Versorgungsmängel : Forschung für eine bessere Pflege

Wer Pflege benötigt, wird häufig schlecht informiert. Ein Graduiertenkolleg der Charité untersucht, wie die Versorgung von Senioren verbessert werden kann.

Rosemarie Stein

Jahrelang versorgt Herr A. (79) seine an Demenz leidende Frau und den Haushalt allein. Bis er es nicht mehr schafft. Zwei Tage nach ihrer Heimeinweisung muss er selbst ins Krankenhaus. Dort teilt man ihm mit: Prostatakrebs im Endstadium. Seine 82-jährige Schwester nimmt den Kranken zu sich und will ihn umsorgen. Im Krankenhaus hat niemand der alten Frau gesagt, dass da Schwerkrankenpflege auf sie zukommt, der sie ohne Hilfe nicht gewachsen ist.

Herr A. stürzt mehrmals, wenn er nachts aufsteht. Einmal schafft es seine Schwester mithilfe zweier Nachbarinnen, ihn ins Bett zu tragen. Bei den nächsten Stürzen ruft sie den Notarzt, der ihren Bruder jedes Mal ins Krankenhaus einweist. Beim dritten Mal gibt der Klinikarzt ihm und seiner Schwester deutlich zu verstehen, dass er im Krankenhaus am falschen Platz ist. Weil in der angegliederten Kurzzeitpflege gerade ein Bett frei ist, wird Herr A. dorthin verlegt, trotz seines heftigen Protestes. Schließlich verstummt er, will seine Schwester nicht mehr sehen, sein Zustand verschlechtert sich, drei Tage später stirbt er. Allein.

Dieses Beispiel für alltägliche Versorgungsmängel nannte Doris Schaeffer (Universität Bielefeld) auf dem Abschluss-Symposium des Graduiertenkollegs „Multimorbidität im Alter und ausgewählte Pflegeprobleme“ am Charité-Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften. Es dokumentiert ein entscheidendes Defizit: Eine vernünftige Versorgungsplanung ist eine Seltenheit.

Alte Pflegebedürftige würden schlecht informiert, wenn es um die richtige Anwendung von Medikamenten geht, um Schmerzbehandlung, um ambulante Hilfen oder um stationäre Versorgung. Vor allem aber, so kritisierte die Pflegeforscherin, wird nur die einzelne Krankheit oder der einzelne Patient gesehen, nicht aber sein Umfeld, dessen Hilfsmöglichkeiten oft überschätzt werden.

Solche Versorgungsprobleme sind zwar im Ausland Gegenstand einer gut ausgebauten Forschung, Deutschland aber muss noch einiges aufholen. „Probleme der Versorgung sind genauso wichtige Forschungsfragen wie molekularbiologische Untersuchungen“, sagte Bernhard Badura (Universität Bielefeld). Dass auf dem Forschungsgebiet „Alter“ die 15 Doktoranden des Kollegs aus neun verschiedenen Fachgebieten mit unterschiedlichen Perspektiven gemeinsam arbeiteten, hob Manfred Gross besonders hervor. Der Charité-Prodekan für Studium und Lehre dankte der Robert-Bosch-Stiftung, die das Graduiertenkolleg ausgeschrieben hatte und es fünf Jahre lang förderte.

Das Forschungsgebiet des Graduiertenkollegs ist höchst aktuell und wird es bleiben. Schon heute leben in Deutschland fast drei Millionen über Achtzigjährige, 2050 werden es wahrscheinlich acht Millionen sein. Bereits 24 Prozent der über Siebzigjährigen leiden an mindestens fünf verschiedenen Krankheiten. Diese Multimorbidität führt zu funktionellen Einbußen und Abhängigkeit. Derzeit sind in Deutschland 2,1 Millionen Menschen pflegebedürftig, Tendenz steigend. Die Zahlen nannte die Gerontologin und Medizinsoziologin Adelheid Kuhlmey, Sprecherin des Kollegs. „Unser Versorgungssystem ist für diese zunehmende Beanspruchung nicht gerüstet“, warnte sie.

Was brauchen alte, mehrfach kranke Menschen, um trotzdem möglichst selbstbestimmt in ihrer gewohnten Umgebung leben zu können? Welche Formen der Unterstützung verhelfen ihnen zu einer bestmöglichen Lebensqualität? Diese bisher vernachlässigten Forschungsfragen leiten das Kolleg.

Berlin wurde von der Bosch-Stiftung dafür ausgewählt, weil hier bereits ein Netz von Institutionen und Personen existiert, die Alters-, Gesundheits- und Pflegeforschung betreiben. Beispiel: Die berühmt gewordene Berliner Altersstudie und der gegenwärtige Forschungsverbund „Autonomie trotz Multimorbidität im Alter“. So konnte man für jeden der 15 Doktoranden gleich zwei Doktorväter oder -mütter finden, jeweils aus zwei verschiedenen Fachrichtungen.

Ein Studienprogramm begleitete die Arbeit an den Dissertationen über wenig erforschte Probleme wie Schmerz und Inkontinenz im Alter mit einem Hauptakzent auf der Sicht der Betroffenen, über Kriterien für gute Pflege oder über nicht alterstaugliche Mobilitätshilfsmittel.

Dass die Absolventen dabei lernten, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, ist vielleicht noch wichtiger als die Forschungsergebnisse der jungen Wissenschaftler. „Wir empfinden es als ganz normal, die eigene Fachsprache abzulegen und uns mit anderen Disziplinen auszutauschen“, sagte der Psychologe Martin Holzhausen dem Tagesspiegel. Eine zweite Förderphase für das Graduiertenkolleg beginnt im Sommer, wie Dieter Berg, Leiter der Bosch-Stiftung, ankündigte.

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