Verhaltensforschung : Kreative Keas

Die neuseeländischen Bergpapageien nutzen Werkzeuge um an Futter zu kommen – und um Naturschützer zu ärgern.

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Neugierig. Die Vögel erkunden auch Autos und Rucksäcke nach Essbarem.
Neugierig. Die Vögel erkunden auch Autos und Rucksäcke nach Essbarem.Foto: Roland Knauer

Autofahrer und Wanderer in Neuseeland wissen nur zu gut, wie clever die „Kea“ genannten Bergpapageien des Landes sind. Die Vögel leben in den schneereichen Höhenlagen, wo sie nur mit viel Grips das ganze Jahr genug Nahrung finden. Wer in der Natur Steine umdreht, um an der Unterseite nach Leckerbissen zu suchen, vermutet Fressbares eben auch in einem Rucksack. Der wird dann mit dem Schnabel und den langen Zehen geschickt geöffnet. Vielleicht schmeckt ja auch der Gummi des Scheibenwischers am Auto, den die Vögel ähnlich schnell wie ein Automechaniker demontieren. Eines gehörte bis vor kurzem nach Meinung der Forscher aber nicht zum Repertoire der Tiere: der Gebrauch von Werkzeugen. Die lassen sich mit einem krummen Keaschnabel schlecht handhaben, glaubten sie.

Doch mit etwas Training meistern die Bergpapageien auch diese Hürde, berichten jetzt Alice Auersperg und Kollegen von der Wiener Universität in der Zeitschrift „Biology Letters“. In den Volieren der Forscher kamen die Papageien nämlich nur an einen Leckerbissen, wenn sie ein Stöckchen durch ein Loch in einer Plexiglasscheibe steckten, um damit den Happen von einem Tablett zu schubsen.

Nach einiger Übung löste ein Kea mit dem Namen „Kermit“ das Problem mit einer raffinierten Werkzeugtechnik. Zunächst landet der Zweig im krummen Schnabel und wird vorsichtig ins Loch gesteckt. Dann hält Kermit das Ästchen mit einem Fuß fest, lässt mit dem Schnabel los und packt das Stöckchen am Ende, das nicht im Loch steckt. Jetzt kann der Papagei sein Werkzeug so lange hin- und herbewegen, bis er den Leckerbissen erwischt. Einmal erprobt lernten auch drei weitere der insgesamt sechs Keas in den Volieren den Trick. Die Forscher waren begeistert. Zum ersten Mal hatten sie den Einsatz von Werkzeugen bei den Papageien beobachtet, in der Natur sei Werkzeuggebrauch bisher noch nie gesehen worden, schreiben sie.

Sanjay Thakur vom Büro der neuseeländischen Naturschutzbehörde DoC (Department of Conservation) in Te Anau hat da ganz andere Erfahrungen gemacht. Als Ranger ist er im Naturschutzgebiet der Murchison Mountains unter anderem für das Aufstellen von Fallen zuständig. Darin werden Hermeline gefangen, die einst als Pelztiere in Neuseeland ausgesetzt wurden. Die Raubtiere haben sich rasant vermehrt und betätigen sich als Eierdiebe, die einige nur in Neuseeland vorkommende Vogelarten an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Deshalb bauten Thakur und seine Kollegen Tausende von Fallen auf, um die Zahl der Hermeline zu verringern.

Vor vier Jahren jedoch begann „der große Unbekannte“ die Arbeit zu sabotieren. Zunächst zog er den Nagel heraus, der die Klappe hält, über die eine solche Falle ausgelöst wird. Damit war die Falle verschlossen und es konnten keine Hermeline mehr gefangen werden. Thakur legte sich auf die Lauer, um den Übeltäter zu überführen: Es war ein Kea.

Gegen Bergpapageien kann ein DoC-Mitarbeiter wenig unternehmen, denn Keas könnten gefährdet sein. Also verwendete er statt eines Nagels eine Schraube, die ein Keaschnabel kaum lösen kann. Die Papageien fackelten nicht lange und drehten kurzerhand die sieben Kilogramm schwere Falle um. Ein echter Kraftakt, schließlich wiegt ein Kea gerade ein Kilo. „Ähnliches leistet ein Mensch, der ein Auto aufs Dach legt“, vergleicht Thakur.

Das Umdrehen der Falle ließ sich verhindern, indem die DoC-Mitarbeiter die Apparatur im Boden verankerten. Erneut schlugen die Keas zurück und hackten mit ihren kräftigen Schnäbeln den Maschendraht auf, der auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangsklappe die Falle abschließt. Wieder standen die Türen für Hermeline weit offen. Daraufhin baute Thakur seine Fallen mit dickerem Maschendraht, dem ein Keaschnabel nichts mehr anhaben kann.

Doch Keas sind hartnäckig. Jetzt schleppten die Papageien fingerdicke Ästchen herbei, die 60 oder 70 Zentimeter lang waren. Ähnlich wie Kermit in Wien sein Werkzeug durch das Loch im Plexiglas schiebt, stochern die Keas in den Murchison Mountains inzwischen mit ihren Ästen so lange in der Falle herum, bis diese auslöst. Finden sie kein geeignetes Stöckchen, nehmen sie eben eine der farbigen Plastikmarkierungen, mit denen der Standort der Fallen an den Bäumen angezeigt wird. Alles in allem ist das genau der Werkzeuggebrauch in der Natur, den die Wiener Forscher bisher noch nie beobachten konnten, obwohl sie gerade einmal fünf oder sechs Autostunden von Te Anau entfernt ihre Feldforschung machten.

Die Hühnereier, mit denen DoC die Hermeline in die Falle lockt, holen die Keas übrigens auch dann nicht heraus, wenn sie diese vorher mit ihrem Stock entschärft haben. „Sie scheinen eine Art Spiel mit mir zu treiben“, sagt Thakur.

Nun hat er seine Fallen erneut umgebaut. Diesmal muss das Hermelin um eine Ecke laufen, um an das Ei zu kommen. Ein Stöckchen jedoch lässt sich kaum um die Ecke biegen. Sanjay Thakur ist schon gespannt, was die Keas sich jetzt einfallen lassen werden.

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