Wissen : Vielweiberei bei den Vormenschen Fossilien geben Hinweise auf die Familienstruktur

Roland Knauer

Anhand fossiler Überreste versuchen Frühmenschenforscher den Stammbaum des Menschen zu rekonstruieren. Jetzt sind Paläoanthropologen vom University College in London einen Schritt weiter gegangen: Sie haben anhand von Schädel- und Kieferknochen Körpergröße, Alter, Geschlecht und Entwicklungsstand von 35 Exemplaren der Vormenschenart Paranthropus robustus untersucht und daraus Rückschlüsse auf das Sozialverhalten gezogen. Charles Lockwood und seine Kollegen fanden Indizien, die dafür sprechen, dass diese Primatenart in festen Gruppen von einem Männchen und vielen Weibchen lebte. Ihre Ergebnisse haben die Forscher im Fachmagazin „Science“ (Band 318, S. 1443) veröffentlicht.

Paranthropus robustus gehört zwar mit Sicherheit nicht zu den direkten Vorfahren des modernen Menschen Homo sapiens, sondern zu einer vor einer Million Jahren ausgestorbenen Seitenlinie, die auch unter dem Namen Australopithecus robustus bekannt ist. Aber interessant sind die Familienverhältnisse dieser in Südafrika heimischen Frühmenschen dennoch, weil sie Rückschlüsse auf das Familienleben direkter Vorfahren zulassen.

Bei den untersuchten Fossilien zeigte sich, dass die Männchen bei Paranthropus robustus deutlich größer waren als die Weibchen. Dieser Größenunterschied war erheblich stärker ausgeprägt als bisher angenommen. Unter den heute lebenden Menschenaffen zeigen nur die Gorillas einen so deutlichen Unterschied: Mit rund 80 Kilogramm übertrifft ein Gorillaweibchen eine Frau nicht allzu stark, während ein 200 Kilogramm schwerer Gorilla Durchschnittsmänner deutlich in den Schatten stellt.

Und während die Weibchen bei Paranthropus robustus genau wie bei anderen Menschenaffen nach der Pubertät kaum noch wuchsen, legten die Männer der Vormenschen genau wie heutige Gorillas noch ein paar Jahre nach ihrer Geschlechtsreife zu. Erst wenn ein moderner Gorilla voll ausgewachsen ist, kann er einen Harem erobern und eigene Nachkommen zeugen. Da sich Paranthropus robustus ähnlich entwickelte, vermuten die Forscher, dass auch diese Art im Harem lebte. Jüngere Männchen, die noch nicht kräftig genug waren, um einen Haren zu bilden, fielen häufig Raubtieren zum Opfer, wie in Südafrika entdeckte Knochenfunde belegen.Roland Knauer

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