USA : Bushs christliche Colleges

Streng religiöse Unis sind auf dem Vormarsch in Amerika. Ihr Einfluss reicht sogar bis in die Regierung, Kritiker befürchten eine Ilfitration. Wer von der richtigen Uni kommt, wird leichter Praktikant im Weißen Haus.

Leonard Novy

Kaum eine Politikerrede kommt in den USA heute ohne den Rekurs auf Religion und christliche Werte aus. In beiden Parteien überbieten sich die Anwärter auf die Nachfolge George W. Bushs darin, ihren Glauben unter Beweis zu stellen. Was für einen deutschen Abgeordneten der politische Frühschoppen ist, ist für Hillary Clinton und ihre Kollegen das "prayer breakfast".

Geschuldet ist das Ausmaß an Religiosität im öffentlichen Diskurs den evangelikalen Christen. Sie machen rund ein Viertel der Bevölkerung aus, galten aber lange als gesellschaftlich wie wirtschaftlich rückständig. Doch der Evangelikalismus, der maßgeblichen Einfluss auf die Politik, Personalentscheidungen und Rhetorik des amtierenden Präsidenten hatte, ist auf dem Vormarsch. Und nachdem seine zumeist in Freikirchen organisierten Anhänger jahrzehntelang als wenig bildungsaffin galten, sind sie nun dabei, auch in den heiligen Hallen der Wissenschaft eine gewichtige Rolle zu spielen.

Der aufklärerische Impetus der Ivy-League-Universitäten an der liberalen Ostküste und der Glaube an die Irrtumsfreiheit der Bibel – das schien nicht zusammenzugehen. Seit den 1960ern schließen die Evangelikalen jedoch, sowohl was Bildung als auch was Wohlstand angeht, rasant zum US-amerikanischen Durchschnitt auf. Wie der US-Soziologe Michael Lindsay in seinem Buch „Glauben in den Fluren der Macht“ dokumentiert, gehören sie längst zur Elite in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und haben diese, wie auch das Land insgesamt, verändert.

Bush: bin "wiedergeborener Christ"

An einer ehrwürdigen Ivy-League-Universität wie Princeton nehmen bis zu einem Viertel der Studierenden an evangelikalen Zusammenkünften teil. Mit Mark Noll von der University of Notre Dame haben die Evangelikalen einen prominenten Historiker in ihren Reihen.

Man könnte den Aufstieg der Evangelikalen, deren wohl bekanntester Vertreter Billy Graham alle Präsidenten seit Eisenhower beriet, als eine Art Normalisierung bezeichnen. Denn Religion war in den angelsächsisch-protestantisch geprägten Vereinigten Staaten lange Zeit gleichbedeutend mit Evangelikalismus. Erst Darwin, Bibelkritik und Säkularisierung nahmen den bibeltreuen Christen ihre Vormachtstellung. Von da an sahen sie sich jahrzehntelang als eine Tradition und moralisches Erbe des Landes vertretende, benachteiligte Minderheit.

Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung prägen denn auch nicht die moderaten Evangelikalen, sondern die christliche Rechte das Bild dieser eigentlich heterogenen theologischen Richtung. In den 1960ern als Antwort auf Bürgerrechtsbewegung, Vietnamproteste und sexuelle Revolution entstanden, ist sie bestens organisiert und half, dass 2004 78 Prozent der evangelikalen Wähler für Bush stimmten. Bush wiederum, der sich selbst als „wiedergeborenen Christen“ bezeichnet, bedankte sich für die Rückendeckung, indem er staatliche Gelder zu glaubensgestützten Programmen umleitete, das Prinzip Wohlfahrt durch Religion ersetzte.

Praktika für Gläubige

Getragen wird die christliche Rechte von einem bestens organisierten, konservativen Meinungsnetzwerk aus Think Tanks, Lobby Gruppen, Fernsehpredigern – und religiösen Hochschulen. Letztere verzeichneten in den letzten Jahren hohe Zuwachsraten und fungieren als Kaderschmieden für Republikaner, religiöse Drittsektororganisationen und konservative Medien.

Berühmt-berüchtigt für seine Nähe zur Bush-Regierung ist das vor sieben Jahren gegründete Patrick Henry College. Obwohl hier kaum mehr als 300 Studenten eingeschrieben sind, stellte das eine Autostunde westlich von Washington D. C. gelegene, streng-religiöse College zuletzt so viele Praktikanten im Weißen Haus wie die über 200 Jahre alte Georgetown University. Praktika in Washington sind fester Bestandteil der am Department of Government angebotenen Politikprogramme, dem Aushängeschild der Universität.

Filmemacher Jed Rothstein dokumentierte in seiner Dokumentation God’s Next Army eindrucksvoll, wie das College Studenten auf ein Leben in der Politik vorbereitet. Auch die 1977 von Pat Robertson, einem einflussreichen Fernsehprediger und Gründer der fundamentalistischen Christian Coalition, ins Leben gerufene Regent University rühmt sich ihrer Verbindungen ins Weiße Haus. 150 Alumni, so die Eigenwerbung, stünden im Dienst der Bush-Administration, was ein Kritiker wie der US-Publizist Paul Krugman zum Anlass nahm, die „Infiltrierung“ des Regierungsapparats durch religiös motivierte Eiferer zu kritisieren. Umgekehrt gehört der ehemalige Justizminister John Ashcroft zur Fakultät der Regent University, seine Frau Janet sitzt im Kuratorium des Patrick Henry College.

Wer studieren will, unterschreibt ein Glaubensbekenntnis

Wer hier studieren will, muss ein auch für die Fakultät bindendes Glaubensbekenntnis unterschreiben, demzufolge Jesus buchstäblich von den Toten auferstanden und die Hölle ein Ort sei, an dem alle Ungläubigen „zu ewigen Qualen verdammt sind“. Danach soll er dann, so hat es der College-Gründer Michael Farris einmal verkündet, als Politiker, Bundesrichter oder Hollywood-Regisseur die „zeitlosen“ Werte der Bibel unters Volk bringen. Das hat man sich auch an der Regent University vorgenommen. Hier studiert und betet man unter dem Motto: „christliche Führung um die Welt zu verändern“.

Die Bibel historisch-kritisch zu interpretieren, steht dagegen wohl kaum auf dem Stundenplan. So unterrichtet man am Patrick Henry College die Evolutionslehre zwar, attestiert der biblischen Schöpfungslehre aber, die sowohl „biblisch wahre“ als auch empirisch überzeugendste Erklärung zu sein. Diese Freiheit lässt man sich etwas kosten: So nimmt das College keine Gelder von der Regierung oder anderen Stellen an, „die unseren Gründungsprinzipien widersprechen“. Für viele streng religiöse Eltern ein wesentlicher Grund, ihre Kinder dort studieren zu lassen. Der überwiegende Teil der Patrick-Henry-Studenten hat nie eine Schule von innen gesehen, wurde zu Hause unterrichtet, weil ihre Eltern die strikte Trennung von Kirche und Staat ablehnen. College-Gründer Farris zählt mit seiner auf dem College-Campus ansässigen Home School Legal Defense Association zu den einflussreichsten Verfechtern des Heimunterrichts. Seine strenge Auslegung der Universitätsstatuten ging fünf von 16 Fakultätsmitgliedern indes zu weit. Sie quittierten im Frühjahr 2006 den Dienst und warfen den College-Verantwortlichen vor, die Freiheit der Wissenschaft einzuschränken.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben