Wissen : Warum Hänschen besser liest

Heute erscheint die Iglu-Studie. International ist die deutsche Grundschule stärker als die Oberschule

Anja Kühne

Als die „Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung“ (IGLU) vor drei Jahren erschien, staunte die Öffentlichkeit. Nach Pisa 2000 hätte sich niemand über einen „Iglu-Schock“ gewundert. Doch Deutschlands Grundschüler sind im Lesen überdurchschnittlich gut, lautete ein zentrales Ergebnis. Heute wird die zweite Iglu-Studie – Englisch: „Pirls“ für „Progress in International Reading Literacy Study“ – veröffentlicht. In Deutschland wurden 10 000 Viertklässler an 410 Schulen getestet, weltweit nehmen 42 Länder teil. Es ist nicht auszuschließen, dass die Viertklässler in Deutschland sich gegenüber der ersten Iglu-Studie weiter verbessert haben. Nach dem „Pisa-Schock“ strengen sich alle am Schulwesen Beteiligten mehr an.

Hatte Deutschland sich in der Iglu-Tabelle von 2001 zwar im oberen Drittel wiedergefunden, legte die Studie gleichwohl Problemzonen der Grundschule offen:

So erreichten Viertklässler in Schweden, den Niederlanden und England noch deutlich höhere Leistungen als die in Deutschland

Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten sind in ihren Leistungen im Schnitt rund ein Jahr hinter den anderen zurück

Bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und gleicher Lesekompetenz haben Kinder aus den beiden oberen Sozialschichten eine 2,6-fach größere Chance, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, legte die nationale Erweiterungsstudie Iglu-E offen.

Erfreulich aus deutscher Sicht waren hingegen andere Resultate für die Grundschule – im Gegensatz zur Oberschule:

Die meisten Kinder in deutschen Grundschulen lesen gern. Der Aussage: „Ich lese nicht zum Vergnügen“ stimmten nur 18 Prozent zu. Bei Pisa sagten das 40 Prozent der 15-Jährigen

Die Jungen sind den Mädchen in Deutschland beim Lesen nicht so deutlich unterlegen wie dies in anderen Ländern der Fall ist. Bei der Pisa-Studie waren die Abstände zwischen den Geschlechtern in Deutschland weit größer, er entsprach etwa einem Schuljahr

An deutschen Grundschulen sind nur zehn Prozent nicht in der Lage, einfache Sachverhalte aus einer Textpassage zu erschließen. Dieser Anteil von Risiko-Schülern liegt im internationalen Schnitt viel höher, bei 26,5 Prozent. Auch unter den 15-Jährigen in Deutschland, die Pisa testete, liegt dieser Anteil weit höher als in der Grundschule: bei knapp 20 Prozent

Warum lesen Grundschüler in Deutschland lieber und besser als die Oberschüler? Die Kinder würden nach der Grundschule zu oft nicht nach ihrer Leistung, sondern nach ihrer sozialen Herkunft auf die Schulen verteilt, sagt die Iglu-Forscherin Renate Valtin von der Humboldt-Universität. So würden weder leistungsstarke Hauptschüler ausreichend gefördert, noch leistungsschwache Gymnasiasten.

In der deutschen Grundschule hingegen wird schon seit Jahren viel Wert auf Differenzierung gelegt, haben Experten schon nach Erscheinen der ersten Iglu-Studie festgestellt. Wenn schwedische oder englische Schüler noch besser abschnitten, dann deshalb, weil deren Lehrerinnen noch stärker im Unterricht differenzierten. Auch dürften die Schüler in England oder Schweden häufiger für sich selbst lesen, während der deutsche Unterricht zu viel Wert auf die Textanalyse lege: Dadurch fehlt den Schülern Zeit, lesen zu üben, auch werden sie demotiviert.

Die Kultusminister bilanzierten damals: „Die bei Pisa aufgedeckten Probleme müssen vorrangig in der Sekundarstufe I selbst gelöst werden. Die individuelle Förderung der Grundschule muss in der Sekundarstufe I ihre Fortsetzung erfahren.“ Anja Kühne

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