US-Studenten : Berliner Campus, amerikanische Disziplin

08.08.2012 19:40 UhrVon Sarah Schaschek
Auf nach Berlin. Etliche US-Unis haben Filialen in Berlin. Foto: AP
Auf nach Berlin. Etliche US-Unis haben Filialen in Berlin. - Foto: AP

Kreuzberger Nächte, wildes Leben in der WG? Diese Seiten des Großstadtlebens lernen junge Amerikaner, die für ein Semester nach Berlin kommen, kaum kennen. US-Eliteunis behüten ihre Studierenden im Auslandsstudium und schreiben ein straffes Programm vor.

Wenn das keine Erfolgsgeschichte ist: Als Thomas Silvers vor elf Monaten nach Berlin kam, konnte er kaum einen Kaffee bestellen. Im Laufe des Jahres machte er mehrere Deutsch-Intensivkurse, belegte zwei Seminare auf Englisch, besuchte Prag und Weimar, reiste zum jüdischen Chanukkafest heim nach New York und fing im Januar ein sechsmonatiges Praktikum in einer Firma für Zellforschung in Adlershof an. Im Sommersemester studierte er nebenbei Biochemie und Organische Chemie an der Technischen Universität (TU), diesmal auf Deutsch. Soeben hat er den Sprachtest gemacht, der zum Vollstudium in Deutschland befähigt. Jetzt sitzt er im Cafe am Neuen See – Brille, Krawatte, hohe Stirn – und weigert sich, ein Wort Englisch zu sprechen.

Es ist allgemeiner Abschiedsabend beim „Duke in Berlin“-Programm, einer Art ständiger Vertretung der amerikanischen Privatuniversität in Berlin. Wie andere Unis auch (etwa Stanford und die University of California) leistet sich Duke ein Team vor Ort, das sich ganzjährig um den Aufenthalt von Studierenden wie Silvers kümmert. Ziel ist es, sie möglichst stark in den Betrieb der Berliner Universitäten einzubinden und gleichzeitig die Anforderungen der amerikanischen Unis zu erfüllen, die vor allem angehende Germanisten und Ingenieure schicken.

Die Monate in Deutschland werden Silvers voll angerechnet. Weil sich das deutsche so stark vom amerikanischen Universitätssystem unterscheidet, haben die Berliner Vertretungen ein „study abroad“-Programm ausgetüftelt, das Studierenden einen nahtlosen Übergang von dort nach hier und zurück erlaubt. Franziska Fiebrich, die an der Freien Universität gerade 55 Studenten der University of California (UC) betreut, wird in den kommenden Wochen jeden einzelnen Kurs, den ihre Studenten belegen, in die UC-Koordinaten umrechnen. Bei Duke ist aus dem gleichen Grund das Berlin-Studium streng durchgetaktet. Von der Gastfamilie bis zum Theaterbesuch wird hier nichts dem Zufall überlassen.

Thomas Silvers ist 21 Jahre alt. Im Sprachtest erwartet er die Bestnote, wie die meisten hier am Tisch. Die Organisatoren sind stolz darauf, dass ihre Schützlinge oft überdurchschnittlich abschneiden, aber Zufall ist das nicht. Silvers ist ein straffes Arbeitspensum gewöhnt. In Berlin ist er, um zu studieren und zu arbeiten, nicht um ein halbes Jahr lang den Eigenheiten deutscher Bibliotheken ausgesetzt zu sein und ein Kreuzberger WG-Leben zu führen. Um an „Duke in Berlin“ teilnehmen zu können, hat er mehrere Bewerbungsstufen gemeistert, gemeinsam mit Studenten aus Harvard und Cornell, die Duke ebenfalls als Anlaufstelle nutzen.

Dass mehrere Universitäten sich zusammentun, um ihre Studenten nach Berlin zu schicken, hat mit zwei widersprüchlichen Entwicklungen zu tun. Einerseits schrumpft die Attraktivität der deutschen Sprache in den USA. „Wir konkurrieren jetzt mit Spanisch und Chinesisch“, sagt Jochen Wohlfeil, der den Duke-Zweig Ende der 1980er Jahre mit damals sechs Studenten eröffnet hat. Obwohl das Programm familiär bleiben soll, fliegt Wohlfeil im Herbst in die USA, um Werbung für den Standort zu machen.

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