betroffenen Bundesstaaten.

50 Millionen Schüler besuchen öffentliche Schulen

Die „Washington Post“ berichtete aus dem nördlichsten Zipfel von Maine. Dort kämpft die Schenck High School im abgelegenen Bezirk East Millinocket ums Überleben. Sie hat noch 120 Schüler. Mehr als die Hälfte der Schüler in Maine besuchen solche ländliche Schulen, ebenso wie fast ein Fünftel der 50 Millionen Schüler öffentlicher Schulen in den USA.

East Millinocket liegt tief verschneit. Die Arbeitslosigkeit in dem 2000 Seelen-Ort ist hoch, seit die Papierfabrik im Ort dichtmachte. Seit Jahren gibt es keine örtliche Zeitung mehr. Die „Schenck High“ ist eine Art letztes Band, das hier viele zusammenhält. Das undichte Schuldach habe man nur dank der Millionenspende eines Privatmannes bezahlen können, berichtet der Schulbezirksleiter Eric Steeves. „Sonst wären wir wohl schon geschlossen.“ Für das Basketball-Match der Schulmannschaft hat man erneut Kräfte gebündelt. Für ein Cheerleader-Team, sonst Aushängeschild jeder High School, ist kein Geld mehr da. Schülerinnen improvisieren, um die Stimmung in der Halle mit Akrobatik und Schlachtrufen anzuheizen.

Auch für den Unterricht ist Kreativität gefragt, denn neue Lehrer zu finden sei wegen der geringen Bezahlung schwierig, sagt Steeves. Viele übernehmen mehrere Rollen. „Meine Frau ist die Schulleiterin, aber auch die Bibliothekarin und die Leiterin der Küche. Wir jonglieren.“

Alternativen: Online-Kurse oder langes Fahren

Mögliche Alternativen für East Millinockets Schüler für den Fall, dass „Schenck High“ die Segel streicht? Lernen in Online-Kursen oder immens lange Fahrten zu anderen, teils stark religiös geprägten Schulen.

Die Bildungsforscherin Karen Eppley (Penn State University) betont in einem Interview mit „The Atlantic“: „Freie Schulwahl in ländlichen Gebieten ist wirklich kompliziert, nicht nur wegen der Entfernungen und der finanziellen Einschränkungen vieler Familien dort, sondern auch, weil solche Landschulen wie Anker für die Kommunen sind.“ Viele Familien würden sich stark engagieren. Ein Gutschein-System für freie Schulen hätte in diesen Regionen dann auch nur einen Vorteil: dass Eltern sich zusammentun könnten, um eine eigene Schule vor Ort zu gründen, wenn die öffentliche geschlossen worden ist. (dpa)

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