Verwirrende Vielfalt bei Deutschkursen für Flüchtlinge : Die Schlingerkurse

Flüchtlinge, die Deutsch lernen wollen, treffen auf ein verwirrendes Angebot mit teils fragwürdiger Qualität.

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Junge Frauen mit Kopftüchern sitzen an Tischen in einem Klassenzimmer, eine andere Frau erklärt ihnen etwas.
Im Gespräch. Für Integrationskurse gelten eigentlich strenge Qualitätsanforderungen. Doch mit dem Steigen der Flüchtlingszahlen...Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Deutsch lernen, den Bus- oder Autoführerschein machen – das hat auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Doch nicht nur in Berlin, wo das Busunternehmen Gullivers Ende vergangenen Jahres um Deutschschüler geworben hat, gibt es Anbieter, die sonst bestenfalls in der Aus- und Weiterbildung im Verkehrsgewerbe tätig sind. Möglich machte das ein Programm der Bundesagentur für Arbeit, mit dem seit November 2015 in kürzester Zeit bundesweit Einstiegskurse für Flüchtlinge finanziert wurden.

"Wildwuchs aus der reinen Not heraus"

Doch auch ohne die unorthodoxen Anbieter sehen sich Geflüchtete einer verwirrenden Vielzahl von Kursformen gegenüber. Es gibt Willkommenskurse, Basis- oder Einstiegskurse, Alphabetisierungskurse und Integrationskurse. Noch unübersichtlicher wird die Lage durch die vielen Stellen, die solche Kurse finanzieren: Rathäuser, Landesregierungen, Ausländerbehörden, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und die Arbeitsagenturen. Von „Wildwuchs aus der reinen Not heraus“, spricht Roland Meinert, Leiter der Region Deutschland des Goethe-Instituts. „Das System ist durch die große Nachfrage teilweise ins Schlingern geraten.“

Vor dem großen Anstieg der Flüchtlingszahlen im vergangenen Sommer führte ein Königsweg zur sprachlichen Integration: der Integrationskurs mit 600 Stunden Deutschunterricht und 60 Stunden Landeskunde. Ein streng reglementiertes Format, für das die Sprachschulen ebenso wie die Lehrkräfte klar definierte Qualifikationen mitbringen müssen. Das BAMF verlangt für die Kostenübernahme immer einen Hochschulabschluss und eine zusätzliche Qualifizierung für Deutsch als Fremd- beziehungsweise als Zweitsprache (DaF, DaZ). Wer diese nicht direkt an der Uni absolviert hat, muss eine einschlägige Fortbildung mit 70 bis 140 Stunden je nach Studienfach nachweisen.

Abgesenkte Standards bei Kursen der Bundesagentur für Arbeit

Die Institute, die Integrationskurse geben, werden nach einem aufwendigen Punktesystem bewertet, unter anderem müssen sie eine mindestens fünfjährige Erfahrung in der Erwachsenenbildung haben. Deshalb beschränkt sich der Kreis der Anbieter üblicherweise auf Volkshochschulen, erfahrene private Spracheninstitute oder die Goethe-Institute.

Wie kam es dann zum „Wildwuchs“ und was hatte das für Folgen? Um schnell viele Neuankömmlinge mit Sprachkursen zu versorgen, wurden und werden von den Ländern und Kommunen etliche neue Formate für Basis-Deutschkurse aufgelegt – mit weniger Unterrichtsstunden und vielerorts abgesenkten Ansprüchen an die Lehrkräfte.

Den Boom beflügelt hat die Bundesagentur für Arbeit (BA). Im Herbst 2015 gab sie 160 Millionen Euro für 220 000 Plätze in achtwöchigen Einstiegskursen frei. Den Richtlinien der BA zufolge mussten die Träger nicht offiziell als Sprachschulen zugelassen sein. Sie hätten lediglich „die erforderliche Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit besitzen“ und diese „glaubhaft darstellen“ müssen, heißt es auf Anfrage. Konkrete Anforderungen an die Lehrkräfte wurden nicht formuliert. Die Auswahl liege „in der Verantwortung der Bildungsträger“, teilt die BA mit.

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