Wissen : Von der Wiege bis zum Beruf

Der Bund startet seine „Nationale Qualifizierungsinitiative“

Anja Kühne

Die Bundesregierung will mit einer großen „Nationalen Qualifizierungsinitiative“ gegen den drohenden Fachkräftemangel angehen. Das Paket, das das Kabinett am Mittwoch beschloss, enthält eine Fülle von Maßnahmen für alle Stufen des Bildungssystems, vom Kindergarten bis zur beruflichen Weiterbildung. In den kommenden Jahren will der Bund knapp 500 Millionen Euro zusätzlich dafür ausgeben, wie Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Mittwoch in Berlin bekannt gab. Bis zum Herbst sollen nun die Länder ihre Beiträge konzipieren. Das haben die Regierungschefs von Bund und Ländern schon kurz vor Weihnachten beschlossen.

Finanziell im Mittelpunkt steht bei der Bundesregierung die Ausbildung. 350 Millionen Euro sollen über drei Jahre in 100 000 neue Ausbildungsplätze für Altbewerber fließen. Diese Bewerber haben sich bereits im Vorjahr oder früher vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemüht. Ihr Anteil lag im vergangenen Jahr bei fast 50 Prozent und ist kontinuierlich gestiegen. Die Bundesregierung wird Firmen, die solchen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anbieten, einen „Ausbildungsbonus“ von zwischen 4000 und 6000 Euro zahlen. Im Schnitt übernehme der Bund so 20 Prozent der Vergütung eines Auszubildenden, sagte Schavan. Um auch sozial benachteiligte Jugendliche zum Berufsabschluss zu führen, sollen die Unternehmen zusätzliche Sozialpädagogen zur Begleitung beantragen können. Annette Schavan sprach von einem „Wechsel der Philosophie“ in der Ausbildungspolitik des Bundes. Anstatt die Jugendlichen durch zusätzliche Schulungsmaßnahmen zu entmutigen, sollten lieber Perspektiven durch einen Platz in einem Betrieb aufgezeigt werden.

Die Bundesregierung will auch eine Fortbildungsinitiative für 80 000 Erzieherinnen starten. Im Jahr 2008 sollen zwei Millionen Euro für ein Internetportal mit Weiterbildungsmodulen ausgegeben werden, die in Zusammenarbeit mit regionalen Weiterbildungsanbietern durch Präsenzangebote ergänzt werden sollen. Außerdem will das Bundesbildungsministerium die Forschung über sprachliche Förderung von Kleinkindern stärken. Wissenschaftliche Begleitung bietet der Bund Ländern an, die die neuartigen „Bildungshäuser“ einrichten, in denen Drei- bis Zehnjährige gemeinsam lernen.

Für studierwillige junge Erwachsene mit beruflicher Ausbildung will der Bund 1000 Stipendien auflegen. Der Bund bekräftigt erneut sein Ziel, fortan 40 Prozent eines Altersjahrgangs für ein Studium zu gewinnen. Bislang studieren 36,6 Prozent. Damit sich die Studierwilligen nicht in den unterschiedlichen Zulassungsmodalitäten der Hochschulen verheddern und freie Studienplätze auch wirklich ausgenutzt werden, soll die ZVS zu einer „echten Serviceagentur“ werden, wie Schavan betonte. Trotz eines entsprechenden Beschlusses der Kultusminister sei das Problem noch nicht gelöst. Bei der Zulassung herrsche Chaos. Deshalb wünscht sich die Ministerin, dass alle deutschen Hochschulen ihre Zulassungen über die ZVS abwickeln – was aber unter den Ländern umstritten ist. Die hätten den Bund um zusätzliches Geld für die ZVS gebeten, berichtete Schavan. Was die Einrichtung letztlich kosten werde, werde aber vom Umfang ihrer Serviceleistungen abhängen.

In Deutschland geht das Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen weiter zurück, während es in anderen Ländern wächst. Der Bund will deshalb gemeinsam mit Forschungsorganisationen, Unternehmen und Berufsverbänden das „Freiwillige Technische Jahr“ starten, in dem junge Leute mit Abitur Erfahrung in entsprechenden Berufen sammeln können.

Besser gehoben werden soll das Potenzial junger Frauen in diesen Bereichen. Unter anderem stellt der Bund für die Anschubfinanzierung von Professuren für Frauen jährlich 15 Millionen Euro zur Verfügung. Entscheiden sich die Länder zur Kofinanzierung, reicht das Geld für bis zu 200 Professuren.

Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft begrüßten die Initiative der Regierung zwar, übten aber scharfe Kritik am geplanten Ausbildungsbonus. Er brüskiere jene Unternehmen, „die motiviert und bei schwieriger wirtschaftlicher Lage ausgebildet haben und jetzt nicht noch mal zulegen können“. Die Bundesregierung solle den Bonus nicht wie geplant auch an leistungsstarke Haupt- und Realschüler zahlen, sondern sich auf eine Eingliederungshilfe für leistungsschwache Altbewerber konzentrieren.

Auch FDP und Grüne kritisierten den Ausbildungsbonus. Außerdem fehle der gesamten Initiative ein roter Faden. Anstatt eine grundlegende Strukturreform der beruflichen Bildung anzugehen, die Warteschleifen abschafft, verzettele sich die Bundesregierung in über 20 Programmen, sagte Priska Hinz von den Grünen. Patrick Meinhardt von der FDP sagte, solange Erzieherinnen und Erzieher nicht von Arbeit entlastet würden, seien neue Weiterbildungsangebote „unsinnig“. Anja Kühne

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