Waffenkultur als Forschungsthema : Revolver in der Reichsbahn

Die Emotionsforschung will ein neues Forschungsthema vorantreiben: Die Historikerin Dagmar Ellerbrock hat in Berlin erforscht, warum Deutsche keine Waffen mehr tragen und Amerikaner ihre „Gun Culture“ lieben.

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Demonstranten, die sich in den USA für den privaten Waffenbesitz einsetzen, halten Transparente hoch.
Einfache Formel. „Schusswaffen retten Leben“: Die US-amerikanische Waffen-Lobby argumentiert mit dem Recht auf Selbstverteidigung...Foto: AFP

Frau Ellerbrock, Deutschland liefert Waffen an die Kurden im Irak, sogar die Linkspartei spricht sich für ein militärisches Eingreifen gegen den „Islamischen Staat“ aus. Normalerweise sind die Deutschen, was Waffengebrauch angeht, eher skeptisch. Was sagt das über ihr emotionales Verhältnis zu Waffen aus, das Sie ja untersuchen?
Sie fragen nach unserer militärischen Waffenkultur. Im Augenblick geht es um die Prävention von Völkermord. Da besteht in westlichen, demokratischen Gesellschaften ein ethisch-moralischer Konsens. Solch ein Konsens funktioniert nicht ohne Gefühle – wir treten emotional für unsere Werte ein. Was mich beschäftigt, sind aber die Gefühle, die den Umgang mit privaten Waffen in zivilgesellschaftlichen Kontexten leiten.

Kann man zivile und militärische Waffenkultur denn trennen?

Es gibt natürlich Verbindungen. Nach Kriegen gehen häufig riesige militärische Bestände in zivilen Besitz über. Das kennen wir auch aus der deutschen Geschichte. Aber unsere Forschung fragt nach dem Umgang mit Waffen in Gesellschaften, die sich nicht im Krieg befinden. Deshalb müsste man in meinen Augen auch prüfen: Wie gehen die, denen wir Waffen liefern, zivil mit Waffen um? Wenn wir selbst keinen umfänglichen privaten Schusswaffenbesitz wollen, dann sollten wir auch keine Waffen dorthin verkaufen, wo das weniger streng geregelt ist.

Dagmar Ellerbrock ist Professorin für Geschichte an der TU Dresden und Assoziierte Wissenschaftlerin des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.
Dagmar Ellerbrock ist Professorin für Geschichte an der TU Dresden und Assoziierte Wissenschaftlerin des Berliner...Foto: Promo/Norbert Michalke

Als Beispiel für liberale Waffengesetze werden häufig die USA genannt. Wieso ist den Deutschen ein Gewehr im Schrank nicht so wichtig?

Die Deutschen haben noch gar nicht so lange ein distanziertes Verhältnis zu Waffenbesitz. Im 19. Jahrhundert hatte Deutschland eine ähnliche Waffenkultur, wie man sie heute in amerikanischen Südstaaten und im Mittleren Westen findet. Egal ob Lehrlinge, Schüler oder Arbeitslose: Wer männlich und älter als 15 Jahre war, trug einen Revolver. Es war normal, bewaffnet mit der Reichsbahn zu fahren. Deutschland erlebte im 20. Jahrhundert eine grundlegende emotionale Umsteuerung. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts haben private Schusswaffen für die meisten Deutschen kein solches Faszinationspotenzial mehr.

Was ist passiert?

Dabei liefen verschiedene Entwicklungen zusammen. Der erste Widerstand kam aus der Bevölkerung. Technologisch waren die Waffen seit den 1880er Jahren auf einem hohen Stand, das Verletzungsrisiko war entsprechend hoch, die Opferzahlen stiegen. Also wurde der Ruf nach Regulierung laut. Die deutschen Regierungen zögerten jedoch. Sie hielten das für eine Zumutung – ganz anders als heute in den USA, wo Waffenbesitz von Bürgern verteidigt wird.

Wann lenkte die Regierung ein?

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Zunächst ordneten die Entente-Mächte eine umfassende Entwaffnung an, die zunächst scheiterte: Die Deutschen lieferten ihre Privatwaffen nicht ab, sondern vergruben sie oder versteckten sie auf Dachböden. Aber zum ersten Mal wurde zivile Entwaffnung politisch denkbar. In der Weimarer Republik gab es wegen politischer Unruhen immer wieder temporäre Entwaffnungen und schließlich wurde 1928 das „Reichsgesetz über Schusswaffen und Munition“ verabschiedet. Generell lässt sich sagen, dass bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das deutsche Waffenrecht relativ liberal blieb: Im Prinzip konnte jeder Volljährige ohne Vorbestrafung einen Waffenschein und eine Waffe bekommen. Die Nazis entwaffneten ab 1933 zwar Juden und Kommunisten – aber ohne gesetzliche Grundlage.

Wie kam es zur emotionalen Wende?

Deutschland verpflichtet sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu Entwaffnung, Demokratisierung und Frieden. Wichtig ist vor allem: Deutsche Ehre war diskreditiert. Die Nazis begingen im Namen der Ehre Völkermord, also ließ sich Waffenbesitz nicht mehr an Ehre knüpfen. Seitdem wurde privater Waffenbesitz zunehmend marginalisiert – und ist heute in der BRD im Wesentlichen nur noch in den Milieus von Schützen oder Jägern präsent.

Braucht es ein solch desaströses Ereignis, um Waffengesetze zu verschärfen?

Australien und England haben ihre liberalen Waffengesetze jeweils nach Amokläufen geändert. Möglich wurde dies, weil die Gesellschaft in dem Moment emotional dahinterstand. Die Kanadier sind dagegen über die Frage des privaten Waffenbesitzes zerstritten, obwohl ihre Gesetze ähnlich streng sind wie unsere. Dort fordern viele das Recht, Waffen zu tragen. Fest steht: Wenn wir Waffen regulieren wollen, müssen wir diese Emotionen verstehen. Solange zum Beispiel in einer Gesellschaft Schusswaffen konstitutiv für Männlichkeit sind, ist eine Umsteuerung schwierig.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In den USA definiert sich hegemoniale, weiße Männlichkeit über Selbstverteidigung und Freiheitsrechte. Das setzt sich in der rassischen Diversifizierung fort. Auch schwarze Männer bezogen sich in den Jahren des Civil Rights Movements auf das Recht zur Selbstverteidigung und traten offensiv in der Öffentlichkeit mit der Waffe in der Hand auf. In den sechziger Jahren – da war Deutschland mit den Waffenrechtsregelungen mehr oder weniger durch – übernahm der amerikanische Waffenverband National Riffle Association (NRA) sogar diese Selbstverteidigungsrhetorik der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und bezog sie – expliziter als bisher – auf weiße Männlichkeit. Waffenbesitz ist also in vieler Hinsicht an das Geschlecht gebunden. In letzter Zeit ist diese Geschlechterkodierung ausgeweitet worden, indem das Recht auf die private Waffe ausdrücklich auf Frauen bezogen und feministisch konnotiert wird: also die Waffe in Frauenhand als Schutz gegen männliche Übergriffe. Damit haben wir in den letzten Jahren in den USA auch eine stärker werdende Bewaffnung von Frauen, die über das Argument der Emanzipation läuft.

Sie haben kürzlich internationale Waffenkulturforscher nach Berlin eingeladen, um über solche Emotionen zu diskutieren. Was ist dabei herausgekommen?

Wir wollten eine europäische Gun-Culture-Forschung anschieben. Der Forschungsstand, den wir bisher haben, ist desaströs. Es gibt nur eine Handvoll Kollegen und Kolleginnen, die dazu arbeiten. Dabei rückt das Thema zunehmend auf die europäische Agenda, nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Amokläufe. Ohne Intervention der EU hätten wir in Deutschland wohl immer noch kein Schusswaffenregister. Es ist völlig absurd: Wir wussten seit Jahrzehnten, wie viele Teebeutel wir verbrauchen, aber wir hatten keine Ahnung, wie viele private Schusswaffen wir besitzen. Der Bewaffnungsstand in Polen ist zum Beispiel sehr niedrig. Niemand weiß, warum. Da hat die Forschung einiges aufzuarbeiten.

Emotionen spielen in der Gun-Culture-Forschung also bislang keine Rolle?

Die Emotionsforschung ist noch ein sehr junges Feld. Selbst in den USA und Kanada, wo es eine sehr differenzierte Gun- Culture-Forschung gibt, sind Fragen nach emotionalen Voraussetzungen noch neu. Emotionen waren in den Wissenschaften lange ein blinder Fleck. Dabei liegt die Verbindung von Waffen und Emotionen auf der Hand. Das war auch die Resonanz der Konferenz: Ich habe noch nie erlebt, dass Kollegen so begeistert von einem neuen Ansatz waren.

Wie erforscht man Faszination für Waffen?

Erst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass wir die Gefühle zu Schusswaffen erlernen. Wenn unsere Väter und Brüder Waffen tragen, haben wir davor weniger Angst, als wenn uns der Umgang mit Waffen fremd ist. Es mag naheliegen, dass Aggression, Angst, Lust und Spaß im Umgang mit Waffen eine Rolle spielen, aber die Angst in Chicago ist möglicherweise nicht die gleiche Angst wie die, die in Berlin empfunden wird und auch nicht die gleiche, die die Menschen vor 300 Jahren durchlebt haben. Emotionen sind einerseits körperbasiert, aber sie sind andererseits auch abhängig von sozialen Interaktionen. Es gibt mittlerweile eine große Methodenvielfalt Gefühle zu untersuchen, die wir für die Gun-Culture-Forschung nutzbar machen wollen.

Die Fragen stellte Sarah Schaschek. Dagmar Ellerbrock leitete den Minerva-Forschungsschwerpunkt „Gefühle, Gewalt und Frieden“ (2012 bis 2014) am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

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