Verhaltensforschung : Quälende Auswahl

Warum sich Kinder und Jugendliche mit ADHS schwerer tun, gute Entscheidungen zu treffen.

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Welche Sorte? Vielen ADHS-Kindern fällt schon die Wahl beim Eis schwer. Foto: picture alliance / dpa
Welche Sorte? Vielen ADHS-Kindern fällt schon die Wahl beim Eis schwer.Foto: picture alliance / dpa

„Entscheidungen sind mit das Schlimmste überhaupt“, stöhnt in einem Internet-Forum für Menschen mit ADHS ein Teilnehmer. Andere, die ebenfalls vom Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom betroffen sind, stimmen ihm zu, sie berichten von der Qual der Wahl im Restaurant oder im Jeansgeschäft. Und wie oft sie schon falsche Entscheidungen bereut haben.

Luxusprobleme, so könnte man meinen. Doch sie haben mit schlechten Erfahrungen zu tun: Schon länger ist sich die Forschung darüber einig, dass Menschen mit ADHS überdurchschnittlich häufig impulsive Entscheidungen treffen, die zwar schnelle Belohnungen versprechen, sich aber langfristig als unvorteilhaft erweisen. Weil es dabei nicht nur um Pizza oder Süßigkeiten geht, kann das vor allem Kindern und Jugendlichen auch Lebenschancen verbauen.

Glücksspiel im Tomografen

Der Schweizer Psychologe und Neurowissenschaftler Tobias Hauser, der derzeit am Wellcome Trust Centre for Neuroimaging des University College in London arbeitet, hat zusammen mit Kollegen vom Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich nun das Gehirn von Heranwachsenden genauer unter die Lupe genommen, während sie im Rahmen eines Spiels Entscheidungen zu treffen hatten.

Die Forscher haben dafür 20 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren, die schon wegen eines diagnostizierten ADHS in Behandlung waren, mit 20 Gleichaltrigen ohne diese Diagnose verglichen. Alle spielten, während sie in einem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) lagen und gleichzeitig per EEG ihre Hirnströme abgeleitet wurden, ein durch bestimmte Gesetzmäßigkeiten verfeinertes Glücksspiel. Dabei wurde jeweils die Entscheidung für eines von zwei Bildern belohnt – welches das richtige Bild war, das war zunächst jedoch schwer vorherzusehen.

Diese Konstellation war für die Forscher interessant, weil es Lernprozesse auslöst, wenn Erwartungen nicht eintreffen und Belohnungen ausbleiben: Es gilt umzudenken. Die Forscher konnten nun nicht nur belegen, dass die elektrische Aktivität und der Blutfluss in der mittleren Region des Stirnlappens, dem medialen präfrontalen Kortex, bei beiden Gruppen während des Entscheidungsprozesses unterschiedlich sind. Sie konnten den Unterschied auch zeitlich genau eingrenzen: Eine Auffälligkeit zeigte sich in der ADHS-Gruppe bereits weniger als eine halbe Sekunde, nachdem die Spieler ein Feedback über Erfolg oder Misserfolg im Spiel bekommen hatten. Die Reaktionszeit der Heranwachsenden aus beiden Gruppen unterschied sich dabei nicht, allerdings hatten die Jugendlichen mit ADHS beim Spiel etwas weniger Erfolg als die Teilnehmer aus der Kontrollgruppe.

Weniger sensibel für Veränderungen

Die Forscher analysierten nun zusätzlich mit mathematischen Methoden, welche wechselnden Hypothesen beide Gruppen während des Spiels angewandt hatten. Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer aus der ADHS-Gruppe etwas weniger sensibel auf Veränderungen bei den Gewinnchancen reagierten. „Das Verhalten der Kontrollgruppe wurde besser durch ein flexibles Lernmuster erklärt, das der ADHS-Patienten besser durch ein einfaches“, schreiben sie in ihrem jetzt in „JAMA Psychiatry Online“ veröffentlichten Beitrag.

Unter ADHS leide wahrscheinlich die Sensibilität, mit der man aus unerwarteten Wechseln bei den Belohnungschancen lerne. „Die Kinder mit ADHS entscheiden sich deshalb öfter für eine Lösung, von der sie eigentlich schon wissen, dass sie nicht die beste ist – und ärgern sich danach, dass sie nicht die richtige gewählt haben“, erklärt Hauser auf Anfrage.

Entscheidungsprozesse bewusster machen

Die meisten der Teilnehmer mit einer ADHS-Diagnose hatten zuvor schon das Medikament Methylphenidat (unter anderem Ritalin) genommen, es für die Studie jedoch kurzzeitig abgesetzt. Das Mittel greift in den Stoffwechsel von Dopamin ein, dem zentralen Botenstoff des Belohnungssystems. Die zweite wichtige Säule der Behandlung ist in der Regel eine Verhaltenstherapie. „Dort sollte daran gearbeitet werden, dass Kindern Entscheidungsprozesse bewusster werden und dass sie dabei sorgfältig auf Details achten“, sagt Hauser. Daneben könne Neurofeedback helfen, eine Form der Rückmeldung, die Signale bestimmter Hirnregionen sichtbar macht. „Das hilft Kindern dabei, gezielt die Regionen zu trainieren, die bei ADHS beeinträchtigt sind.“

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