Vortrag : Liebe zum Fragezeichen

Sie gilt als die Entdeckerin der Intertextualität: Die linksintellektuelle Schriftstellerin Julia Kristeva spricht am Dienstag im Haus der Kulturen der Welt.

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Starrummel. Julia Kristeva, die Entdeckerin der Intertextualität.
Starrummel. Julia Kristeva, die Entdeckerin der Intertextualität.Foto: promo

Sonntag Vormittag. Im düsteren Foyer des Renaissance-Theaters geht es in einem erbitterten Kleinkrieg ums Ganze: Wer aus der langen Schlange wird noch ein Ticket für den Vortrag von Julia Kristeva ergattern? Berliner Festspiele und „Zeit“-Stiftung hatten zu den Berliner Lektionen mit Kristeva eine Protagonistin des französischen Poststrukturalismus, gewichtige Philosophin und schillernde Intellektuelle eingeladen. Entsprechend viele glühende Anhängerinnen wollten wissen, wie Kristeva die von ihr gestellte Frage: „Existiert eine europäische Kultur?“ beantworten würde.

Der Starkult entspricht durchaus der Relevanz ihrer Schriften, die seit Ende der 60er Jahre weltweit diskutiert werden. Zahlreiche Preise, Ehrendoktorwürden und Gastprofessuren sprechen für sich. Die gebürtige Bulgarin, die 1966 für ihre Promotion nach Paris ging und dort bis heute als Professorin arbeitet, gehörte bald mit Roland Barthes und Jacques Derrida zum Who-is-Who der französischen Linksintellektuellen. Kristeva repräsentiert nicht eine Disziplin, sie ist Philosophin, Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin, Linguistin, Essayistin, Schriftstellerin, Feministin. Ihr Werk ist ein Gewebe all dessen und damit nicht zuletzt Paradebeispiel für jenen Begriff, den sie 1967 entwickelte: Intertextualität.

Texte stehen niemals nur für sich allein, sondern bewegen sich in einem komplexen Beziehungssystem zu anderen Texten. Mit dieser Erkenntnis unternahm Kristeva die Anfechtung einer bis dato vorherrschenden Vorstellung von Texten als kohärenten, selbstgenügsamen Gebilden, die geradlinig an ihren Autor als letzte Instanz rückgekoppelt werden können. Für Kristeva sind sämtliche kulturelle Produkte (Texte, Filme, bildende Kunst) durch ihren Dialog mit anderen kulturellen Produkten und Diskursen gekennzeichnet. Nicht zuletzt der Figur des Autors sprach sie so seinen gottgleichen Status als alleiniger Schöpfer eines Textes ab. Stattdessen webten sich Texte, Kunstwerke und Gedanken in eins und schrieben einander gegenseitig fort.

Nicht selten hat man Kristevas Konzept als Lizenz zum Plagiat missverstanden. Zuletzt versuchte die junge Autorin Helene Hegemann, Intertextualität als künstlerisches Prinzip geltend zu machen. In ihrem Roman „Axolotl Roadkill“ hatte sie Sätze aus einem Internetblog abgeschrieben. Alles nur geklaut oder hatte Hegemann im besten Kristevasschen Sinne allerlei Sätze miteinander in den Dialog gebracht? Darüber lässt sich streiten. Nicht aber über die Causa Guttenberg. Denn mitnichten ist das Konzept der Intertextualität ein Freifahrtsschein, das Recht auf geistiges Eigentum zu verabschieden und im Namen der Kunst Zitate ineinander montieren zu dürfen. Kristevas Thesen sind kein Handarbeitskästchen, aus dessen Inhalt sich ein postmodernes Kunstwerk stricken lässt. Weniger geht es um den Produktions-, als um den Rezeptionsmodus: Intertextualität ist, wenn in einem Text ein unbewusstes Ineinandergreifen kultureller Strömungen und Verweise lesbar wird, wenn eine glatte Textoberfläche aufsplittert und einen Chor an Stimmen produziert.

Zwischen diesen Überlegungen und ihrem Vortrag im Renaissance-Theater liegen zahlreiche Schriften und nicht zuletzt eine Revision der Intertextualität durch Kristeva selbst. Doch zu prägend sind ihre Thesen, als dass sie nicht auch heute ihre Ausführungen zum Status quo der europäischen Kultur beeinflussen: Kristeva ist längst zu ihrem eigenen Intertext geworden. „Ich bin Europäerin, französische Staatsbürgerin bulgarischer Herkunft, Wahlamerikanerin“, sagt sie und entwirft ihre Person gleichsam selbst als intertextuelles Identitätsmosaik.

Und so bestimmt sie es auch als zentrales Charakteristikum Europas, gerade keine eindimensionale Identität zu haben. Stattdessen sei Europa „die Wiege der Identitätssuche“, so Kristeva. Es gebe eine „Liebe zum Fragezeichen“, in der sich europäische Nationen immer wieder zu einem undefinierbaren Selbst zurück wendeten. Den europäischen Raum versteht sie als riesigen vielstimmigen Text, dessen Ursprung nicht eindeutig bestimmbar ist und in dem stattdessen ein Neben- und Ineinander verschiedener Traditionen existiert: der griechischen Antike, des Juden- und Christentums, des Islam und des Humanismus. Die Menschen des zukünftigen Europas beschreibt sie als „mehrsprachige, kaleidoskopische Individuen“. Schon heute sei es für viele junge Menschen selbstverständlich, viele Sprachen zu sprechen und sich jenseits klarer Grenzen zu bewegen.

Eine jener Stimmen, die in Kristevas Werk seit langem erklingt, ist die der Psychoanalyse. 1979 hatte sie begonnen, neben ihrer Lehrtätigkeit als Psychoanalytikerin zu arbeiten. Später setzte sie sich auch akademisch insbesondere mit den Theorien Sigmund Freuds und Jacques Lacans auseinander. Und so durchziehen psychoanalytische Theoreme auch Kristevas Entwurf von Europa, dem sie eine „nationale Depression“ und „Identitätskrankheit“ diagnostiziert.

Die aggressiven Jugendlichen in den Pariser Vororten betrachtet sie als Fallbeispiele und zieht schließlich geschickt Parallelen mit dem Patienten Europa. Die Wut, die sich bei den Jugendlichen entlade, zeige deren Bedürfnis nach Anerkennung, nach dem Wunsch, sich selbst als kritische Subjekte entwerfen zu dürfen. Doch Europa selbst befinde sich in einer solch aggressiven Adoleszenzphase. Es höre diesen Jugendlichen darum nicht zu und erkenne ihr Begehren nach Wissen und Freiheit nicht an. Die wütenden Rufe, die vor brennenden Autos erklängen, zeigten die „Schwierigkeiten Europas, dieses Begehren nach Freiheit anzunehmen und sich seinen humanistischen Werten zu stellen“.

Und so versuchte Kristeva schlussendlich auch einen Appell an die intellektuelle Linke, die aus Angst vor starrem Identitätskult zu „cartesianischem Selbsthass“ neige und die Besinnung auf nationale Eigenheiten und Traditionen kategorisch abwehre. Es bedürfe des Mutes „zu einem gestärkten nationalen und europäischen Ich“, zu Identität und vielgestaltigen Werten in einem mehrdimensionalen Europa. Daran, dass sie Europa diesen Mut zutraut, ließ Kristeva keinen Zweifel und endete so mit einer optimistischen Vision. Anna-Lena Scholz

Am heutigen Dienstag spricht Julia Kristeva als Ehrenmitglied des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung im Haus der Kulturen der Welt zum Thema „The need to believe and the force of monotheism“. Beginn: 20 Uhr.

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