Wissen : Viadrina: Eine Idylle mit Sorgen

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In Zeiten des Studentenandrangs erscheint die Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder als Idylle. Gerade einmal 6300 Studierende sind hier eingeschrieben. Die Uni ist überschaubar – und doch nicht provinziell. Im Gegenteil: Ihr Blick ist auf Europa gerichtet, speziell auf Polen und die östlichen Nachbarn.

Zwar sind die Zeiten vorbei, als ein Drittel der Studierenden aus Polen kam. Seitdem Polen zur EU gehört, können junge Polen bei der Suche nach einem Studienplatz leichter im westlichen Europa agieren. Im Jahr 2011 gehören aber immer noch gut 700 Studierende aus Polen und 500 aus anderen Ländern Europas zur Viadrina. Und auch zwanzig Jahre nach der Gründung bleibt die Hinwendung zum Osten das Alleinstellungsmerkmal der Viadrina im deutschen Unigefüge. Kein Redner auf der Festveranstaltung zum Jubiläum versäumte es jetzt, auf diese Rolle hinzuweisen.

Doch die Uni muss sich auf einen Sparkurs einrichten. Denn Brandenburg muss wegen der Schuldenbremse von 2014 an den Staatshaushalt ohne neue Kredite finanzieren. Was auf die Hochschulen zukommt, wollte Wissenschaftsstaatssekretär Martin Gorholt nicht verraten. Erst 2012 will das Land einen neuen Hochschulentwicklungsplan vorlegen. Bis dahin sollen zwei Kommissionen die Hochschulen Brandenburgs nach Sparpotenzialen untersuchen und dabei besonders die Doppelangebote im Blick haben.

Sollte die Verringerung der Doppelangebote eine Leitlinie der Sparpolitik werden, dürfte das die Viadrina stark betreffen. Denn dann stehen die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften im Blickpunkt – beide Disziplinen bietet Frankfurt genauso wie Potsdam an. Während es die meisten Festredner vermieden, die bevorstehende Sparpolitik kritisch zu hinterfragen, wagte es allein der erste Wissenschaftsminister nach der Wende, Hinrich Enderlein, eine Warnung auszusprechen: Die Doppelangebote dürfe man nicht als Totschlagargument benutzen.

Staatssekretär Gorholt betonte lieber einen Forschungserfolg der Viadrina. Sie steht mit dem Antrag für ein Cluster in der Endrunde der Exzellenzinitiative. Die Viadrina sieht ihr Konzept „Grenzen und Ordnungen in Bewegung“ als hochaktuell an: So soll erforscht werden, welche Entwicklungen sich aus dem Vereinigungsprozess Europas ergeben. Die Pariser Sorbonne will sich an dem Cluster beteiligen. Uwe Schlicht

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