Vampir-Tintenfisch : Rote Augen, schwarzer Mantel

Forscher auf der Spur des seltsamen Kopffüßlers: Ein Dokumentarfilm begleitet die Expedition und zeigt den Vampir-Tintenfisch in beeindruckenden Bildern.

Matthias Glaubrecht

Er ist der seltsamste unter den Kopffüßern und trägt seinen Namen zu Recht. Seine fast schwarzen zwischen den Fangarmen gespannten Häute bilden einen Mantel, wie bei einem Vampir.

Vampyroteuthis infernalis, der „Vampir-Tintenfisch aus der Hölle“, wie er von seinen Entdeckern genannt wurde, war 1899 bei der ersten deutschen Tiefsee-Expedition auf dem Forschungsschiff „Valdivia“ aus 1200 Meter Tiefe ans Tageslicht gezogen worden. 50 neue Tintenfisch-Arten fingen die Forscher damals, die meisten erstmals in großer Tiefe im Atlantischen und Indischen Ozean. Der Expeditionsleiter und Meeresbiologe Carl Chun beschrieb Vampyroteuthis in seinem Forschungsbericht „In den Tiefen des Weltmeeres“ 1903 erstmals.

Den Forschern fielen nicht nur der tintenschwarzer bis purpurfarbener Körper und die großen roten Augen auf. Der Vampir-Tintenfisch ist auch eine seltsame Mischung aus achtarmigen Kraken und zehnarmigen Kalmaren. So spannen sich acht Arme zwischen seinen Häuten; doch zusätzlich besitzt er ein Paar fadenartige Arme. Die acht Hauptarme sind neben einer Saugnapfreihe mit einer Doppelreihe langer Zipfel besetzt, den Cirren. Andere Tintenfisch-Merkmale trägt Vampyroteuthis nicht mehr, etwa einen Tintenbeutel oder die Fähigkeit, die Farbe zu wechseln. Und eine Besonderheit hat nur er allein: ein Paar Leuchtorgane mit Lidern, die sie öffnen und schließen können – Licht an, Licht aus. Ob sie zum Beutefang dienen oder verhindern, dass Vampyroteuthis selbst gefressen wird, ist ungeklärt.

In jedem Fall besitzt der kleine Vampir der Tiefsee Merkmale verschiedener Tintenfischgruppen. Deshalb schufen Zoologen für ihn eine eigene Ordnung – die Vampyromorpha, oder Tiefseevampire. Während man ihn früher für einen archaischen Vertreter hielt, sehen Forscher in ihm heute den nächsten Verwandten der Octopoden. Viel Ehre für den knapp 15 Zentimeter großen Tintenfisch, der zurückgezogen zwischen 300 bis 3000 Metern Tiefe lebt. Vom Südatlantik, wo der „Valdivia“-Expedition die ersten Fänge glückten, bis zum Golf von Mexiko und nach Hawaii ist er inzwischen bekannt.

Mehr als ein Jahrhundert nach seiner Entdeckung haben sich Forscher erneut auf die Reise in die Tiefsee gemacht. Mit einem ferngesteuerten U-Boot konnte der „Dracula der Meere“ in seinem natürlichen Lebensraum gefilmt, beobachtet und gefangen werden. Ein Dokumentarfilm-Team um Hiromishi Iwasaki begleitete die Expedition und zeigt den Tiefsee-Vampir in beeindruckenden Bildern.

Matthias Glaubrecht

Heute zeigt das Museum für Naturkunde, Invalidenstraße 43, um 19 Uhr 30 den Dokumentarfilm „Der Vampir aus der Tiefsee“ von Hiromishi Iwasaki. Schauspieler Hanns Zischler und zwei Biologen lesen aus Texten zu Tintenfischen und anderen Tiefsee-Mysterien. Eintritt 6 Euro.

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