Verhalten : Orang Utans können mit Menschen kommunizieren

Menschenaffen passen ihre Gestik der Reaktion ihres menschlichen Gegenübers an

Louis Buckley

Wenn Orang Utans einen Pfleger bitten wollen, ihnen einen leckeren Snack zu reichen, benutzen sie die gleiche Strategie wie Menschen in dem Spiel Scharade, behaupten Forscher. Sie wiederholen Gesten, die von ihrem Gegenüber verstanden werden und ändern diejenigen, die nicht den gewünschten Erfolg haben. Das zeigt, dass sie über erstaunlich ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten verfügen.

Nonverbale Kommunikation dieser Art wurde bereits bei Schimpansen beobachtet, und es existieren viele Berichte, die belegen, dass Orang Utans ebenso begabt sind.

"Frage jeden Zoowärter und er wird dir sagen, dass er mit den Orang Utans kommuniziert und dass die Orang Utans auch mit ihm kommunizieren", sagt Richard Byrne von der University of St Andrews in Schottland. "Aber die Frage ist, ob das Tier bewusst und selbstständig kommuniziert oder nur auf einstudierte Zeichen reagiert."

Byrne und seine Kollegin Erica Cartmill untersuchten die kommunikativen Fähigkeiten von sechs weiblichen Orang Utans in britischen Zoos. In jedem Fall saß der Pfleger außerhalb des Käfigs mit zwei Eimern, gefüllt mit leckerem Essen (z. B. Bananen) und nicht so leckerem Essen (z. B. Sellerie).

Der Orang Utan versuchte dreißig Sekunden lang, dem Pfleger seine Präferenz mitzuteilen, während der Pfleger selbst nur still dasaß. Dann gab er dem Affen entweder das ganze leckere Essen, die Hälfte des leckeren Essens oder das gesamte nicht so leckere Essen und wartete eine weitere Minute schweigend ab.

Geschmäcker erkennen

Die drei Reaktionen des Pflegers sollten sein Verständnis der Affengesten repräsentieren - vollständiges bzw. teilweises Verständnis oder Unverständnis, so Byrne. "Er tat so, als habe er das Tier nicht verstanden - etwas, das ein Tierpfleger normalerweise nie tun würde."

Alle Orang Utans bis auf einen hörten auf zu gestikulieren, sobald sie die gewünschte Nahrung erhalten hatten, mehrere zogen sich ins Innere des Käfigs zurück. "Nachdem sie ihr Essen bekommen hatten, waren die meisten nur noch damit beschäftigt", sagt Byrne. "Ich weiß nicht, was mit dem einen Tier los war, vielleicht war es besonders gierig."

Wenn sie nur einen Teil des leckeren Futters erhalten hatten, wiederholten die Affen die eingesetzten Gesten in der Hoffnung, auch noch den Rest der Nahrung zu erhalten. Wenn der Pfleger ihnen das falsche Essen gab, versuchten sie es mit neuen Gesten und hörten auf, die "missverständlichen" zu benutzen. Die Ergebnisse sind in Current Biology (1) nachzulesen.

"Die Reaktionen zeigten uns, dass die Orang Utans ein bestimmtes Ziel erreichen wollten, damit rechneten, es zu erreichen, und es solange versuchten, bis sie bekommen hatten, was sie wollten", sagt Cartmill. "Sie unterschieden klar zwischen Teilverständnis und Unverständnis des Pflegers. Durch Anpassung ihrer Gesten stellen sie sicher, dass sie schneller verstanden werden."

"Das ist eine unglaublich aufregende Studie", sagt Psychologe David Leavens von der University of Sussex in England. "Sie beweist, dass Orang Utans mit Menschen kommunizieren können und taktische Entscheidungen über die Art der Kommunikation treffen. So etwas gab es noch nie."

Die Arbeit könnte auch dazu beitragen, mehr über die Entstehung von menschlicher Sprache herauszufinden, sagt Byrne. "Es muss eine Zeit gegeben haben, in der unsere Vorfahren über keine größeren sprachlichen Fähigkeiten verfügten, als Schimpansen und Orang Utans sie heute zeigen. Wenn wir uns die Orang Utans, die erstaunlich umfangreich kommunizieren, ohne jedoch etwas so Komplexes wie eine gesprochene Sprache zu beherrschen, näher anschauen, können wir dadurch möglicherweise Rückschlüsse auf Verhaltensweisen unserer Vorfahren ziehen."

(1) Cartmill, E.A. & Byrne, R.W. Curr. Biol. Doi:10.1016/j.cub.2007.06.069 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 2.8.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news070730-7. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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