• Vermeintliche Zensur von Wissenschaftszeitschrift: Geschwärzte Seiten im Forschungsmagazin

Vermeintliche Zensur von Wissenschaftszeitschrift : Geschwärzte Seiten im Forschungsmagazin

Die Zeitschrift "Wissenschaftsmanagement" schwärzt in ihrer aktuellen Ausgabe vier Seiten. Der vermeintliche Fall von Zensur durch ein Unternehmen erregt Aufsehen.

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Die geschwärzte Seite im "Wissenschaftsmanagement".
Die geschwärzte Seite im "Wissenschaftsmanagement".Foto: Screenshot


Hat ein Unternehmen die Zeitschrift „Wissenschaftsmanagement“ zensiert? So sieht es die Redaktion, selbst wenn das Wort nicht fällt. Um die Leser darauf hinzuweisen, enthält das aktuelle Heft anklagend vier Seiten, auf denen der Text unkenntlich gemacht wurde: „ Wir haben uns in der Redaktion entschieden, Ihnen zu zeigen, was immer wieder aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen berichtet wird“, schreibt Markus Lemmens, der Chefredakteur vom „Wissenschaftsmanagement“ im Editorial. Opfer der Zensur war demnach auch ein Helmholtz-Zentrum, dessen Bericht im „Wissenschaftsmanagement“ das Unternehmen angeblich unterband. Die Zeitschrift „Wissenschaftsmanagement“ hat nach eigenen Angaben eine Auflage von 2000 Stück. Sie richtet sich an Verwaltungsmitarbeiter und Führungspersonal von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Unter den Herausgebern ist auch Frank Ziegele, der Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).

Hat ein Unternehmen der Veröffentlichung nicht zugestimmt?

Die geschwärzten Seiten erregen aktuell unter wissenschaftsaffinen Twitter-Nutzern und bei Forschungseinrichtungen einige Aufmerksamkeit. So wie Lemmens es in seinem Editorial darstellt, wollte ein Helmholtz-Zentrum im „Wissenschaftsmanagement“ in einem Gastbeitrag ein Forschungsprojekt beschreiben. Dabei sei es nicht über Inhalte, die schon durch eine Pressemitteilung der Helmholtz-Gemeinschaft bekannt waren, hinausgegangen. „Von einem investigativen Bericht war alles sehr weit entfernt“, schreibt Lemmens. Trotzdem habe das Unternehmen mit Sitz im Ausland nach zahlreichen Bemühungen – auch des Helmholtz-Zentrums – der Veröffentlichung des Beitrags nicht zugestimmt.

Die Helmholtz-Gemeinschaft ist irritiert

Die Helmholtz-Gemeinschaft zeigt sich am Mittwoch jedoch irritiert über die geschwärzten Seiten und die Darstellung des Magazins. Der Fall tauge keineswegs als Beispiel für dominant auftretende Unternehmen in Forschungskooperationen, war am Mittwoch auf Anfrage zu hören. Der Fall sei völlig anders gelagert. Das Helmholtz-Zentrum habe auch überhaupt nicht mit einem Unternehmen geforscht, sondern völlig selbständig. Nachdem die Ergebnisse veröffentlicht worden waren, sei es gelungen, ein Unternehmen dafür zu interessieren. Es habe für sehr viel Geld einen Lizenzvertrag von Helmholtz erworben, um aus den Ergebnissen ein neues Produkt entwickeln zu können. Nachdem Helmholtz davon stolz in einer Pressemitteilung berichtet habe, habe das Unternehmen die weitere Veröffentlichung im „Wissenschaftsmanagement“ abgelehnt. Es habe einfach kein Interesse an weiterer Aufmerksamkeit, um Konkurrenten nicht wachzurütteln. Denn die Ergebnisse des Projekts seien allgemein zugänglich. Dem Lizenzvertrag nach ist Öffentlichkeitsarbeit über den Vorgang der Lizenznahme aber nur im Einvernehmen mit dem Unternehmen möglich. Auch bleibt das Unternehmen anonym, um Mitbewerbern keine Hinweise zu geben.

Die Hintergründe waren zur Zeit der Veröffentlichung nicht bekannt

Lemmens sagte am Mittwoch auf Anfrage, ihm seien die Hintergründe zur Zeit der Veröffentlichung der geschwärzten Ausgabe nicht in vollem Umfang bekannt gewesen. Es sei zu dem Zeitpunkt nicht nachvollziehbar gewesen, warum das Unternehmen den Wiederabdruck der Pressemitteilung verhindern wollte. Allerdings sei der Vorgang sehr wohl „ein Baustein in einer Kette von ähnlich gelagerten Fällen“, von „Kleinigkeiten, die in Forschungskooperationen nicht ganz leicht laufen“ und über die „Wirtschaft und Wissenschaft mal sprechen sollten“.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung dieses Textes hieß es, Markus Lemmens habe gesagt, er hätte die Ausgabe mit den geschwärzten Seiten „vielleicht nicht gemacht“, wenn er vollständig informiert gewesen wäre. Diese Darstellung habe aber auf einem Missverständnis seiner Äußerungen beruht, stellt Lemmens am 4. Juni gegenüber dem Tagesspiegel fest. Auch im Lichte aller ihm inzwischen bekannten Fakten hätte er die geschwärzte Ausgabe veröffentlicht.

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