US-Studenten : Streikende Streber

US-Studenten gelten als angepasst. Es gibt aber immer wieder politische Proteste – auch für den Mindestlohn.

Johannes Novy

Wie politisch sind Amerikas Studenten? An dieser Frage scheiden sich derzeit die Geister in den USA. Als „Generation Quiet“ – also „ruhige Generation“ – geißelte unlängst der Kolumnist Tom Friedmann die heutige Studentengeneration in der „New York Times“ – und beschuldigte die Studierenden, nicht „radikal“ und nicht „wütend“ genug gegen die Missstände in ihrem Land vorzugehen. Sie seien zwar aktiv, würden sich zum Beispiel in lokalen Initiativen oder auch im Internet sozial engagieren. Mit Wohltätigkeit und Online-Aktivismus allein würden sich Gesellschaft und Politik aber nicht reformieren lassen. Dafür brauche es traditionelle, lautstärkere Formen des Protests, kurzum: den Druck der Straße.

Friedman dürfte sich über die Ereignisse an der New Yorker Columbia-Universität am Ende des Jahres gefreut haben – auch wenn sie seine Thesen ein Stück weit infrage stellten. Über eine Woche befanden sich dort Studenten in einem Hungerstreik. Von wegen „Generation Quiet“: Schlachtrufe aus den Sechziger Jahren wie „No Justice – no Peace“ ertönten auf dem Gelände der renommierten Universität, auf dem die streikenden Studenten campierten, und weckten Erinnerungen an die bürgerbewegten Zeiten von vor 40 Jahren, als Studentenproteste die Universität schon einmal in Atem hielten.

Im Frühjahr 1968 besetzten Studenten Teile der Universität, um gegen den Vietnamkrieg, die Diskriminierung von Minderheiten und den Bau einer universitätseigenen Sporthalle in einem öffentlichen Park im nahegelegenen Schwarzenviertel Harlem zu protestieren. Die Besetzung wurde durch die Polizei gewaltsam beendet, gilt aber unter Studenten bis heute als großer Erfolg, schließlich wurden der Bau der Sporthalle verhindert und der für das Eingreifen der Polizei verantwortliche Universitätspräsident Grayson Kirk zum Rücktritt gezwungen.

Auch in diesem Herbst waren Expansionspläne der Universität ein Auslöser der Auseinandersetzungen. Lee Bollinger, der Präsident der Columbia, will gegen den Willen vieler Nachbarschaftsvertreter in Harlem einen neuen, von Architekt Renzo Piano entworfenen Campus bauen lassen und wird deshalb – wie schon sein Vorgänger Kirk – beschuldigt, die Interessen der Eliteuni über das Wohl der lokalen Bevölkerung zu stellen. Die mehrheitlich schwarzen und einkommensschwachen Bewohner Harlems, so argumentieren viele, seien der Universität egal, und diese Indifferenz sei symptomatisch für die Kluft zwischen Arm und Reich und Schwarz und Weiß, die Amerikas Gesellschaft prägen und besonders im Bildungswesen des Landes offen zutage treten würde.

Ähnlich hatten bereits die protestierenden Studenten in den Sechziger Jahren argumentiert, die den Schulterschluss mit dem damaligen Civil Right Movement suchten. Anders als noch vor vierzig Jahren konnte diesmal eine Eskalation jedoch verhindert werden. Die Universitätsleitung erklärte sich schließlich bereit, auf einzelne Forderungen der streikenden Studenten einzugehen, um sie zu einem Abbruch ihres Protests zu bewegen. Von ihren Expansionsplänen wich die Universität nicht ab, sicherte aber zu, mehr Mittel für Minderheiten zur Verfügung zu stellen und Teile ihres Curriculums zu überarbeiten, das von vielen Studenten als „eurozentristisch“ empfunden wird. Kurz vor Weihnachten gab auch die New Yorker Stadtregierung grünes Licht für die Expansionspläne.

Man habe zwar nicht alle Forderungen durchsetzen können, aber einen Teilsieg errungen, hieß es deshalb von Studentenseite. Auch weil es gelungen sei, ein Zeichen gegen die nach wie vor weit verbreitete Diskriminierung von Minderheiten im amerikanischen Bildungswesen zu setzen. Zwar gehen die Meinungen über die Angemessenheit und die Wirksamkeit ihres Streiks auf dem Campus weit auseinander. Dass Angehörige von Minderheiten Ungleichbehandlung und Intoleranz erfahren und es aller Rhetorik vom American Dream zum Trotz schwer haben, im amerikanischen Hochschulwesen zu reüssieren, ist an der Columbia-Universität aber wohlbekannt. Einerseits, weil auch an der Columbia – wie an allen amerikanischen Topunis – weiße und aus wohlhabenden Sozialschichten stammende Studenten überwiegen. Andererseits, weil es in letzter Zeit auch an der Columbia-Universität zu einer Reihe von Übergriffen gegen Angehörige von Minderheiten gekommen war. Trauriger Höhepunkt war ein Ereignis zu Beginn des Semesters, als Unbekannte eine geknüpfte Schlinge, also ein Symbol der gegen Schwarze gerichteten Lynchjustiz früherer Zeiten, an der Bürotür einer schwarzen Professorin anbrachten.

Hat die New York Times also unrecht, wenn sie den Studierenden vorwirft, als „Generation Quiet“ nicht wütend genug gegen Missstände im Land zu protestieren? Tatsächlich sind es bei den meisten großen Kundgebungen im Land nicht die heutigen Studenten, sondern nach wie vor überwiegend Angehörige der notorisch rebellischen Babyboom-Generation, die den Aufstand proben. Zahlreiche Studien, wie etwa die jährlich von der University of California erhobene American Freshmen Survey, zeigen, dass viele junge Amerikaner für politisches Engagement nicht mehr viel übrig haben. Andererseits hat der Hungerstreik an der Columbia mit der von Friedman angemahnten Radikalität gezeigt, dass nicht alle von ihnen gewillt sind, gesellschaftspolitische Missstände stillschweigend zu akzeptieren. Auch andere Beispiele belegen dies. So befanden sich 2005 26 Studenten der Georgetown-Universität in Washington DC über zehn Tage im Hungerstreik, um einen Mindestlohn für niedrig bezahlte Angestellte der Universität durchzusetzen. Studenten der New York University setzten im gleichen Jahr durch, dass Produkte von Coca-Cola – wie an vielen anderen Hochschulen auch – von ihrem Campus verbannt wurden, weil der Getränkeriese Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien zu verantworten haben soll. Die Ende der Neunziger Jahre gegründete Initiative United Students Against Sweatshops hat sich währenddessen seit ihrer Gründung zu einer professionell geführten und an über 200 Hochschulen aktiven Organisation entwickelt und engagiert sich weltweit gegen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Es ist eine Mischung aus alten und neuen Formen politischen Engagements, mit der Teile der heutigen Studentengeneration Amerikas für ihre Interessen und Ansichten einstehen. Ein großer Teil dieses Engagements findet dabei – wie die landesweite Kampagne gegen Coca-Cola zeigt – im Internet statt. Der Kolumnist der New York Times beklagt gerade dies und sagt, dass sich die Welt nicht mit Online-Petitionen, Weltverbesserungsblogs und „FaceBook-Kreuzzügen“ verändern lassen würde. Politische Aktivität im virtuellen und im realen Raum schließen sich jedoch gegenseitig nicht aus. Die streikenden Columbia-Studenten waren nahezu rund um die Uhr mit Laptops ausgestattet – um die ganze Welt mit einem „Strikeblog“ über ihren Protest zu informieren.

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