Vorbeugung : Eine Spritze gegen Aids

Ist das der Durchbruch im Kampf gegen HIV? Menschen, die ein hohes Risiko haben, sich mit dem Aidsvirus anzustecken, können die Infektion möglicherweise künftig mit vier Spritzen pro Jahr verhindern.

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HIV unter dem Elektronenmikroskop
Ausgebremst. Das Aidsvirus schleust sein Erbgut ins Genom seines Wirtes ein. Der neue Wirkstoff hindert HIV daran.Foto: Hans Gelderblom, RKI

Diese Hoffnung weckt ein Wirkstoff namens GSK744 der Firma Glaxo Smith Kline. Zwei Teams von der Rockefeller-Universität in New York und von der amerikanischen Seuchenbehörde CDC in Atlanta haben ihn an Makaken und Rhesusaffen getestet. Ihre Ergebnisse stellten sie jetzt auf der Konferenz zu Retroviren und opportunistischen Infektionen (CROI) in Boston sowie im Fachblatt „Science“ vor. Die Affen waren wochenlang gegen das Virus geschützt.

„Ein Impfstoff ist immer noch das große Ziel“, sagt Frank Kirchhoff, Aidsforscher an der Universität Ulm. Es gebe zwar einige vielversprechende Ansätze. Doch niemand könne voraussagen, wann eine Impfung Realität wird. Bis dahin sei ein Medikament wie GSK744 eine gute Alternative für die Vorbeugung, zum Beispiel für Partner von HIV-positiven Patienten. „Die lange anhaltende Wirkung ist ein ziemlicher Durchbruch“, sagt Kirchhoff. „Trotzdem sind solche Spritzen nichts für die breite Masse.“

Im Vergleich zu Truvada (Gilead) wären sie ein großer Fortschritt. Die Tabletten, die 2012 in den USA zur Vorbeugung zugelassen wurden, müssen täglich geschluckt werden. Bisher nehmen sie nur einige tausend Amerikaner, ein Ansturm blieb aus. Das größte Problem: Truvada schützt nur dann gut, wenn man die Einnahme zwischendurch nicht vergisst. Viele halten das nicht konsequent genug durch. Das zeigten bereits die Studien vor der Zulassung.

Die Prophylaxe könnte sich auch für Entwicklungsländer eignen

Für die Entwicklungsländer ist Truvada bisher als Vorbeugung ohnehin zu teuer und zu unpraktisch. Mit den Spritzen dagegen könnte die Präexpositionsprophylaxe (kurz: Prep) in Hochrisikogebieten wie zum Beispiel südlich der Sahara machbar werden. Viele Frauen schützen sich dort ohnehin mit einer Dreimonatsspritze gegen ungewollte Schwangerschaften. Sie könnten sich gleichzeitig die Spritze zur Aids-Vorbeugung abholen. Das wäre auch auf dem Land möglich, wo das nächste Krankenhaus oft sehr weit entfernt ist. „Das legt den Schutz in die Hände der Frauen“, sagt Kirchhoff. „ Sie wären nicht mehr abhängig davon, ob die Männer ein Kondom benutzen wollen oder nicht.“

Der Wirkstoff GSK744 blockiert ein bestimmtes Enzym und verhindert so, dass HIV sein Erbgut in die Zellen seines Wirts einbauen kann. Das Virus wird ausgebremst, es kann sich nicht vermehren. Das Erbgut des Erregers wird stattdessen entsorgt. Ähnlich funktioniert das Medikament Tivicay (auch von Glaxo Smith Kline), das seit Januar 2014 in Europa für die Therapie zugelassen ist.

GSK744 sollte ebenfalls die Behandlung verbessern. Schließlich wären monatliche oder vierteljährliche Spritzen eine Erleichterung gegenüber dem täglichen Medikamentencocktail. Außerdem wird es so schwerer für das Virus, Resistenzen zu bilden. Erste Studien am Menschen gibt es bereits; bislang ist der Wirkstoff gut verträglich und effektiv.

Die Affen waren wochenlang vor HIV geschützt

Allmählich stellte sich heraus, dass sich die Spitzen sogar für die Prophylaxe eignen könnten. GSK744 ist nicht löslich, die Substanz bildet in Flüssigkeiten stattdessen winzige Kristalle. Wenn man sie in einen Muskel spritzt, sind die Nanopartikel praktisch kleine Medikamentendepots. Der Wirkstoff wird erst nach und nach an den Körper abgegeben. Außerdem bauen Menschen ihn sehr langsam ab. So bleibt die Wirkstoffmenge im Blut über Wochen oder Monate konstant.

Das Team um Gerardo Garcia-Lerma von der amerikanischen Seuchenbehörde CDC in Atlanta testete den Wirkstoff elf Wochen lang an zwölf Rhesusaffen-Weibchen. Sechs Tiere bekamen jeden Monat eine Spritze mit GSK744 in die Gesäßmuskeln, sechs andere Weibchen blieben unbehandelt. Allen zwölf Tieren wurde dann zwei Mal pro Woche eine Virus-Lösung in die Vagina eingeführt. Während sich die Tiere der Kontrollgruppe schnell infizierten, blieben alle mit GSK744 behandelten Weibchen geschützt. Das berichtete Garcia-Lerma auf der CROI-Konferenz in Boston.

Die Experimente der Forscher um David Ho von der Rockefeller-Universität in New York waren genauso erfolgreich – allerdings bei 16 Makaken-Männchen. Die Hälfte der Tiere bekam im Abstand von vier Wochen eine Injektion mit dem Wirkstoff in die Gesäßmuskeln, die restlichen Männchen waren die Kontrollgruppe. Um Analsex zu simulieren, wurde den Makaken jede Woche eine Viruslösung in den Mastdarm gespritzt. Die ungeschützten Affen waren im Durchschnitt nach zwei Wochen infiziert. Alle behandelten Affen blieben dagegen während der achtwöchigen Versuche gesund, schreiben die Forscher im Fachblatt „Science“.

In einem weiteren Test ermittelten Ho und seine Kollegen, wie lange der Schutz anhält. Zwölf Makaken-Männchen bekamen einmal die Spritze, danach setzten die Forscher sie wöchentlich dem Virus aus. Als die Wirkstoffmenge im Blut der Affen abnahm, infizierten sich einer nach dem anderen. Im Durchschnitt dauerte das zehn Wochen.

„Makaken sind kleine Tiere, sie haben einen sehr schnellen Stoffwechsel im Vergleich zum Menschen“, sagt Kirchhoff. Der Wirkstoff werde deshalb auch schneller abgebaut. Dass beim Menschen eine Spritze alle drei Monate zur Vorbeugung reicht, sei eine realistische Annahme. Sie müsse nun in klinischen Studien überprüft werden. „Mich stimmt das sehr optimistisch.“

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