Wissen : Vorsicht Überlastung

Junge Leistungssportler sollten ihre Knochen besonders schützen

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Auf die Knochen. Besonders in jungen Jahren besteht Verletzungsgefahr. Foto: Reuters
Auf die Knochen. Besonders in jungen Jahren besteht Verletzungsgefahr. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Der Traum von der aktiven Rolle während der WM-Spiele war schon in der dritten Minute des Spiels gegen Japan aus: Fußball-Nationalspielerin Kim Kulig hatte sich das vordere Kreuzband des rechten Knies gerissen. Eine Operation war unumgänglich. Ungefähr ein halbes Jahr müsse man rechnen, bis eine Fußballerin nach einem solchen Unfall wieder auf dem Platz sein könne, meint Gerhard Bauer, Ärztlicher Direktor der Sportklinik Stuttgart. Dass damit für die 21-jährige Sportlerin „alles wieder gut“ ist, sei allerdings nicht gesagt. „Ein Kreuzbandriss ist eine schwere Verletzung, die im Verlauf der nächsten Jahrzehnte Folgen haben kann.“ Langfristig drohten Verschleißerscheinungen nach Schäden am Gelenkknorpel.

Sportverletzungen, die bei den Unfällen nach denen im Haushalt an zweiter Stelle stehen, sind eines der Themen beim diesjährigen Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie, zu dem sich noch bis Freitag mehr als 10 000 Fachleute verschiedener Disziplinen im Berliner ICC treffen. Zählt man nur die sportlich aktiven Bundesbürger, dann beträgt die jährliche Verletzungsrate nach Auskunft Bauers 5,6 Prozent. Männer unter 30, die mehr als vier Stunden wöchentlich trainieren, sind am meisten gefährdet. Fast die Hälfte der Verletzten sind Fußballer, die im Verein spielen. Doch die Mädchen holen auf, nach Feldhockey steht auch bei den weiblichen Leistungssportlerinnen unter 18 der Fußball in der Hitliste der verletzungsträchtigen Sportarten an zweiter Stelle.

Die Behandlung eines Kreuzbandrisses muss anders aussehen, wenn das Unfallopfer noch nicht erwachsen ist. „Bei der Auswahl der Operationstechnik müssen wir berücksichtigen, dass die Wachstumsfugen des Jugendlichen noch offen sind“, fordert Bauer. Nur so könne man verhindern, dass diese Fugen im Knochen sich vorzeitig schließen und dass es später zu Fehlstellungen kommt.

Ist viel Knorpel verloren gegangen, so behandeln Orthopäden heute Erwachsene schon häufig mit Knorpelzellen, die im Labor aus zuvor entnommenen Zellen des Patienten gezüchtet wurden. Diese Knorpelzelltransplantation halten sie allerdings bei jungen Patienten für zu gefährlich. Denn noch fehlen Erkenntnisse über die Langzeitfolgen. So bleiben nur konventionellere Methoden, bei denen der Knochen, der unter dem Knorpel liegt, angeraut oder angebohrt wird.

Gefährlich sind nicht allein die Folgen dramatischer Stürze. Orthopäden und Sportärzte richten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf Schäden an Knochen und am Knorpel der Gelenke, die durch Überlastung entstehen. Und das vor allem bei Heranwachsenden. „Sehnen, Bänder, Muskeln und Knochen wachsen unterschiedlich, durch ein Missverhältnis zwischen biologischer Reife und sportlicher Belastung kann es besonders leicht zu Schäden kommen“, mahnt der Orthopäde Bauer. Das Training müsse das berücksichtigen.

Regelmäßige Phasen der Erholung sind für jugendliche Leistungssportler auch deshalb wichtig, weil ihre Knochen aus reiner Überlastung brechen, wenn Nachwuchssportler sich keine Pausen gönnen. Solche Ermüdungsbrüche ereignen sich einer Erhebung aus Japan zufolge in 42 Prozent aller Fälle bei Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren. Meist treffen sie Knochen am Fuß, am Unter- oder Oberschenkel. Ein Zusammenhang mit der Sportart war deutlich zu erkennen: So war bei jungen Basketballern besonders häufig der Schaft des Schienbeins betroffen. Fußballer haben dafür typischerweise, wie Philipp Lahm im Jahr 2005, mit Ermüdungsbrüchen des Mittelfußknochens zu kämpfen.

Bei ihrem Kongress lassen die Spezialisten für Verletzungen des Bewegungsapparats trotzdem keinen Zweifel daran, dass Sport und körperliche Bewegung vor allem eines sind: Gut für Gesundheit und Wohlbefinden. „Was heute im Breitensport geleistet wird, gehörte vor 50 Jahren noch zum Spitzensport“, gibt Tim Pohlemann zu bedenken, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Parallel zum Niveau der sportlichen Leistungen hätten sich auch die Erwartungen gesteigert: „Heute geht jeder davon aus, dass jede Verletzung vollkommen folgenfrei ausheilen kann.“

Selbst wenn das gelingt, bleibt Vorbeugen besser als Heilen. Pohlemann plädiert für den Einsatz von Schienbeinschützern und Helmen. Und für Kleidungsstücke mit vorbeugender Funktion: „Unsere Spitzenfußballer tragen unter ihren Strümpfen Kompressionsstrümpfe – was übrigens auch viele von uns Ärzten im OP tun." Adelheid Müller-Lissner

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