Wissen : Viren, Wissenschaft und Politik Symposium zum Abschied Reinhard Kurths

Adelheid Müller-Lissner

Florenz, 1610: Der Physiker hatte seine Gäste gebeten, zunächst einen Blick durchs Fernrohr zu werfen. Doch der Hofphilosoph und der Hofmathematiker wollten das alte, auf die Erde zentrierte Weltbild lieber durch einen Disput retten als es durch den Augenschein zu gefährden. Lieber reden als reinschauen.

Berlin, 2007: Mit Blick auf die beiden machtbewussten, aber wenig neugierigen Politikberater aus Brechts „Leben des Galilei“ sprach Reinhard Kurth, der langjährige Präsident des Robert–Koch–Instituts (RKI), am Freitag beim Symposium zu seinem Abschied von der „Notwendigkeit, durchs Fernrohr zu blicken“.

Wie die Herren aus Florenz sind auch die Mitarbeiter des RKI Politikberater, sie haben den gesetzlichen Auftrag, sie in Fragen des Gesundheitsschutzes zu beraten. Um sich die Grundlagen dafür zu erarbeiten, blicken sie zwar weniger durch Fernrohre als durch Mikroskope. Doch ob es nun um BSE, Sars, HIV oder die Vogelgrippe geht: Sie können das genaue Hinschauen nicht durch vorschnelle Aussagen ersetzen. „Wir müssen immer wieder abwägen, was wir bei unzureichender Erkenntnislage sagen können“, mahnte Kurth. Und fügte hinzu: „Wissenslücken sind typisch für die Wissenschaft, man sollte sie auch ehrlich eingestehen.“

Der RKI-Präsident machte in seinem Abschiedsvortrag jedoch auch deutlich, dass zur wissenschaftlichen Politikberatung Verständnis für die Unterschiede gehört: Politiker sprechen eine andere Sprache als Wissenschaftler, sie haben ein anderes Timing – und vor allem eine verschieden lang bemessene Aufmerksamkeitsspanne. In der Politik ist sie typischerweise eher kurz – und wird heute von den Medien bestimmt. „Die Medien haben sich zwischen Wissenschaft und Politik geschoben“, sagte der Soziologe Peter Weingart vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Uni Bielefeld. Dadurch hätten sich die Bedingungen der Politikberatung verändert.

Beispiel Vogelgrippe: Zwischen Dezember 2005 und März 2006 erschienen die meisten Zeitungsartikel zum Thema, die Bürger horteten prompt das Medikament Tamiflu. „Die Aufregung stand in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung“, sagte Weingart. Gesundheitsrisiken sind jedoch ein besonders sensibles Thema. „Kein Minister wird über eine verfehlte Rentenpolitik stürzen, aber einer Gesundheitsministerin ist das wegen der Rinderseuche BSE passiert.“

Dass Wissenschaft einen längeren Atem haben muss, zeigte Harald zur Hausen am Beispiel der Tumorviren-Forschung. Zur Hausen ist gewissermaßen der Vater der Impfung gegen HPV (Humane Papilloma-Viren), die seit kurzem von der Ständigen Impfkommission am RKI für junge Mädchen empfohlen wird.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ein italienischer Arzt den Verdacht, Gebärmutterhalskrebs könne im Zusammenhang stehen mit sexuellen Kontakten: Er fand das Krebsleiden häufig bei Prostituierten, nie dagegen bei Ordensschwestern. Nachdem zunächst als „übliche Verdächtige“ die Erreger der Geschlechtskrankheiten Gonorrhoe und Syphilis, aber auch Herpes simplex, der Erreger der lästigen Lippenbläschen, ins Spiel gekommen waren, identifizierte zur Hausens Arbeitsgruppe schließlich die HPV-Viren als Ursache.

Meist wird das Immunsystem gut mit HPV fertig, doch etwa 30 Prozent der infizierten Frauen tragen ein Jahr, nachdem sie sich beim Geschlechtsverkehr angesteckt haben, noch das Virus in sich. Erst 15 bis 25 Jahre nach der Infektion entsteht dann in Einzelfällen Krebs.

Jörg Hacker, künftiger Präsident des RKI, erforscht bisher am Zentrum für Infektionsforschung der Uni Würzburg das Genom von Bakterien. Er berichtete beim Symposium, dass dort inzwischen nach den Anteilen gesucht wird, die Bakterien gegen Antibiotika unempfindlich machen. Perspektivisch könnte das zu neuen, gezielteren Behandlungsmöglichkeiten im Kampf gegen die mehrfach resistenten Keime führen, die vor allem das Leben geschwächter Patienten im Krankenhaus bedrohen. „Die Variabilität der Bakterien führt allerdings dazu, dass immer neue Varianten entstehen“, warnte Hacker vor übertriebenen Hoffnungen. Eines stehe jedoch fest: „Das RKI wird nicht arbeitslos werden.“

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