Wissen : Vorhang auf für die Vogelgrippe

Forscher veränderten den Erreger so, dass er unter Säugetieren übertragbar ist – jetzt wird eine der umkämpften Studien veröffentlicht.

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Fieberhafte Suche. Vogelkadaver werden im Labor auf Spuren des gefährlichen Grippeerregers untersucht. Bisher stecken sich nur selten Menschen mit der Vogelgrippe an. Foto: Friedrich-Loeffler-Institut
Fieberhafte Suche. Vogelkadaver werden im Labor auf Spuren des gefährlichen Grippeerregers untersucht. Bisher stecken sich nur...

Das Lächeln ist kein fröhliches, es wirkt verlegen. Beschwichtigend. Die niederländische Regierung versuche weiter, die Wissenschaft zu zensieren, berichtete Ron Fouchier kürzlich den Experten der Royal Society in London. Er ist die Debatte leid, zu der er viel zu sagen hätte, aber kaum etwas sagen darf. In den letzten Monaten fand sich der angesehene Grippeforscher im Zentrum einer Saga wieder, die mit ihren unerwarteten Krisen und Wendungen an eine Seifenoper erinnert. Das Thema jedoch ist ein ernstes, es brennt ihm auf den Nägeln: Hat die Vogelgrippe das Potenzial, eine Pandemie auszulösen? Seine Antwort ist: Ja! Denn seinem Labor an der Erasmus Universität in Rotterdam – und einem in den USA – ist es unabhängig voneinander gelungen, das gefährliche Vogelgrippevirus H5N1 so zu verändern, dass es wie die saisonale Grippe über die Luft von Frettchen zu Frettchen übertragen werden kann. Frettchen sind das beste verfügbare Tiermodell für Grippeinfektionen von Säugetieren; einschließlich Menschen.

Die Folgen einer natürlich auftretenden Pandemie mit H5N1wären katastrophal: Mehr als die Hälfte der etwa 600 Vogelgrippe-Patienten, die sich seit 2003 bei Tieren angesteckt hatten und ins Krankenhaus kamen, starben. Zwar ist nicht bekannt, wie viele Infektionen harmlos verlaufen. Doch das Virus ist um ein Vielfaches gefährlicher als die Spanische Grippe von 1918, die mit einer Sterblichkeitsrate von zwei Prozent rund 50 Millionen Menschenleben forderte.

Seit im September 2011 einige Details der beiden Studien bekannt wurden, ist allerdings weniger von der Gefahr aus der Natur und umso mehr von einem im Labor geschaffenen Supervirus die Rede, das versehentlich entweichen oder von Terroristen als Biowaffe eingesetzt werden könnte. Die Hälfte der Weltbevölkerung könne dahingerafft werden, hieß es in den Medien. Ein Missverständnis, das eine hitzige Diskussion um die Freiheit der Forschung und den Schutz der Bevölkerung auslöste. Darf man Ergebnisse veröffentlichen, die für Terroristen eine Blaupause bieten könnten? Sollte man solche Experimente überhaupt machen? Und wer entscheidet darüber?

Um zu verstehen, wie es zu gefährlichen Grippestämmen kommt, verfolgten die zwei Forschergruppen verschiedene Ansätze. Yoshihiro Kawaoka und seine Kollegen von der University of Wisconsin-Madison setzten das Erbgut des Grippevirus neu zusammen. Die Vogelgrippe kann normalerweise nicht gut an Zellen der oberen Atemwege binden. Genau das ist aber nötig, damit sie sich wie die saisonale Grippe über Husten und Niesen verbreiten kann. Die Forscher ließen deshalb zunächst das Hämagglutinin-Oberflächenprotein von H5N1 zufällig mutieren, schreiben sie nun im Fachmagazin „Nature“. Anschließend wählten sie die Mutanten aus, die sich in den oberen Atemwegen von Säugetieren festsetzen konnten. Das veränderte Erbgut des Vogelgrippe-Hämagglutinins kombinierten sie mit dem Erbgut des H1N1-Virus, das 2009 eine Pandemie auslöste. Danach ließen sie der Evolution ihren Lauf: Sie infizierten Frettchen und warteten, bis sie krank wurden und das Virus im Wirt ganz normal mutieren kann. Die Viren aus dem kranken Frettchen setzten sie in die Nase eines gesunden - wo das Spiel aufs Neue begann. Nach einigen Runden verbreitete sich das Virus über die Luft von Käfig zu Käfig. Als Kawaoka und seine Kollegen die Viren analysierten, fanden sie vier Veränderungen im Erbgut, die entscheidend waren: Drei betrafen den Kopf des Hämagglutinin-Proteins, der dafür zuständig ist, dass das Virus mit Wirtszellen verschmelzen kann.

Das im Labor hergestellte Virus war für die Tiere weniger gefährlich als die Schweinegrippe 2009, betont Kawaoka. Ob dies auch zutrifft, wenn Schweinegrippe und Vogelgrippe in freier Wildbahn Gene austauschen, ist ungewiss. In Ländern wie Indonesien, China und Ägypten, wo sich nach wie vor sporadisch Menschen bei Tieren mit Vogelgrippe infizieren, zirkuliert auch die Schweinegrippe. Theoretisch könnten sich beide Virenstämme in einem Menschen neu mischen und so ein leicht übertragbares Vogelgrippevirus schaffen.

Umstrittener sind die Experimente von Ron Fouchier und seinem Team vom Erasmus Medical Center in Rotterdam. Sie stellten das Virus nicht komplett im Labor her, sondern veränderten ein Vogelgrippevirus, das in der Natur vorkommt. Wurde eine hohe Dosis der mutierten Viren direkt in die Luftröhre der Frettchen gespritzt, so verendeten sie. „Das ist aber kein natürlicher Infektionsweg“, sagte Fouchier in London. Bei einer Übertragung über die Luft wurden die Frettchen zwar krank, starben aber nicht. Designerviren funktionierten nicht gut, sagte Fouchier: „Auch unseres ist ein lausiger Überträger. Die Natur kann das immer besser.“ Dass die beiden Gruppen jedoch mit völlig anderen Methoden zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen, zeige, dass sie fundamentalen biologischen Mechanismen auf der Spur seien. Seine Studie soll in Kürze im Fachjournal „Science“ erscheinen.

Der Weg dahin war steinig. Da beide Gruppen mit öffentlichen Geldern aus den Vereinigten Staaten gefördert wurden, trat dort im Herbst ein unabhängiges Beratergremium zur Biosicherheit (National Science Advisory Board for Biosecurity, kurz NSABB) zusammen. Es sollte entscheiden, wie groß die Gefahr wirklich ist. Nach monatelangen Beratungen empfahl das Gremium, nur die Schlussfolgerungen zu veröffentlichen. Wissenschaftler, die alle Daten brauchten, sollten sie anfordern können. Es war das erste Mal, dass das Gremium so eine Empfehlung abgab. Als 2005 die Spanische Grippe im Labor wieder zum Leben erweckt wurde, sprach es sich noch für die vollständige Veröffentlichung aus.

Seit Anfang des Jahres geht es nun Schlag auf Schlag: Ende Januar 2012 einigten sich Grippeforscher weltweit auf ein freiwilliges Moratorium. Bis es eine international akzeptierte Lösung im Umgang mit den veränderten Vogelgrippeviren gibt, ist die Arbeit nun ausgesetzt – auch das ein nie dagewesener Vorgang in der Virologie. Auf Einladung der Weltgesundheitsorganisation tagte dann Mitte Februar eine internationale Expertengruppe. Sie schloss Vertreter aus Ländern ein, die die Virenproben zur Verfügung gestellt hatten. Danach war klar, dass es in absehbarer Zeit keinen Mechanismus geben wird, bei dem nur bestimmte Wissenschaftler auf alle Daten zurückgreifen können. Das Gruppe empfahl die vollständige Publikation und eine Verlängerung des Moratoriums.

Die Angelegenheit landete erneut beim NSABB, der nun vor der Alternative stand: ganz oder gar nicht. Die Risikoanalyse verschob sich. Die Gefahr, dass die Viren als Biowaffe dienen könnten, vergrößere sich nicht durch die Publikation, wurde dem Gremium in einer geheimen Sitzung versichert. Sollte der NSABB jedoch auf einer gekürzten Version bestehen, könne es zu „unerwünschten politischen Konsequenzen“ kommen. Beide betroffenen Wissenschaftler konnten ihre Forschung im Detail vorstellen. Danach war eine Mehrheit im NSABB davon überzeugt, dass die Vorteile einer Veröffentlichung schwerer wiegen als die Nachteile. So könnten die Daten langfristig die Suche nach potenziell gefährlichen Vogelgrippeviren in der Natur stärken – denn fast alle der Mutationen aus dem Labor kamen einzeln oder in Kombination bereits vor. Im Falle von Kawaoka entschied es einstimmig für die Veröffentlichung. Bei Fouchier schieden sich die Geister, das Votum ging 6:12 dafür aus.

Während die USA daraufhin die Exportbeschränkungen zur Studie von Kawaoka aufhob, bestand die niederländische Regierung weiterhin darauf, dass Fouchier sich um eine Exporterlaubnis bemühen müsse. Er weigerte sich, Grundlagenforschung sei ausdrücklich von den EU-Bestimmungen ausgenommen. Er werde das Manuskript so oder so an „Science“ schicken und sich der Zensur nicht beugen. Die Niederländer drohten daraufhin mit bis zu sechs Jahren Gefängnis und 78 000 Euro Geldstrafe. Fouchier gab auf – unter Protest. Ende letzter Woche erteilte der niederländische Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Innovation nun endgültig die Erlaubnis zur Publikation. Die Regierung solle das Zugeständnis nicht als Präzedenzfall werten, betonte Fouchier. Der Webseite der Zeitschrift Science sagte er: „Wenn die Studie endlich erscheint, geben wir eine Party.“ Wann die Experimente weitergehen können, ist derzeit unklar. Das Moratorium besteht trotz der Publikation weiter.

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