Vor dem Bildungsgipfel : Noch mehr Studenten

Die Zahl der Studienanfänger explodiert. Wie aus einem internen Arbeitspapier der Kultusministerkonferenz (KMK) hervorgeht, liegt die Zahl der erwarteten Studienanfänger in den Jahren von 2009 bis 2020 um 275.000 höher als bislang angenommen.

Uwe Schlicht

Die Zahl der Studienanfänger explodiert. Wie aus einem internen Arbeitspapier der Kultusministerkonferenz (KMK) hervorgeht, liegt die Zahl der erwarteten Studienanfänger in den Jahren von 2009 bis 2020 um 275 000 höher als bislang angenommen. So ist in den Jahren 2011 bis 2015 jährlich mit über 400 000 Studienanfängern zu rechnen. Der Höhepunkt wird für das Jahr 2013 mit 424 600 Studienanfängern erwartet. Wie hoch dieser Aufwuchs ist, zeigt der Vergleich mit dem Jahr 2005, in dem Deutschland nur 356 076 Studienanfänger zu verzeichnen hatte. Die KMK rechnet mit einer Übergangsquote von 75 Prozent bei den studienberechtigten Schulabgängern.

Vor dem Bildungsgipfel in der kommenden Woche ist der neue Bedarf an zusätzlichen Studienplätzen eine heikle Nachricht. Alle bisherigen Kalkulationen für den Hochschulpakt müssen auf den Prüfstand. Bisher hatten die Politiker folgende Lösungen im Kalkül: Der Hochschulpakt I für die Jahre 2007 bis 2010 soll 91 000 neue Studienplätze schaffen. Danach folgt der Hochschulpakt II für die Jahre 2011 bis 2015. Für diese Periode gab es Schätzungen mit einem Bedarf von 200 000 neuen Studienplätzen zu Kosten von fünf Milliarden Euro. Nun, da nach Berechnungen der SPD wohl 275 000 neue Studienplätze gebraucht werden, steigen auch die Kosten. Sogar mit einem Bedarf von 300 000 Studienplätzen rechnet die SPD, wenn die Länder ihren Verpflichtungen aus dem ersten Hochschulpakt nicht nachkommen: So müssen bis zu 6,8 Milliarden Euro in der mittelfristigen Finanzplanung eingeplant werden.

Wie stellt sich die Politik zu dem Problem? Gerade hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) angekündigt, sechs Milliarden Euro für die Bildungsfinanzierung bis zum Jahr 2012 ausgeben zu wollen. Eine Absicht, ausreichend Studienplätze für die nächsten Kohorten von Abiturienten zu schaffen, ist damit aber noch längst nicht bekundet. Schavans Angebot ist ein Gemischtwarenladen: Das Geld ist für Maßnahmen von der Kita bis zur Weiterbildung bestimmt. Außerdem ist Schavans Programm bis 2012 begrenzt und hat damit keine Relevanz für die mittelfristige Finanzplanung. Und das Wichtigste sagt Schavan überhaupt nicht: ob sich die Ministerpräsidenten verpflichten werden, die sechs Milliarden in gleicher Höhe gegenzufinanzieren. Denn diese Doppelfinanzierung ist Grundlage des Hochschulpakts.

Bisher schweigen die CDU und die Ministerpräsidenten. Die Ministerpräsidenten der Union wollen am liebsten gar keine finanziellen Versprechungen auf dem Bildungsgipfel abgeben. Mit ihnen schweigen die Kultusminister. Realistisch denken allein die SPD-Bildungsexperten, die Maßnahmen für die neuen hohen Studienanfängerzahlen bereits öffentlich diskutieren.

Im Wesentlichen wollen die Verantwortlichen der Herausforderung aber nicht ins Auge sehen. So sagt auch die neueste Schätzung der KMK nur etwas über die Zahl der Studienanfänger, nichts aber über die erforderlichen Studienplätze und damit über die Ausstattung mit Personal und Infrastruktur. Auf die naheliegende Idee, den Wissenschaftsrat einzubeziehen, ist die KMK offensichtlich nicht gekommen – einen Auftrag hat der Wissenschaftsrat jedenfalls nicht erhalten.

Auch die Kosten pro Studienplatz sind heiß umstritten. 5500 Euro legen Bund und Länder pro Studienplatz als Durchschnittskosten zugrunde. Diese Summe reicht pro Jahr für neue Studienplätze an Fachhochschulen, Berufsakademien und für die billigen Studiengänge an den Universitäten in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Naturwissenschaftler und Ingenieure an den Unis benötigen für einen Studienplatz pro Jahr 6800 bis 7400 Euro und die Mediziner sogar 27 900 Euro.

Die Folge dieser Unterfinanzierung zeigt sich bereits in der ersten Bilanz, die für den Hochschulpakt I jetzt von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) von Bund und Ländern vorlegt wurde. Die meisten neuen Studienplätze sind 2007 an Fachhochschulen und Berufsakademien geschaffen worden. Das Lehrpersonal für die neuen Studienplätze wird überwiegend von Lehrbeauftragten, Tutoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern gestellt, nicht aber von Professoren.

Zudem hat der Wissenschaftsrat errechnet, dass 1,1 Milliarden Euro zusätzlich fließen müssen, um die Lehre in den betreuungsintensiven Bachelorstudiengängen zu verbessern. Das wären in der mittelfristigen Finanzplanung 5,5 Milliarden Euro zusätzlich. Neue Studienplätze und bessere Lehre addierten sich damit schon nach der alten Schätzung auf über elf Milliarden Euro. Die HRK kam sogar auf Kosten von nahezu 13 Milliarden Euro.

Sollte es der Politik nicht gelingen, einen soliden Hochschulpakt auf die Beine zu stellen, würde ein Teil der Abiturienten vor verschlossenen Türen der Hochschulen stehen. Das mit viel Stress eingesparte Jahr an den Schulen ginge mit Wartezeit auf einen Studienplatz wieder verloren – ein Bankrott der deutschen Bildungspolitik. Uwe Schlicht

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