Vererbung : Ein Konzept, das Karriere machte

Der Begriff der Vererbung kommt ursprünglich aus dem Bereich des Rechtswesens. Er bahnte sich erst später seinen Weg in die Biologie - und von dort weiter in viele andere Lebensbereiche.

Hans-Jörg Rheinberger

Vererbung ist ein Begriff, der heute so allgegenwärtig ist, dass man kaum glauben mag, dass seine Übertragung auf biologische Phänomene erst um 1800 erfolgte. Hundert Jahre später konkretisierte und verdichtete sich dann der Raum, den das Vererbungsdenken des 19. Jahrhunderts abgesteckt hatte, in einem Forschungsobjekt, das unter dem Namen „Gen“ im Laufe des 20. Jahrhunderts eine beispiellose Karriere gemacht hat.

Der Begriff der Vererbung kommt ursprünglich aus dem Bereich des Rechtswesens. Im deutschen Sprachraum war es Immanuel Kant, der sich in seinen anthropologischen Schriften aus den 1770er und 1780er Jahren seiner erstmals bediente, um einen biologischen Sachverhalt auszudrücken. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren es dann zunächst französische Mediziner, die dafür sorgten, dass eine biologisch-medizinische Verwendung des Wortes Vererbung gängig wurde. Ab dem späten 19. Jahrhundert wanderte der Begriff seinerseits wiederum aus der Biologie in alle möglichen Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens aus, in denen es um Tradition und Tradierung geht. Der Molekularbiologe und Nobelpreisträger François Jacob beschreibt in seiner Logik des Lebenden den Übergang vom Zeugungsdenken der frühen Neuzeit zum Vererbungsdenken um 1800 als einen Bruch, der zwei Denkstile scharf voneinander trennt: Der für die frühe Neuzeit charakteristische Denkstil bestand darin, jede Zeugung letztlich als einen individuellen, zufälligen Schöpfungsakt anzusehen. Um 1800 begann man hingegen, Vererbung im Sinne einer „Reproduktion“, also im Sinne der geregelten Weitergabe eines biologischen Substrates von einer Generation zur nächsten zu denken. Diesem Bruch ging eine längere Geschichte von Praktiken, Beobachtungen und Überlegungen in der Naturgeschichte, der Züchtungspraxis, der Anthropologie und der Medizin, aber auch in Recht und Politik voran.

Eine besondere Rolle für die Herausbildung des Vererbungsdiskurses spielten botanische Gärten und Menagerien

Diese Praktiken, Beobachtungen und Überlegungen bildeten zunächst aber keinen geschlossenen und einheitlichen Diskurs: Sie blieben vielmehr auf unterschiedliche Domänen des gesellschaftlichen Lebens verteilt und fanden dementsprechend auch in ganz unterschiedlichen Formen ihren Ausdruck. Anlass für Kants Überlegungen war ein eng umschriebenes, höchst spezifisches Phänomen, nämlich die angenommene Existenz verschiedener Menschenrassen, die durch Eigenschaften wie die Hautfarbe ausgezeichnet waren. Sie ließen sich zwar mischen, übertrugen ihre Eigenheiten aber selbst unter dauerhaft veränderten Umweltbedingungen „unausbleiblich“ auf die Nachkommen.

Eine besondere Rolle für die Herausbildung des Vererbungsdiskurses gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielten botanische Gärten und Menagerien. Um Umwelteinflüsse von erblichen Faktoren unterscheiden zu können, mussten Organismen aus ihren endemischen Umgebungen verpflanzt werden. Genau das bewirkten botanische Gärten und Menagerien, indem sie Lebewesen aus aller Welt unter mehr oder weniger technisch kontrollierten Bedingungen an einem neuen Ort versammelten. Tier- und Pflanzenzüchter stellten ganz ähnliche Experimente in Verpflanzung und Hybridisierung wie die Naturforscher an, und sie entwickelten wie diese auch ein eigenständiges Vokabular, um eingesetzte Verfahren und beobachtete Phänomene zu beschreiben.

Die Verteilung des Vererbungswissens auf mehr oder weniger voneinander getrennte Domänen zeigt, dass vor dem Ende des 18. Jahrhunderts Vererbungserscheinungen im Bereich des Lebendigen zwar keineswegs unbeachtet blieben. Diese Streuung macht aber auch deutlich, was nicht existierte: Es gab keinen allgemeinen Begriff biologischer Vererbung, der diese Domänen schlüssig aufeinander bezogen hätte. Ein solcher bildete sich erst allmählich im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts heraus.

Im 20. Jahrhundert steht der Name ganz klar für das Forschungsobjekt "Gen"

Wie in einem Brennpunkt verdichteten sich diese Umrisse in den Schriften von Charles Darwin und seinem Vetter Francis Galton und verknüpften sich dort nicht zufällig mit Vorstellungen über die Evolution der Arten. Auch wenn Darwins spezielle Vererbungshypothese der „Pangenesis“ dem weiteren Verlauf der Entwicklung nicht standhielt, so wird bei ihm doch exemplarisch deutlich, dass es fortan nicht mehr vertikal um eine Betrachtung individueller Abstammungslinien ging, sondern horizontal um die Existenz eines „Erbgutes“ – Darwin nannte seine Bestandteile „Keimchen“ –, das von Generation zu Generation weitergegeben und in einer ganzen Population von Individuen jeweils neu verteilt wurde.

Dieser epistemische Raum war es, der auch den Bezugspunkt für eine neue Biopolitik des Nationalstaates bot, in deren Mittelpunkt nicht mehr das einzelne Individuum, sondern ein „Volkskörper“ stand, für den das gleiche galt: In ihm stellte sich ein eng mit dem „Erbgut“ verknüpftes „Gut“ dar, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde, und das vor verderblichen Einflüssen geschützt werden musste. Diese Koppelungen und diese Resonanzen muss man sehen, wenn man verstehen will, warum genetische Phantasien in Gestalt der Eugenik, die zunehmend die Individualhygiene überformte, um die Wende zum 20. Jahrhundert politisch so wirkmächtig werden konnten. Vererbungswissen ließ sich in dem Maße als zentraler Bestandteil eines biopolitischen Dispositivs betrachten, als sein Gegenstand über die Zeugung individueller Lebewesen hinauswies und die Verhältnisse und Kräfte einschloss, die in und auf Populationen wirkten und für deren Leben ausschlaggebend waren.

Zum anderen konnte in diesem Raum am Ende des 19. Jahrhunderts aber auch eine neue Wissenschaft Fuß fassen, die den Namen Genetik erhielt und als eine Art „allgemeiner Biologie“ ins Zentrum der experimentellen Biowissenschaften des 20. Jahrhunderts rückte, so wie Darwins Evolutionstheorie fünfzig Jahre zuvor ins Zentrum der biologischen Theoriebildung gerückt war. In dieser Wissenschaft verdichtete sich der epistemische Raum der Vererbung zu neuen wissenschaftlichen Objekten, den Genen, deren Handhabung auf zwei technischen Voraussetzungen beruhte: der Züchtung reiner Linien und einem Hybridisierungsregime, das sich experimentell die Sexualität der höheren Organismen zunutze machte, und für die Gregor Mendels Arbeiten prototypisch wurden. Mit der Unterscheidung zwischen Genotyp und Phänotyp hat die Genetik das Bild des Lebens bis heute nachhaltig geprägt.


- Der Autor ist Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Gemeinsam mit Staffan Müller-Wille publizierte er zum Thema u.a.: Vererbung. Geschichte und Kultur eines biologischen Konzepts. Fischer, Frankfurt am Main 2009.

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