Vulkanausbruch in Japan : Warum eine Vorwarnung unmöglich war

Der japanische Vulkan Ontake brach urplötzlich aus, der Ascheregen überraschte Dutzende Wanderer. Zu der tödlichen Falle kam es vermutlich, weil Wasser mit Magma in Berührung kam.

Sven Titz
Gewaltig. Der japanische Vulkan Ontake spuckte Asche und Geröll.
Gewaltig. Der japanische Vulkan Ontake spuckte Asche und Geröll.AFP

Vorzeichen vor dem Ausbruch? Fehlanzeige. Die Wanderer auf dem japanischen Vulkan Ontake sind am Samstag völlig überrascht, als sie schlagartig von einer Wolke aus Asche, herabstürzenden Steinen und heißen Gasen eingehüllt werden, die aus dem Berg schießt. Nichts und niemand hatte sie vorgewarnt. Mindestens 36 Menschen sterben, 60 sind verletzt – sei es, weil sie Vulkanasche oder giftige Gase einatmen oder weil sie von Gesteinsbrocken getroffen werden. Die Zahl der Todesopfer könnte noch steigen; es gibt noch Vermisste. Immer wieder muss der Bergungseinsatz wegen Schwefelwasserstoff und anderen giftigen Gasen unterbrochen werden.

Kaum Anzeichen auf Aktivität

Dass der Vulkanausbruch derartige Folgen hatte, ist für Japan ungewöhnlich. Ähnlich viele Opfer gab es zuletzt 1991 am Vulkan Unzen auf der südlichen Insel Kyushu. Der Ontake, 200 Kilometer westlich von Tokio, wo so viele Menschen umkamen, zählt zu den 47 japanischen Vulkanen, die permanent mit wissenschaftlichen Instrumenten beobachtet werden. In Japan erledigt diese Aufgabe der nationale Wetterdienst (JMA), der auch eine vulkanologische Abteilung hat.

Oft können Vulkanologen Tage oder Stunden vor einem Ausbruch Alarm schlagen. Steigt Magma in Vulkanen auf, wird Gestein zerbrochen. Das löst kleine Erdbeben oder wenigstens ein Zittern (Tremor) aus. Diese Erschütterungen können Messinstrumente aufzeichnen. So ist es auch vor dem letzten Ausbruch des Ontake im Jahr 2007 gewesen, der damals keine Menschenleben gefordert hat. Oft lässt sich das Aufsteigen des Magmas obendrein an der Aufwölbung des Vulkans erkennen, die mit GPS-Geräten registriert wird. Aber all das haben die Forscher dieses Mal nicht beobachtet.

Am Samstag gab es keine Vorzeichen, die zu einer rechtzeitigen Sperrung des Gipfels hätten führen können. Darum vermuten mehrere Vulkanologen des Landes, dass es sich um eine phreatische Eruption gehandelt hat, schreibt die Zeitung „Asahi Shimbun“. Bei solchen Ausbrüchen kommt plötzlich Grundwasser im Vulkan mit dem Magma in Kontakt und wird erhitzt. Das kann zum Beispiel passieren, wenn ein Schwall Wasser durch eine Spalte in die Tiefe sickert. Explosionsartig entsteht dann Wasserdampf und reißt in der Aufwärtsbewegung Gestein und vulkanische Gase mit sich. Dass eine phreatische Eruption gewaltige Aschewolken produzieren kann, wissen Europäer spätestens seit dem Ausbruch des isländischen Gletschervulkans Eyjafjallajökull vor vier Jahren.

Kleine Eruption mit großer Wirkung

Der Ontake hat auch vor seiner Eruption nicht geschlafen. Die japanischen Vulkanologen der JMA wussten das. Mitte September hatten sie mehrfach ein leichtes Zittern registriert. Danach aber beruhigte sich der Berg. Erst elf Minuten vor dem Ausbruch vom Samstag begann wieder ein Tremor. Bisher ist die Eruption aus vulkanologischer Sicht sehr klein. So wird auch der Flugverkehr durch die ausgestoßenen Aschewolken kaum beeinträchtigt. Nur weil so viele Wanderer auf dem Berg unterwegs waren und der Ausbruch derart überraschend kam, hatte er tödliche Folgen.

Als Wandergebiet ist der 3067 Meter hohe Vulkan zurzeit aus zwei Gründen beliebt: Im Frühherbst verfärben sich die Blätter der Bäume nahe dem Gipfel gelb; außerdem wird der Ontake im Shintoismus, der japanischen Naturreligion, als Naturgottheit verehrt und zieht viele Pilger an. In der Umgebung gibt es mehrere shintoistische Schreine, die dem Vulkan gewidmet sind.

Die Eruption könnte nun laut JMA mehrere Wochen andauern. Die Behörde warnt vor pyroklastischen Strömen. Unter solchen Strömen versteht man eine Mischung aus Vulkanasche, heißen Gasen und Steinen, die mit hoher Geschwindigkeit die Hänge eines Vulkans herabrast. Vermutlich wurden pyroklastische Ströme am Samstag auch den Wanderern zum Verhängnis. (mit dpa)

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