Vorbeugung : Ein neuer Weg, Cholesterin zu senken

Das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall kann weiter verringert werden – aber der hohe Preis der Medikamente ist ein Hindernis.

Gefäßschaden. Die mikroskopische Aufnahme zeigt den Querschnitt einer Schlagader (Arterie). Sie wurde durch Verfettung verengt (weißes Material) und schließlich durch einen Blutpfropf (Thrombus) verschlossen.
Gefäßschaden. Die mikroskopische Aufnahme zeigt den Querschnitt einer Schlagader (Arterie). Sie wurde durch Verfettung verengt...Foto: mauritius images

Erhöhte Blutfette steigern das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden. Im Zentrum steht dabei das LDL-Cholesterin, auch bekannt als das „böse“ Cholesterin. Behandelt werden erhöhte LDL-Cholesterin-Werte heute meist mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Statine. Zwei Untersuchungen zeigen nun Wege auf, mit denen das Cholesterin – und damit das Infarkt-Risiko – noch weiter gesenkt werden kann.

Schwimmt zu viel LDL-Cholesterin im Blut, kann es sich in Blutgefäßen ablagern und wird so zu einer wesentlichen Ursache der Gefäßverkalkung, Arteriosklerose. Die seit Langem eingesetzten Statine hemmen die Bildung von Cholesterin in der Leber und senken damit den Cholesterinspiegel im Blut und die Gefahr von Infarkt und Schlaganfall.

Ein neuer Ansatz besteht darin, das Enzym PCSK9 zu blockieren. Da PCSK9 das LDL-Cholesterin erhöht, führt seine Unterdrückung zum Absenken des „bösen“ Cholesterins. Mittlerweile sind Wirkstoffe zugelassen, die PCSK9 in die Schranken weisen. Es handelt sich um die Antikörper Alirocumab (Handelsname „Praluent“, Hersteller Sanofi) und Evolocumab („Repatha“, Amgen).

Die neue Studie kostete eine Milliarde Dollar

Zu Evolocumab legte der Hersteller jetzt eine große, eine Milliarde Dollar teure Untersuchung vor. Teilnehmer waren mehr als 27 000 herzkranke Patienten, die bereits mit Statinen als Fettsenker behandelt wurden. Die „Fourier“-Studie wurde beim Jahrestreffen des „American College of Cardiology“ in Washington präsentiert und zeitgleich im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ online veröffentlicht. Wichtigstes Ergebnis: Der Wirkstoff senkte den Cholesterinspiegel um weitere 60 Prozent und verringerte das Risiko von Infarkt, Schlaganfall und Kreislauftod um ein Fünftel (20 Prozent), bezogen auf einen Zeitraum von gut zwei Jahren.

Die eine Hälfte der Patienten erhielt zusätzlich zur Statin-Behandlung den Wirkstoff, die andere ein Scheinmedikament (Placebo). Das Mittel musste je nach Dosis alle zwei oder vier Wochen unter die Haut gespritzt werden. Es verringerte den bereits durch die Statin-Behandlung deutlich abgesenkten LDL-Cholesterin-Level von rund 90 auf „winzige“ 30 Milligramm pro Deziliter Blutserum. Zum Vergleich: Ein Wert unter 130 gilt bei Gesunden als ideal, bei Herzkranken sollte er unter 100 liegen.

Manche Herzspezialisten hatten erwartet, durch das radikale Absenken des Cholesterinspiegels die Krankheit praktisch zum Stillstand zu bringen. Diese Erwartung wurde nicht erfüllt, auch wenn das relative Risiko von Infarkt, Schlaganfall und Gefäßtod um 20 Prozent verringert wurde. 5,9 Prozent der Antikörper-Patienten (816 insgesamt) erlitten ein solches schweres Ereignis im Vergleich zu 7,4 Prozent der Placebo-Patienten (1013 insgesamt). Das absolute Risiko wurde also um 1,5 Prozent vermindert.

74 Patienten behandeln, um einem zu helfen

In der Praxis bedeutet das, dass 74 Patienten zwei Jahre lang behandelt werden müssen, um ein „schweres Ereignis“ (Infarkt, Schlaganfall, Kreislauftod) zu verhüten. Nach drei Jahren sind es 50 Patienten, nach fünf Jahren nur noch 17 Patienten, rechnen die Autoren der Studie vor. Bei den Nebenwirkungen unterschieden sich Antikörper- und Placebo-Gruppe nicht wesentlich, mit Ausnahme von Irritationen an der Einstichstelle, die unter Antikörpern häufiger waren.

Die „Fourier“-Studie wird sicher helfen, die neuen PCSK9-Hemmer zu etablieren. Ein massives Hindernis bleibt jedoch der hohe Preis. In Deutschland belaufen sich die Jahreskosten der lebenslang erforderlichen Behandlung mit den Antikörpern auf 9000 bis 10 000 Euro. Damit kommt die Therapie nur für Patienten mit hohem Risiko infrage, sagte Ulf Landmesser, Direktor der Kardiologie am Campus Benjamin Franklin der Berliner Uniklinik Charité, dem Tagesspiegel. Er rechnet jedoch damit, dass die Pharmafirmen den Preis angleichen werden. Statine dagegen sind patentfrei und ebenso bewährt wie billig.

Kleine Revolution in der Herzmedizin

Landmesser ist einer der Hauptautoren einer zweiten Untersuchung mit PCSK9-Hemmern, die ebenfalls online im „New England Journal“ publiziert wurde. Die „Orion-1“- ist nicht so umfangreich wie die „Fourier“-Studie und umfasst „nur“ rund 500 Patienten. Dafür ist sie um einiges revolutionärer. „Es ist das erste Mal, dass eine neuartige molekulare Therapie in der Herzmedizin eingesetzt wird“, sagte Landmesser.

Der Wirkstoff Inclisiran gehört zu den kleinen interferierenden RNS-Molekülen, abgekürzt „siRNAs“ . Es handelt sich um kurze Abschnitte von Erbinformation in Form von RNS. Sie sind exakt gegensinnig (komplementär) zu Boten-RNS-Abschnitten, die genetische Information vom Zellkern zu den Eiweißfabriken der Zelle tragen. „SiRNAs“ blockieren die Boten-RNS und damit indirekt das Gen. Es „verstummt“.

Inclisiran wird unter die Haut gespritzt. Der Wirkstoff unterdrückt die PCSK9-Produktion in der Leber. Eine Injektion alle sechs Monate genügt, um den Spiegel des LDL-Cholesterins im Blut drastisch absinken zu lassen, wie die Studie ergab. Nun soll die Substanz langfristiger und breiter erprobt werden, ähnlich wie die Antikörper gegen PCSK9.

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