Vogelzug : Quer durch die Sahara

Eleonorenfalken absolvieren Gewaltetappen: Vermutlich zwingt der späte Aufbruch die Eleonorenfalken zu dieser gewaltigen Anstrengung.

Roland Knauer

Vermutlich drängt die Zeit ganz schön, wenn die Eleonorenfalken dieser Tage von ihren Brutgebieten auf verschiedenen Mittelmeerinseln zum Flug ins ferne Madagaskar aufbrechen. Nur wenige Vögel starten so spät ins Winterquartier. Trotzdem nahmen viele Ornithologen bisher an, die Greifvögel würden einen möglichst sicheren Weg entlang der Mittelmeerküste und dann entlang der Küste Ostafrikas wählen. Als Pascual López von der Universität im spanischen Valencia und seine Kollegen 16 Eleonorenfalken auf den Balearen und den Columbretes-Inseln vor der spanischen Küste mit Satellitensendern ausrüsteten, enthüllten die Peilsignale aber rasch, wie eilig es die Vögel tatsächlich haben.

Ohne Rücksicht auf natürliche Barrieren fliegen die Falken mit ihrer Spannweite von weniger als einem Meter quer durch die unwirtlichsten Regionen der Sahara. Das berichten die Forscher im Fachjournal „Zoological Studies“ (Band 48, Seite 485). Weiter geht’s von dort über den Regenwald Zentralafrikas, der für die an Felsen gewöhnte Tiere wohl ähnlich bedrohlich aussieht wie die Wüste. Die letzte Etappe über die Savannen Ostafrikas und wenige hundert Kilometer des Indischen Ozeans nach Madagaskar dürfte daher die einfachste Etappe des zwei Monate dauernden Flugs sein.

Vermutlich zwingt der späte Aufbruch die Eleonorenfalken zu dieser gewaltigen Anstrengung. Oft genug sind die Vögel Tag und Nacht unterwegs, zeigen die Signale der Sender. Auch das kannten Forscher bisher von keinem Falken.

Wieso aber zögern die Greifvögel so lange mit dem Aufbruch ins Winterquartier? Die Antwort ist die Anpassung an andere Zugvögel. Die Weibchen legen ihre Eier sehr spät im Jahr, erst Mitte Juli. Die Küken schlüpfen dann in der zweiten Augusthälfte. In dieser Zeit aber ziehen bereits die ersten Singvögel auf ihrem Weg ins Winterquartier über die Kolonien der Eleonorenfalken auf den Mittelmeerinseln. Oft jagt die ganze Kolonie dann gemeinsam und macht reiche Beute unter den Singvögeln. So wachsen die Küken rasch, während die erwachsenen Vögel sich im Rest des Jahres meist von Insekten ernähren. Erst Ende Oktober oder Anfang November sind dann die Jungen alt genug, um zu der 9500 Kilometer langen Reise nach Madagaskar aufzubrechen.

Auch auf der Rückreise ans Mittelmeer bummeln die Eleonorenfalken nicht. Im Gegenteil, wie die Satellitendaten zeigen. Gleich zu Beginn fliegen sie 1500 Kilometer auf direktem Weg über den Indischen Ozean bis nach Somalia. „Diese Etappe dürfte dann auch die Grenze der Leistungsfähigkeit der Eleonorenfalken markieren“, vermutet Pascual López. Als Nächstes möchte der Wissenschaftler herausfinden, wie die Falken sich auf ihrer langen Reise orientieren. Wenn die Zeit drängt, sollte man sich schließlich nicht auch noch verfliegen. Roland Knauer

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